Psychologie : Mit links

Rechtshänder sind die Regel. Darum werden Linkshänder oft verkannt und haben es in der Schule schwer. Warum es allerdings überhaupt Linkshänder gibt, ist noch nicht hinreichend geklärt.

Annika Müller
Ist rechts wirklich richtig? Oft werden Linkshänder erst spät entdeckt. Foto: Thilo Rückeis
Ist rechts wirklich richtig? Oft werden Linkshänder erst spät entdeckt.Foto: Thilo Rückeis

Die EC-Karte muss umständlich wieder aus dem Geldautomaten gefummelt werden, der Dosenöffner ist ein unpraktisches Ding, und das Besteck im Restaurant ist immer falsch gedeckt. Linkshänder sehen sich ständig mit kleinen, aber ärgerlichen Hindernissen konfrontiert. Früher war es noch schlimmer: „Vor allem in den 60er und 70er Jahren wurden linkshändige Kinder in der Schule bewusst umgeschult“ sagt der Münsteraner Sozialpädagoge Matthias Wüstefeld.

Er ist einer von 326 ausgebildeten Linkshänderberatern. Sie orientieren sich an der Methode der Psychologin Johanna Barbara Sattler, die 1985 die erste Beratungsstelle für Linkshänder ins Leben rief. Wüstefeld bietet Schreibkurse für Kinder und sogenannte Rückschulungen an für jene heute längst Erwachsenen, die vor 40 oder 50 Jahren zu Rechtshändern umerzogen wurden.

Heute werden linkshändige Kinder eher unbeabsichtigt zu Rechtshändern gemacht. So wie Elena. Die Mutter der Zwölfjährigen erkannte die Linkshändigkeit ihrer Tochter nicht. „Ich habe da einfach nicht so drauf geachtet“, sagt sie. Elena lernte Zähne putzen, Schleifen binden, malen und basteln, alles mit der rechten Hand. Erst in der vierten Klasse bemerkte die Mutter Probleme. Elena tat sich beim Schreiben schwer, die Konzentration ließ nach. Typisch für umgeschulte Linkshänder, sagt Wüstefeld. „Es kommt zu einer ständigen Fehlbelastung des Gehirns“, denn bei Linkshändern sei die rechte Hirnhälfte dominant, bei Rechtshändern die Linke. In seiner Beratungsstelle lernte Elena, wieder ihre eigentlich dominante Hand zu benutzen.

Auch Christoph, der mit ihr am Tisch sitzt, kam in der Schule plötzlich nicht mehr mit. „Er war depressiv, das war eine richtige Odyssee mit ihm“, sagt seine Mutter. Sie war mit Christoph beim Arzt, beim Psychologen und beim Ergotherapeuten. Der kam darauf, dass der Junge ein Linkshänder sein könnte. Innerhalb von zwei Monaten wechselte Christoph zur linken Schreibhand. „Mit dem Psychologen konnten wir dann gleich wieder aufhören“, sagt seine Mutter.

Elena und Christoph gehören zu den etwa 10 bis 15 Prozent der linkshändigen Menschen in Deutschland, schätzt der Leiter der Neuropsychologie an der Uniklinik Münster, Hubertus Lohmann. Warum es allerdings überhaupt Linkshänder gibt, sei noch nicht hinreichend geklärt. „Es macht aus evolutionärer Sicht Sinn, eine Hand zu spezialisieren“, sagt Lohmann. Doch warum es meist die rechte Hand ist, wisse noch niemand genau. Auch die Beschwerden von Kindern wie Elena und Christoph kann der Neuropsychologe sich nur bedingt erklären. „Gerade das Gehirn von Kindern bis zu zehn Jahren ist extrem anpassungsfähig“, sagt er. Vermutlich würden eher andere Ursachen zu Konzentrationsschwächen oder sogar zu Legasthenie führen. Etwa das Gefühl der Andersartigkeit. Manche Kinder fühlten sich regelrecht ausgegrenzt und meinten, mit ihnen stimme etwas nicht, sagt Wüstefeld. Hier müsse die Aufklärung verbessert werden.

Doch Linkshänder zu sein, hat auch seine Vorteile. Hartnäckig hält sich das Gerücht, sie seien kreativer und sogar intelligenter als Rechtshänder. „Wissenschaftlich belegbar ist das nicht“, sagt Lohmann.

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