Psychologie : Die Angst, als Rassist zu gelten

Studierende üben an den Arbeiten schwarzer Kommilitonen weniger Kritik. Hauptgrund ist vermutlich die Furcht um den eigenen Ruf: Man will nicht als Rassist dastehen.

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„Wer mir schmeichelt, ist mein Feind, wer mich tadelt, mein Lehrer“, sagt angeblich ein altes chinesisches Sprichwort. Klingt nach Glückskeks-Weisheit, ist so falsch aber nicht. Die Lernforschung zeigt, dass Kritik ein wichtiger Anreiz sein kann, sich zu verbessern. Wer dagegen stets gelobt wird, schöpft sein Potenzial möglicherweise nie komplett aus. Augenscheinlich werden manche Menschen jedoch seltener mit negativem Feedback konfrontiert als andere. Das zeigt eine Studie im „Journal of Experimental Social Psychology“.

Alyssa Croft und Toni Schmader von der Universität von British Columbia hatten Studierende gebeten, die Qualität von Texten zu bewerten. Einige der Essays waren angeblich von weißen, andere von schwarzen Kommilitonen verfasst worden. Die Versuchspersonen sollten besonders gelungene Passagen mit einem gelben Textmarker kennzeichnen, schlechte Abschnitte mit einem blauen.

Die Forscher stießen auf einen signifikanten Zusammenhang: In den korrigierten Aufsätzen fand sich viel weniger Blau, wenn sie angeblich aus der Feder eines schwarzen Studenten stammten. Dagegen verteilten die Probanden ihr Lob unabhängig von der Hautfarbe des Verfassers.

Paradoxerweise waren es nicht etwa Studierende mit festgefügten Gleichheitsidealen, die ihre schwarzen Kommilitonen vor negativem Feedback verschonten. Stattdessen sparten vor allem diejenigen Versuchsteilnehmer mit Kritik, die fürchteten, andernfalls für rassistisch gehalten zu werden. Der Hauptgrund für dieses Verhalten sei vermutlich die Angst um den eigenen Ruf, also reines Selbstinteresse, meinen die Forscher. Zu diesem Schluss kamen sie durch die Auswertung von Persönlichkeitsfragebögen, die ihre Probanden im Vorfeld ausgefüllt hatten.

„Die Tendenz, Kritik zurückzuhalten, hat möglicherweise Konsequenzen für Lernerfolg und Leistung der Betroffenen“, schreiben die Autoren. Es sei wichtig, Studierenden ein ehrliches Feedback zu geben, und zwar unabhängig von der Hautfarbe.

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