Psychologie : Mit Kobolden gegen Gewalt

Mädchen neigen immer häufiger zu brutalem Verhalten. Wie man Kindern hilft, friedlich zu bleiben.

Rosemarie Stein

Zu den wichtigsten Themen auf dem Internationalen Psychologiekongress gehörte die Frage, wie man Kinder- und Jugendgewalt vorbeugen kann. „Schulen sind sehr leidensfähig; sie rufen erst spät um Hilfe, wie etwa die Rütli-Schule“, sagte der Entwicklungspsychologe Herbert Scheithauer von der Freien Universität Berlin (FU). Ein einfaches Rezept gegen Gewalt unter jungen Menschen hatten die auf dem Kongress vertretenen Experten auch nicht. In zwei Punkten herrschte aber Einigkeit: Die Erziehung gegen Gewalt muss möglichst früh beginnen, und man sollte nur solche Präventionsprogramme einführen, die sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse stützen und nachweislich einen Nutzen bringen.

Nach Ansicht der Fachleute sollten die vorbeugenden Programme bereits während des Besuchs des Kindergartens beginnen, auch wenn gefährliche Aggressionen erst später auftreten. Diese sind meist bei Jugendlichen zu finden, die sich vom Elternhaus lösen und deren Unternehmungslust mitunter in Gewalttätigkeit ausartet. Wie bei jungen Tieren sei es auch bei Menschen normal, dass bereits die ganz Kleinen aufeinander losgingen, sagte der Biopsychologe Peter Walschburger, der ebenfalls an der FU forscht. Bei Zweijährigen beispielsweise könne der Schlag mit der Schippe auf den Kopf mangels Körperkraft aber kaum verletzen. Wie Walschburger erklärte, hören Mädchen gewöhnlich früh auf, aggressiv zu handeln, Jungen hingegen blieben länger dabei.

„Aber die Mädchen holen auf“, machte der Rechtspsychologe Thomas Bliesinger von der Universität Kiel deutlich und verwies auf die Kriminalitätsstatistik. Sie zeige allerdings auch, dass Jugendgewalt heute hochgespielt werde. Kriminell jedenfalls seien nur wenige – und oftmals dieselben. Bliesinger wehrte sich deshalb dagegen, die Jugend zu verteufeln. Auch der Berliner Entwicklungspsychologe Scheithauer sieht massive Gewalttätigkeit unter Jugendlichen eher als Ausnahme: „Eigentlich ist das eine ganz tolle Generation, deren Möglichkeiten wir fördern sollten.“

Er stellte das von ihm mitentwickelte kindgerecht-spielerische Programm „Papilio“ (lateinisch für Schmetterling) zur Sucht- und Gewaltprävention für Vier- bis Siebenjährige vor. Das sei bereits von Kindergärten in zehn Bundesländern eingeführt worden. Mangels Sponsoren werde dieses Programm in den Berliner Kindergärten noch nicht angeboten.

Es basiert auf Studienergebnissen, wonach Verhaltensstörungen wie Aggressivität, extreme Schüchternheit oder Hyperaktivität die wichtigsten Risikofaktoren dafür sind, später eine Sucht und/oder Gewalttätigkeit zu entwickeln. Mangelnde Bindung an Eltern, Erzieher, Lehrer sowie an andere Kinder vergrößern die Gefahr. Zu den Schutzfaktoren gehören dagegen ein positives Selbstwertgefühl und gute Kontakte zu Gleichaltrigen. Diese müssten rechtzeitig gestärkt werden, denn frühkindliche Verhaltensstörungen verfestigten sich im Alter von etwa acht Jahren, betonte Scheithauer.

Papilio ist ein wissenschaftlich begleitetes mehrteiliges Programm zur Förderung sozial-emotionaler Kompetenzen. Einen Teil davon, das Marionettenspiel „Paula und die Kistenkobolde“, führte die Augsburger Puppenkiste während des Kongresses auf – zur Freude der Fachleute, aber vor allem der eingeladenen Kinder. Die Kobolde verkörpern die vier Basis-Emotionen Freude, Angst, Wut und Traurigkeit. Die Kinder lernen, Gefühle bei sich und anderen zu erkennen und damit umzugehen. Eine Studie mit mehr als 700 Kindern, Erziehern und Eltern habe die Alltagstauglichkeit und Wirksamkeit des Programms gezeigt, sagte der Psychologe.

Ein anderes Präventionsprojekt, an dem der FU-Forscher beteiligt ist, scheint ebenfalls vielversprechend. „Fairplayer“ will Jugendliche in ihrer Sprache erreichen und zielt auf gegenseitigen Respekt und Zivilcourage, vor allem bei jenen, die in ihrer Gruppe das Sagen haben. Ein neues Teilprojekt – „Fairplayer Sport“ – soll morgen auf dem Kongress vorgestellt werden.Rosemarie Stein

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