Protestbewegung : Die anderen Achtundsechziger

Von Jugoslawien bis Polen: Auch im Ostblock brodelte es vor vierzig Jahren – meistens unbeachtet vom Westen. Allerdings erregte nur der Prager Frühling Aufsehen.

Elke Kimmel

Fast wöchentlich erscheint ein neues Buch über das Jahr 1968 und die Folgen, ungezählt sind die Klagen über „Alt-68er“, die sich beim Gang durch die Institutionen irgendwo ganz oben festgesetzt haben. Viele, die damals jung waren, erinnern sich wehmütig an den Austausch mit den französischen Genossen und den amerikanischen Vorbildern. Dass es auch im Ostblock brodelte, gerät darüber – abgesehen vom „Prager Frühling“ – häufig in Vergessenheit. „Und auch von diesem nahm man erst Notiz, als ihn die sowjetischen Panzer niederwalzten“, sagt Angelika Ebbinghaus von der Stiftung Sozialgeschichte an der Universität Bremen.

Sie beschäftigt sich in einem Forschungsprojekt mit der Frage, wie global „1968“ war. „Ob in Belgrad, Budapest oder Berlin – gemeinsam war den überwiegend jungen Protestierern ihr Engagement für eine ’neue Linke’, abseits des erstarrten Blockdenkens“, sagt Ebbinghaus. Die „Chiffre 1968“ umfasse verschiedene Bewegungen, die bis weit in die 1970er hineingereicht hätten. Antiautoritäre Überzeugungen, Hippie-Kleidung, bestimmte Filme, die man sah, und Bücher, die man las – es gab eine ganze Reihe blockübergreifender, gemeinsamer Codes.

Dass es dennoch wenig westeuropäisches Interesse an den Geschehnissen hinter dem „Eisernen Vorhang“ gegeben habe, sei Ergebnis der fehlenden Bilder. „1968 fand außerhalb der CSSR medial im Ostblock nicht statt – und damit fehlten die wichtigsten Anknüpfungs- und Orientierungspunkte.“ Zumindest teilweise legten die Ost-68er auch gar keinen Wert auf Öffentlichkeit. So zum Beispiel jene katholischen Jugendgruppen in Ungarn, die der Form nach als Hippies auftraten und nicht nur gegen den „Gulaschkommunismus“ der Kommunistischen Partei antraten, sondern auch gegen das hierarchische Denken innerhalb der katholischen Kirche. Sie griffen Ideen der südamerikanischen Befreiungstheologie auf – und saßen damit zwischen allen Stühlen.

In Polen fand „1968“ bereits im März des Jahres statt: Zahlreiche Studenten protestierten gegen die schrittweise Rücknahme des vergleichsweise liberalen Kurses durch KP-Chef Wladislaw Gomulka. Diese Proteste wurden durch Angehörige der Staatssicherheit, getarnt als Arbeiterbrigaden, brutal niedergeschlagen. Zudem diffamierte man die aufrührerischen Studenten und deren Eltern als jüdische „fünfte Kolonne“, die Polen untergrabe. Feliks Tych vom Jüdischen Historischen Institut in Warschau sieht für den massiven Antisemitismus dieser Attacken historische Vorläufer in der jüngeren polnischen Geschichte seit 1935. Junge, systemkonforme Wissenschaftler nutzten die günstige Gelegenheit, um die frei gewordenen Stellen im universitären Bereich zu besetzen – „Märzkarrieristen“.

In der CSSR gingen die Reformen im Zeichen des „Prager Frühlings“ nicht nur am weitesten, sie wurden zudem auch von einem Teil des Apparates selbst getragen. Umso härter trafen die Strafmaßnahmen in den Wochen und Monaten nach dem Einmarsch der „Verbündeten“ am 21. August 1968 Politiker, Intellektuelle und Studenten. Viele Menschen erhielten in der Folge faktisch Berufsverbot und mussten als Fensterputzer arbeiten. Bekanntestes literarisches Beispiel ist der Chirurg Tomas aus Milan Kunderas „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“. Zur beruflichen Degradierung kam häufig die gesellschaftliche Isolierung – viele private Beziehungen zerbrachen unter dem Druck von außen. Der Schock wirkte so nachhaltig, dass die CSSR bis 1989 zu den unbeweglichsten Staaten innerhalb des Warschauer Paktes gehörte.

Dagegen waren die Maßnahmen, die in Josip Titos Jugoslawien gegen die protestierenden Jugendlichen ergriffen wurden, vergleichsweise harmlos. Allerdings beriefen sich diese auch ausdrücklich auf die bestehende Verfassung und forderten unter den Fotos von Tito (als Partisanenführer) und Che Guevara direktere Formen der Demokratie und den Rückzug der USA aus Vietnam.

Spielten in der CSSR durchaus auch nationalistische Gegensätze von Tschechen und Slowaken eine Rolle – Dubcek war als Slowake in der Staatsführung fast eine Sensation –, so verstanden sich die Studenten im AdriaStaat als Jugoslawen. Noch in den Balkankriegen nach 1990 blieben die meisten dortigen 68er ihren Überzeugungen treu.

In der DDR griffen Schüler, Studierende und junge Arbeiter nicht nur die neuesten Trends aus der Bundesrepublik begeistert auf. Viele reisten im Sommer in die CSSR oder besorgten sich in deren Botschaft deutschsprachige Informationen über die Reformen. Umso größer war der Schock, als die sowjetischen Panzer nach Prag rollten. Überall in der DDR gab es Proteste in Form von handgeschriebenen Flugblättern, Graffiti und verbalen Unmutsäußerungen. Der Frust, so Stefan Wolle, Historiker im Forschungsverbund SED-Staat an der Freien Universität, war groß. Er machte sich vor allem daran fest, dass man nun nicht mehr daran glaubte, dass es in absehbarer Zeit einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ geben könne. Zu einer Generationenbildung vergleichbar der im Westen sei es jedoch nicht gekommen, da die dafür notwendige Öffentlichkeit im Mauerstaat gefehlt habe.

Über zwanzig Jahre verstummten die Proteste, man richtete sich in Nischen der Gesellschaft ein – in fast allen Gesellschaften des Warschauer Paktes. Während sich die westlichen Staaten liberalisierten, die 68er sich dort etablieren konnten und in Führungspositionen aufstiegen, gelang dies ihren osteuropäischen Gesinnungsgenossen nicht.

Dennoch: „Die Bürgerrechtsbewegung der 1980er Jahre und die friedliche Revolution des Herbstes 1989 wurden von 40-Jährigen getragen“, sagt Wolle. Allerdings haben sie sich auch in dieser Zeit nicht behaupten können. Als sie noch glaubten, die DDR als bessere Alternative zur Bundesrepublik aufbauen zu können, skandierten Tausende von Demonstranten auf den Straßen „Wir sind ein Volk!“.

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