Psychiatrie : Leiden am Ich

Eine Gefahr für sich selbst und für andere: Wie Störungen der Persönlichkeit erkannt und behandelt werden.

Adelheid Müller-Lissner
Borderline
An der Grenze. Menschen mit Borderline-Störung neigen dazu, sich selbst zu verletzen. -Foto: Imago

„Nur Persönlichkeiten bewegen die Welt, niemals Prinzipien“, meinte der Schriftsteller Oscar Wilde. Persönlichkeiten heben sich ab von der Masse, sie ziehen durch, was sie für richtig halten. Und wer wünscht sich das nicht: Bei Bedarf Charakter zu beweisen, Geradlinigkeit Standfestigkeit und Mut? Allerdings gibt es auch Ausprägungen einer solchen Stabilität des Verhaltens, die die Betroffenen und ihre Umgebung sehr unglücklich machen können. „Eine Persönlichkeitsstörung zeigt sich in festgefahrenen, wenig veränderbaren und wenig angepassten Verhaltensweisen, die zu persönlichem Leid und Schwierigkeiten mit der Umwelt führen“, so beschreibt die Kinder- und Jugendpsychiaterin Beate Herpertz-Dahlmann von der Uniklinik Aachen die Störung, der sich beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde im Berliner ICC zahlreiche Sitzungen widmeten.

Erste Zeichen einer Persönlichkeitsstörung treten schon in der Kindheit auf. Es gilt als sicher, dass genetische Faktoren das Temperament eines Kind beeinflussen. Kann sich ein Mensch schon als Kleinkind schlecht auf neue Situationen einstellen und leidet auffallend häufig unter negativer Stimmung, so erhöht das die Wahrscheinlichkeit für psychische Störungen im späteren Lebenslauf.

Unter den Persönlichkeitsstörungen ist heute die Borderline-Störung am besten erforscht. „Das Kernproblem liegt hier in einer Störung der Gefühlskontrolle, die über die gesamte Lebenszeit meist besonders stabil bleibt“, erläuterte die Psychiaterin Sabine Herpertz von der Uni Heidelberg. Die Betroffenen erleben das als quälende Daueranspannung, der sie häufig begegnen, indem sie sich selbst Verletzungen zufügen.

„Sie wissen nicht, wer sie sind, und sie empfinden keinen Selbstwert“, sagte Herpertz. Viele beginnen schon mit neun oder zehn Jahren, sich selbst zu verletzen. Trotzdem warnen Kinderpsychiater davor, zu früh mit der Diagnose Persönlichkeitsstörung bei der Hand zu sein. „Wir benutzen den Begriff nach Möglichkeit nicht vor dem 16. Lebensjahr, es besteht schließlich lange Zeit die Chance zu einer normalen Entwicklung“, sagte Herpertz-Dahlmann.

Auch bei der antisozialen Persönlichkeitsstörung gibt es früh deutliche Anzeichen. Menschen, die als Erwachsene Gewalttaten begehen, sind überdurchschnittlich häufig schon im Kindergarten durch impulsive und teilweise auch grausame Handlungen aufgefallen – und durch ihre Schwierigkeiten, sich in andere Menschen einzufühlen. „Solche Kinder sind deutlich stärker gefährdet, später gewalttätig zu werden, als Jugendliche, die erst in der Pubertät beginnen zu randalieren“, sagt Herpertz-Dahlmann.

Studien zeigen aber inzwischen, dass das nicht allein an ihrem schwierigen Temperament liegt, sondern auch an schlimmen Erfahrungen, die sie von klein auf vor allem in der Familie machen mussten. Allenfalls ein Drittel der früh auffälligen Kinder bekommt später eine antisoziale Persönlichkeitsstörung.

Weil sie soziale Normen und die Rechte anderer verletzen, landen Menschen mit einer antisozialen Persönlichkeitsstörung häufig in Gefängnissen oder im Maßregelvollzug. Birgit Völlm von der Uni Nottingham vergleicht Insassen aus solchen Einrichtungen, bei denen eine antisoziale Persönlichkeitsstörung diagnostiziert wurde, mit Kontrollpersonen – und das auch mit der funktionellen Magnetresonanztomografie („Hirnscanner“). Völlm fand heraus, dass antisoziale Persönlichkeitsstörungen in einem bestimmten Bereich des Stirnhirns, dem mittleren präfrontalen Kortex, weniger Hirnrinde besitzen. „Das könnte die verminderte Fähigkeit zum Hineinversetzen in andere erklären“, sagte Völlm.

Das heißt nicht, dass antisoziale oder Borderline-Störungen zu den unveränderlichen Kennzeichen einer Person gehören. Die Bildgebung kann auch dazu dienen, Veränderungen zu objektivieren, die auf eine Therapie zurückgehen. „Es gibt mehrere wirksame Behandlungsprogramme, und sie alle zeichnen sich dadurch aus, dass sie Elemente unterschiedlicher Psychotherapieschulen integrieren“, berichtete Herpertz. Gut untersucht ist etwa die Dialektisch-Behaviorale Therapie, für die Elemente der Verhaltenstherapie, der kognitiven und der Gestalttherapie verbunden werden. Und in der Schematherapie werden ungünstige, verfestigte Verhaltensweisen bearbeitet.

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