• Psychiatrie: Illegale Droge erweist sich als vielversprechend bei der Behandlung von Traumasymptomen

Psychiatrie : Illegale Droge erweist sich als vielversprechend bei der Behandlung von Traumasymptomen

MDMA könnte einer Studie zufolge den Nutzen einer Psychotherapie erhöhen.

Arran Frood

Der ersten klinischen Phase-II-Studie zum potenziellen Nutzen der Droge als Unterstützung einer Psychotherapie zufolge kann die umstrittene Droge MDMA - auch bekannt als "Ecstasy" - helfen, die Auswirkungen einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) zu lindern.

Die meisten Patienten, die eine psychotherapeutische Behandlung in Kombination mit MDMA (3,4-methylenedioxy-N-methylamphetamine) erhielten, erfuhren binnen zwei Monaten eine statistisch signifikante Reduktion der Schwere ihrer Erkrankung, verglichen mit einer Kontrollgruppe, die nur eine Psychotherapie erhielt.

"Es ist wichtig, sich darüber im Klaren zu sein, dass es sich um eine kleine Pilotstudie handelt und dass die Ergebnisse repliziert werden müssen", sagt Michael Mithoefer, niedergelassener Psychiater in South Carolina, der die Studie leitete. "Aber es ist sicher, dass weitere Studien folgen sollten."

Mithoefer glaubt, dass MDMA Angst und Defensivität reduzieren und Vertrauen steigern kann, wenn es in klinischen Settings eingesetzt wird. "Es kann einige der Therapiehindernisse beseitigen und als Katalysator für therapeutische Prozesse wirken", sagt er.

"Als jemand, der Menschen mit einer schweren unbehandelbaren PTBS in der Klinik sieht, halte ich die Ergebnisse für sehr interessant", meint David Nutt, Psychopharmakologe an der University of Bristol. "Diese Daten stützen die Idee, dass MDMA medizinischen Nutzen hat."

Die Ergebnisse, die noch nicht publiziert wurden, wurden auf der 24. Jahrestagung der International Society for Traumatic Stress Studies in Chicago präsentiert.

Machtvolle Flashbacks

MDMA gilt in den meisten Ländern als illegale Droge, ihr therapeutischer Nutzen bei Traumapatienten wurde als erstes in den 1970er und frühen 1980er Jahren in Kalifornien untersucht, als die Droge noch relativ unbekannt und legal war.

Die Symptome einer PTBS treten üblicherweise drei Monate nachdem der Betreffende in ein verstörendes Ereignis involviert war auf, zum Beispiel sexuelle Übergriffe, Folter, Kriegshandlungen oder als Zeuge eines schweren Unglücksfalls. Die Erkrankung kann die Betroffenen durch machtvolle Flashbacks, die sie wiederholt die lähmenden Emotionen des ursprünglichen Ereignisses durchleben lassen, verschlossen, depressiv und unfähig zu funktionieren machen. Eine Kombination aus kognitiver Verhaltenstherapie und Medikamenten wie Paroxetin kann über Monate zu einer Verbesserung führen. Nutts weist jedoch darauf hin, dass bis zu 20 Prozent der Patienten nicht auf eine konventionelle Behandlung anspricht.

Mithoefer brauchte mehr als fünf Jahre, um die Genehmigung zu erhalten, zu untersuchen, ob MDMA diesen Patienten helfen könnte. Seine Studie wurde mit einer Million US-Dollar von Multidisciplinary Association for Psychedelic Studies (MAPS) finanziert, einer in Kalifornien ansässigen Gruppe, die für Psychedelika eintritt.

Traumatische Zeiten

Die meisten der 23 Patienten in der Studie waren weibliche Opfer sexueller Traumata; zwei Patienten waren männliche Veteranen des Irakkriegs. Alle absolvierten eine Reihe von Tests, in denen die Schwere ihrer PTBS bestimmt wurde, bevor sie sich einer Reihe von Therapiesitzungen unterzogen - die durchgeführt wurden nach der Einnahme von entweder MDMA oder Plazebo. Vier Tage später folgten weitere psychologische Tests und Therapiesitzungen.

Nachdem diese Sequenz zweimal durchlaufen wurde, konnten Probanden der Plazebo-Gruppe wählen zu wechseln, so dass jedem eine Behandlung nach Einnahme von MDMA offen stand. Insgesamt 21 Teilnehmer durchliefen alle drei Runden der experimentellen Studie.

Zwei Monate nach der letzten experimentellen Sitzung bestimmte der Psychologe Mark Wagner von der Medical School of South Carolina, der nicht in die experimentellen Sitzungen involviert war, die Symptome der Patienten. 92 % der Teilnehmer zeigte eine signifikante Reduktion ihrer Werte auf der zugrunde gelegten Trauma-Skala CAPS von 30 % und mehr. Lediglich 25 % in der Plazebo-Gruppe zeigte eine ähnliche Reduktion. Es kam nicht vor, dass sich keine Effekte zeigten.

Mithoefer glaubt, dass die Effektivität auf der Kombination von Therapie und MDMA beruht, nicht auf der Droge allein. "Die Probanden benötigen ein gutes Follow-up, um die Erfahrung zu verarbeiten, da es starke Emotionen hervorrufen kann", sagt er.

Kleine Hoffnung

Während Nutt Mithoefer zustimmt, dass die Ergebnisse weitere Studien rechtfertigen, sagt Simon Wesseley, Psychiater am King's College London, dass die Studie viel zu klein gewesen sei, um aussagekräftige Schlussfolgerungen zuzulassen. "Meiner Erfahrung nach ist therapieresistente PTBS eine komplexe Erkrankung mit vielen Ursachen - wir sollten bei ‚Wunderheilungen' sehr vorsichtig sein", sagt er. Als psychiatrischer Berater der British Army würde er diese Behandlung aufgrund der derzeitigen Evidenz nicht befürworten, fügt er hinzu.

Schweizer Psychiater hatten zuvor bereits Daten zur Behandlung mit MDMA im therapeutischen Kontext veröffentlicht, die Probanden erhielten jedoch ebenfalls LSD. Obwohl die Daten durchaus positiv waren, war es nicht möglich, die Effekte der einzelnen Drogen zu bestimmen. Eine ähnliche Studie mit MDMA in Spanien, die zwischen 2000 und 2002 durchgeführt wurde, wurde aufgrund negativer Publicity gestoppt. Weitere MDMA-PTBS-Studien laufen in Israel und in der Schweiz.

MAPS-Gründer Rick Doblin zweifelt nicht daran, dass die Daten von grundlegender Bedeutung sind. "In den 22 Jahren seit der Gründung von MAPS haben für uns darum bemüht, den therapeutischen Nutzen von MDMA zu untersuchen", sagt er. "Und die Ergebnisse legen nahe, dass MDMA mit Psychotherapie effektiver sein kann, als jede derzeit von der pharmazeutischen Industrie erhältliche Medikation."

Literatur:
Greer, G. & Tolbert, R . J. Psychoactive Drugs 18, 319-327 (1986).
Bouso, J. C. et al. J. Psychoactive Drugs 40, (2008).
Freudenmann, R. W. , Öxler, F. & Bernschneider-Reif, S. Addiction 101, 1241-1245 (2006).

Dieser Artikel wurde erstmals am 13.11.2008 bei news@nature.com veröffentlicht. doi: 10.1038/news.2008.1229. Übersetzung: Sonja Hinte. © 2007, Macmillan Publishers Ltd

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