Psychoanalyse : Freuds Träume

Im Jahr 1909 reiste der Begründer der Psychoanalyse in die USA. Die Überfahrt war geprägt vom Machtspiel mit C.G. Jung.

Peter-André Alt
„Die Glocken läuten“. Stanley Hall, der Präsident der Clark University, (Mitte), hatte Sigmund Freud (unten links) eingeladen. Der Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung (rechts unten) begleitete Freud gemeinsam mit Sándor Ferenzci (rechts oben).
„Die Glocken läuten“. Stanley Hall, der Präsident der Clark University, (Mitte), hatte Sigmund Freud (unten links) eingeladen. Der...Foto: mauritius images

Im Dezember 1908 erhielt Freud ein Schreiben aus den Vereinigten Staaten, das ihn zu Vorträgen an die private Clark University in Worcester (Massachusetts) zur Feier ihres zwanzigjährigen Bestehens einlud. Verfasser des Briefes war der noch amtierende Gründungsrektor, der Experimentalpsychologe Stanley Hall, der vier Jahre zuvor ein wegweisendes Werk über das Konzept der Adoleszenz verfaßt hatte. Er wollte Freuds Lehre, die er selbst nur oberflächlich kannte, im Kreis von Kollegen der sozial- und geisteswissenschaftlichen Disziplinen vorstellen und diskutieren lassen, um für sie „die Glocken zu läuten“. Freud war geladen, im Juli fünf Vorlesungen über Psychoanalyse zu halten, zudem sollte ihm ein Ehrendoktorat verliehen werden. Da eine Überseereise im Sommer zu einer dreiwöchigen Unterbrechung der Praxis und entsprechendem Einkommensverlust hätte führen müssen, schlug Freud das Angebot zunächst schweren Herzens aus. In einem zweiten Anlauf erhöhte Hall das Honorar Ende Februar 1909 auf 714 Dollar – das waren 3000 Kronen – und nannte als neuen Termin den September. Das paßte weitaus besser zu Freuds Planungen, da er zu dieser Zeit die Praxis ohnehin schloß und bis Anfang Oktober Urlaub machte. Das veränderte Angebot wurde akzeptiert, weil nun galt, daß die Reise, anders als Freud zunächst fürchtete, nichts kostete, sondern Gewinn einbrachte. Zwar kolportierte Jung das Gerücht, Kraepelin habe kurz zuvor für eine Behandlung in Kalifornien ein Honorar von 50.000 Reichsmark eingestrichen, aber der Wahrheitsgehalt solcher Zahlen blieb fragwürdig. Freud war nun entschlossen, sich zu den angegebenen Konditionen auf das amerikanische Abenteuer einzulassen.

Freud wollte in den USA auch neue Patienten für die Psychoanalyse gewinnen

Nicht zuletzt ging es um strategisches Kalkül: 1906 war Charcots Schüler Pierre Janet in Harvard aufgetreten und hatte dort seine Theorie der Psychodynamik vorgestellt, begleitet von kritischen Kommentaren zur analytischen Sexualauffassung. Das mußte durch ein authentisches Bild entschieden korrigiert werden, damit die amerikanischen Nervenärzte bleibende Einsichten in die neue Lehre gewinnen konnten. Nebenbei bestand die Hoffnung, daß man, wie Jung schrieb, die potentielle „Klientel“ in Übersee für die Psychoanalyse zu gewinnen und neue Patienten anzuziehen vermöge.

Nachdem der Terminkonflikt behoben und das Honorar geregelt war, mußte Freud praktische Probleme lösen. Eine der leichteren Schwierigkeiten blieb die Frage der passenden Kleidung. „Ich hege noch die Hoffnung“, schrieb er am 29. März 1909 an Brill, „daß es möglich ist, Frack u Smoking für Amerika zu vermeiden.“ Mit Freud sollten Ferenczi und Jung, der verspätet eingeladen wurde, nach Worcester reisen. Ferenczi, der im offiziellen Programm nicht vorgesehen war, übernahm die Rolle des persönlichen Assistenten für die Planung. Anfang Mai 1909 suchte er die günstigsten Seeverbindungen und die preiswertesten Angebote aus, wobei am Ende die Wahl auf Einzelkabinen im Innendeck an Bord der vom Norddeutschen Lloyd betriebenen George Washington fiel; „ein neues stolzes Schiff“, wie Ferenczi befriedigt vermerkte. Freud zählte seit Juni, wie gewöhnlich, die Wochen bis zu den Ferien, deren ersten Teil er ab Mitte Juli in Tirol verbrachte. In Wien schloß er die Niederschrift der Geschichte des ,Rattenmanns’ ab, dann reiste er ins Hotel Ammersee. Weil sein „Kräftebudget für 1909“ schon verbraucht war, nahm er sich während des Urlaubs keine wissenschaftliche Arbeit vor und verlegte auch die Konzeption seiner amerikanischen Vorträge auf die Zeit der Schiffspassage.

Nach dem Essen fiel Freud in Ohmacht - verdrängte Aggressionen?

Die kleine Gruppe traf sich am 20. August in Bremen zur gemeinsamen Überfahrt, die am 21. August beginnen und acht Tage dauern sollte. Freud ließ sich einen neuen Anzug schneidern und tafelte mit seinen Kollegen am Mittag der Abreise im Bremer Rathauskeller zur Einstimmung auf das bevorstehende Abenteuer. Doch die üppigen kulinarischen Freuden überforderten ihn offenkundig: nach der Vorspeise mit Fisch und Weißwein brach ihm der Schweiß aus, und er fiel kurz in Ohnmacht. Das Ereignis provozierte später bei allen Anwesenden sehr unterschiedliche Auslegungen, die verdrängte Aggressionen und Konflikte enthüllten. Freud deutete das Geschehen für sich persönlich als Resultat der strapaziösen Anreise und des ihm ungewohnten Weinkonsums; offiziell einigte er sich mit Ferenczi darauf, daß seine Ohnmacht ein heimliches Schuldgefühl dokumentierte, da er den Abstinenzler Jung zum Alkoholgenuß überredet habe. Jung hingegen interpretierte den Vorfall als Zeichen der Angst, die der Ältere ihm gegenüber verspürte. Er selbst sprach, so erinnerte er sich, über Moorleichen und Bestattungsriten der Nordvölker, als die Ohnmacht geschah. Freud habe ihm später gestanden, daß die Wahl des Themas seine Annahme bestätigte, er, der Sohn, wünsche ihm, dem Vater, insgeheim den Tod.

Man wechselte zur Erzählung und Deutung nächtlicher Träume

Freud bestieg den Luxusdampfer mit gemischten Gefühlen, weil er sich vor der einwöchigen Eingeschlossenheit und möglicher Seekrankheit fürchtete. Befriedigt registrierte er dann die komfortable Ausstattung der Kajüte, das vorzügliche, seinen empfindlichen Magen schonende Essen, die bequemen Liegen auf dem Zwischendeck. Daß der Stewart einer gern erzählten Anekdote zufolge seine Psychopatholgie des Alltagslebens las, steigerte die gute Laune des Reisenden. Aufmerksam beobachtete Freud das Verhalten der luxuriös gekleideten Amerikanerinnen („zum Flirt aufgelegt“), ihrer oft vermögenden Männer („Typen, die man kennt oder sofort erkennt, meist festliche, oft respektable“) und den unbefangenen Umgang mit den Kindern („herzige Exemplare, die sich an Bord sehr wol befinden“). Bereits am zweiten Tag sah man drei Delphine aus den Wellen hervorspringen und bewunderte abends das eindrucksvolle Meeresleuchten. Da es zahllose Ablenkungen im Tagesablauf gab – als Höhepunkt einen großen Festball kurz vor der Ankunft –, war eine konzentrierte Präparation der für die Clark University geplanten Einführung kaum möglich. Freud debattierte mit Ferenczi und Jung über die mögliche Gliederung, erörterte die Wahl der Themen, entschied sich aber, seine Überlegungen wie im heimischen Wiener Hörsaal gänzlich frei, ohne Manuskript vorzutragen. Wurden die Debatten über analytische Themen zu erschöpfend, so wechselte man zur Erzählung und Deutung nächtlicher Träume.

"Ich kann doch meine Autorität nicht riskieren"

Bei zumeist feuchtem Wetter ruhten Freud, Jung und Ferenczi auf ihren Liegestühlen unter Schirmen, suchten sich beim Blick auf das mäßig bewegte Meer zu entspannen und erörterten Psychologisches aus der Perspektive ihrer individuellen Alltagserfahrung als Praktiker und subjektiv Betroffene gleichermaßen. An Martha meldete Freud in heiterer Stimmung: „Wir dürften an Bord die einzigsten sein, die geistig arbeiten u. uns dabei in der Regel gut unterhalten.“

So vergnüglich, wie es Freuds Anmerkung vermuten läßt, waren die Diskussionen jedoch nicht. Die Kontroverse mit Jung brach jetzt auf zentralem Feld aus – im Sektor der Traumdeutung. Jungs Träume, in denen immer wieder verlassene Häuser, Schädel, Staub und zerbrochene Gefäße vorkamen, wurden von Freud als Tötungsphantasien interpretiert, die seine verkappten Aggressionen ihm gegenüber offenbarten. Jung entzog sich diesem Verdacht durch eine absichtlich falsche Auslegung, indem er seine Traummotive auf seine gespannte Einstellung zu Ehefrau und Schwägerin zurückführte. In seiner Biographie schrieb Jung: „Ich war mir durchaus bewußt, daß mein Verhalten moralisch nicht einwandfrei war. Aber es wäre mir unmöglich gewesen, ihm einen Einblick in meine Gedankenwelt zu geben.“ Umgekehrt verschloß sich Freud Jung gegenüber, indem er sich weigerte, private Hintergründe aufzudecken, die für das Verständnis seiner eigenen Träume erforderlich waren. Seine lapidare Erklärung lautete: „,Ich kann doch meine Autorität nicht riskieren.’“

"Sie ahnen nicht, daß wir ihnen die Pest bringen"

Jung betrachtete diese Einschätzung als Zeichen mangelnder Souveränität und Offenheit, wodurch Freuds Ansehen in seinen Augen erheblich litt. Deutlich wurde am Machtspiel der beiden, daß ihre Beziehung nicht im Lot war. Jungs Lüge und Freuds Schweigen verrieten Furcht vor ihren wahren Gefühlen, die nicht ans Licht kommen durften, weil das ihre jeweilige Stellung gefährdete.

Als das mächtige Schiff im Hafen von New York einfuhr, soll Freud in Angesicht der Freiheitsstatue zu seinen Begleitern gesagt haben: „Sie ahnen nicht, daß wir ihnen die Pest bringen.“ Diesen Satz zitierte Jung 1954 gegenüber Jacques Lacan, der ihn als Selbstbezichtigung der Psychoanalyse, als Beschwörung der Nemesis – der antiken Gottheit für die strafende Gerechtigkeit – auslegte. Der Wahrheitsgehalt der Aussage, an die sich in Frankreich zahlreiche Spekulationen knüpften, ist allerdings höchst zweifelhaft. Weder betrachtete Freud die Psychoanalyse als Krankheit, die ihre eigenen Fälle selbst hervorbrachte, noch glaubte er daran, daß sie selbst wie eine Epidemie alle Welt anzustecken drohte. Das blieb die Perspektive seiner Kritiker, die er zutiefst verachtete, und niemals wäre es ihm eingefallen, sie sich zu eigen zu machen. Nicht seine Lehre, sondern das Leiden, das sie bekämpfte, verkörperte für ihn die Pest: jene Neurose der Moderne, die gerade in Amerika üppig blühte.

Der Autor ist Professor für Neuere deutsche Literatur und Präsident der Freien Universität Berlin. Der Text ist seinem soeben erschienenen Buch entnommen: Peter-André Alt: Sigmund Freud. Der Arzt der Moderne. Eine Biographie. 1036 S., Verlag C.H. Beck, München 2016. 34,95 Euro.

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