Psychologie : Der Scholl-Gomez-Effekt

Psychologen zeigen: Für unbeliebte Menschen hat man mehr Worte als für jene, die einem sympathisch sind. Dahinter steckt offenbar ein Mechanismus, der uns hilft, Gefahren besser zu erkennen.

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Der ARD-Fußballexperte Mehmet Scholl.
Der ARD-Fußballexperte Mehmet Scholl.Foto: dpa

Er habe zwischenzeitlich befürchtet, Gomez habe sich wundgelegen und man müsse ihn wenden, lästerte Mehmet Scholl nach dem EM-Auftaktspiel über den deutschen Torjäger. Sein Kommentar lässt zwei Schlüsse zu. Zum einen, dass Scholl nicht auf den Mund gefallen ist. Und zum anderen, dass er Mario Gomez wohl nicht sonderlich mag.

Möglicherweise hat beides auch miteinander zu tun. Denn eine aktuelle Studie zeigt, dass Menschen ihre Feinde meist wortgewaltiger beschreiben als ihre Freunde. Auf diesen Zusammenhang sind Psychologen der Universität Halle-Wittenberg gestoßen.

In einem Experiment sollten Versuchspersonen insgesamt vier Menschen aus ihrem Bekanntenkreis charakterisieren, zwei sympathische und zwei unsympathische. Jeden dieser Bekannten durften sie mit frei wählbaren Attributen belegen. Insgesamt kamen so mehr als 750 unterschiedliche Begriffe zusammen: von „intelligent“ über „lebenslustig“ bis hin zu „bösartig“ und „asozial“.

Nur 40 Prozent dieser Adjektive beschreiben positive, mehr als 60 Prozent dagegen negative Wesenszüge, stellte das Team um Studienleiter Daniel Leising fest. Anders gesagt: Die Versuchsteilnehmer zeigten sich in ihrer Wortwahl deutlich variabler, wenn sie jemanden beschrieben, den sie nicht mochten. Sympathieträger wurden dagegen immer wieder mit denselben Worten charakterisiert, die Bandbreite der Ausdrücke war viel geringer, schreiben die Forscher im „Journal of Research in Personality“.

Die erste Erklärung für dieses Phänomen ist einfach: Es gebe im Deutschen – und vermutlich auch in anderen Sprachen – augenscheinlich einfach mehr Ausdrücke für schlechte als für gute Charaktereigenschaften, sagt Leising. Dahinter wiederum stehen vermutlich existenzielle Gründe. Zu wissen, warum genau jemand unbeliebt ist, kann unter Umständen sehr wichtig sein. Ist er einfach ein Langweiler, mit dem man keinen Spaß haben kann? Oder ist er ein brutaler Schläger, den man tunlichst meiden sollte?

Es scheine übrigens auch in anderen Zusammenhängen so zu sein, dass wir im Negativen genauer differenzieren als im Positiven, sagt Leising. Dazu gebe es einige überzeugende Anhaltspunkte aus Arbeiten anderer Forscher. Seiner Meinung nach lässt sich die Beobachtung folgendermaßen erklären: Wir können so die Ursachen eines Übels leichter identifizieren und beseitigen. Beispielsweise muss ein Arzt genau wissen, unter welchen Symptomen sein Patient leidet, damit er die richtige Diagnose stellen kann. Darum fragt er genau nach: Ist der Schmerz brennend? Ist er stechend oder stumpf?

Nach einem Fußballspiel ist es ähnlich. War es gut, bedarf es nur weniger Sätze, um die Leistung des Teams zu bewerten. War es schlecht, wird die Analyse differenzierter ausfallen.

Auch Mehmet Scholl hat seinen kessen Worten vom wundgelegenen Torjäger noch eine ausführlichere Bewertung folgen lassen. Ob sie für Joachim Löw (oder Mario Gomez) hilfreich war, sei dennoch dahingestellt.

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