Psychopharmaka : „Hirndoping“ für alle?

Eine Gruppe von Wissenschaftlern fordert einen liberalen Umgang mit Medikamenten zur Steigerung der Gehirnleistung.

Kai Kupferschmidt

Am Anfang steht Anna. Anna, die sich mit ihrem Freund gestritten hat und ausgerechnet am selben Tag als Trauzeugin bei der Hochzeit ihrer besten Freundin eingeplant ist. Vorausgesetzt, es gäbe eine Pille, die kaum Nebenwirkungen mit sich brächte, aber Annas Stimmung steigern würde. Sollte sie die Pille nehmen oder wäre irgendetwas daran verwerflich?

Mit dieser Frage steigen die Autoren eines neuen Memorandums zum Thema „Hirndoping“ ein. Die sieben Juristen, Philosophen und Mediziner haben sich im Auftrag der „Europäischen Akademie zur Erforschung von Folgen wissenschaftlich-technischer Entwicklungen“ mit der Steigerung von Gehirnleistungen durch Medikamente auseinandergesetzt. Ihr Ergebnis haben Sie nun unter dem Titel „Das optimierte Gehirn“ in der Zeitschrift „Gehirn und Geist“ veröffentlicht – und das fällt überraschend positiv aus.

Schon den Begriff „Gehirndoping“ halten sie wegen der negativen Assoziationen für falsch und ziehen den in Fachkreisen gebräuchlichen Begriff „Neuro-Enhancement“ vor, also in etwa „Neuro-Verbesserung“. Die Ziele dieser Leistungssteigerung des Gehirns, so argumentieren die Wissenschaftler, seien keineswegs dubios. Schließlich seien die selben Ziele, versuche man sie durch Gehirnjogging oder Meditation zu erreichen, auch nicht verwerflich. „Die Argumentation finde ich absurd“, sagt Jakob Hein, von der Klinik für Psychiatrie der Charité. „Das ist doch beim Doping im Sport ganz genauso.“ Durch regelmäßiges Joggen schneller laufen zu können, sei schließlich auch nicht verwerflich. Das Wort „Neuro-Enhancement“ sei ein Euphemismus, denn es gehe eindeutig um Doping.

Aber die Autoren des Memorandums sehen das positiver: „Wir vertreten die Ansicht, dass es keine überzeugenden grundsätzlichen Einwände gegen eine pharmazeutische Verbesserung des Gehirns oder der Psyche gibt“, schreiben sie. Rechtlich sei die Lage eindeutig: Jeder entscheidungsfähige Mensch habe das Recht über seinen Körper und seine Psyche selbst zu bestimmen. Einer Begründung bedürfe deswegen nicht die Freiheit, Substanzen zum Neuro-Enhancement zu nehmen, sondern vielmehr die Einschränkung dieser Freiheit. „Wenn jemand so ein Mittel nehmen will, dann darf er das“, resümiert Reinhard Merkel, Professor für Strafrecht an der Uni Hamburg und einer der beteiligten Wissenschaftler.

Schwerer wiegen für die meisten Kritiker die ethischen Argumente. Aber auch die wischen die Autoren zum Großteil vom Tisch. Der Eingriff sei gegen die Natur? Kein Argument, da die Gesellschaft das bei anderen Medikamenten auch akzeptiere. Die Substanzen könnten körperlich oder psychisch abgängig machen? Körperliche Abhängigkeit wäre zwar ein triftiger Grund gegen Neuro-Enhancement aber psychisch abhängig sei man schließlich auch von seiner Freundin.

Und der Vorwurf, nur wohlhabende Menschen könnten sich die „Potenzpillen fürs Gehirn“ leisten, und so würde die Ungleichheit der Chancen von Arm und Reich weiter wachsen? Auch eine exzellente Ausbildung in teuren privaten Schulen und Hochschulen verändere das Gehirn, argumentieren die Autoren, und schaffe so privilegierte Chancen für die Kinder reicher Eltern. Kurz: Wer Harvard oder Salem sagt, der muss auch Neuro-Enhancement sagen. Der Staat dürfe und solle einer weiteren Öffnung der Schere zwischen den Lebenschancen seiner Bürger allerdings im Rahmen der Verfassung entgegenwirken, betonen die Autoren. Möglicherweise sei dann aber der bessere Weg, auch armen Schichten den Zugang zum „Hirndoping“ zu ermöglichen.

Den Forschern liegt vor allem daran, eine Diskussion über die Zukunft des Neuro-Enhancements anzustoßen. Für die Gegenwart gilt ganz klar: Für Mittel wie Ritalin oder Modafinil, die manche Menschen bereits zur Leistungssteigerung einnehmen, fehlen sowohl Belege zur Wirksamkeit bei Gesunden, wie auch zur Sicherheit. Zumindest jetzt empfehlen sie daher noch Anna, die Pille nicht zu nehmen. Kai Kupferschmidt

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