Prozess ohne Ende : Der Fall Galilei beschäftigt Historiker bis heute

Wissen, „wie es wirklich gewesen“ ist – so wünscht man es sich auch im Falle Galileo Galileis.

Thomas de Padova

Als das Diktum des Historikers Leopold von Ranke im 19. Jahrhundert die Runde machte, war ein angeblicher Ausspruch Galileis schon in der Welt: „Und sie bewegt sich doch!“ Im Zeitalter der Aufklärung irgendwo aufgetaucht, ist er kaum noch wegzudenken aus populären Darstellungen zu Galileis Verurteilung durch die römische Kirche. Hier das Licht der Wahrheit, dort die Ignoranz der Kirche – diese scharfe Gegenüberstellung übte auf die sich emanzipierende Wissenschaft einen großen Reiz aus. Da war es schwer zu ertragen, dass Galilei der kopernikanischen Lehre abgeschworen haben sollte.

In Lexika des 18. Jahrhunderts hatte man ihn gerade dafür der Schwäche bezichtigt: Galilei hätte die Wahrheit fallen lassen und ein „lächerliches Urteil“ über sich ergehen lassen.

So trug jede Epoche eigene Fragestellungen und Deutungen an Galilei heran, die jeweils neue Forschungen nach sich zogen. Als der Galilei-Forscher Emil Wohlwill die Prozessakten Ende des 19. Jahrhunderts durchforstete, ließ er sich von zwei Fragen leiten: Hatte die Kirche Dokumente gefälscht, um Galileis Verurteilung irgendwie zu legitimieren? Hatte sie ihm mit Folter gedroht? Wohlwills Studien legten beides nahe. Klare Antworten gibt es bis heute nicht. Wissen, „wie es wirklich gewesen“ ist, hat sich als unmöglich erwiesen.

Dennoch sind die am historischen Material gewonnenen Erkenntnisse gewachsen. Neue Facetten wie Galileis geschickte Patronagepolitik sind ins Blickfeld gerückt. Der Höfling verschickte selbst gebaute Teleskope an Fürsten und Kardinäle. Und dieselben Kardinäle, die ihn erst feierten, lehrten ihn später das Fürchten. Heute wird der Prozess gegen ihn im Jahr 1633 auch als Folge eines persönlichen Zerwürfnisses mit Papst Urban VIII. angesehen. Dieser hatte ihn zuvor als „Bruder“ bezeichnet, fühlte sich aber auf dem Tiefpunkt seines Pontifikats von ihm und anderen Vertrauten hintergangen. Galilei, ein gefallener Günstling des Papstes.

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