Psychotherapie : Spuren der Sucht

Die Probleme sind vielfältig, warum Menschen zur Flasche greifen. Deshalb müssen auch die Therapien individueller werden, sagen Experten.

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An der Flasche hängen. Millionen Deutsche haben Probleme mit dem Alkohol.
An der Flasche hängen. Millionen Deutsche haben Probleme mit dem Alkohol.Foto: dpa/dpaweb

Die meisten Bundesbürger haben sich wahrscheinlich als erstes Lebensmittel im neuen Jahr einen Schluck Schaumwein gegönnt. Prosit, es möge nützen, wird beim Ritual des Anstoßens gesagt. Mehr als neun Millionen Menschen schaden sich allerdings mit dem Alkoholkonsum eher. Mit „Schaden“ ist dabei das ganze Spektrum zwischen Trinkmengen, die zum Beispiel der Gesundheit der Leber abträglich sind, und einer echten Abhängigkeit gemeint. Die Zahl fasst also alle zusammen, die ein Alkoholproblem haben. Wenn Ärzte und Psychotherapeuten hier helfen wollen, dürfen sie es allerdings nicht als einheitliches Problem betrachten, so wurde jetzt bei den 6. Berliner Psychiatrietagen deutlich.

„Für eine individualisierte Therapie könnte es in Zukunft nützlich sein, die Genetik und Bilder aus dem Gehirn einzubeziehen“, sagte der Psychiater Karl Mann, der am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim forscht. Mann und seine Arbeitsgruppe haben einige ihrer Patienten in den Hirnscanner, den funktionellen Magnetresonanztomographen, gelegt und ihnen dort zum Beispiel verlockende Bilder von kühlen Bierchen und gut sortierten Bars gezeigt.

„Wer hier stärkere Reaktionen erkennen lässt, wird auch stärker von Alkoholwerbung beeinflusst und kommt im wirklichen Leben schwerer an der früheren Stammkneipe vorbei, wird also nach einer Entzugsbehandlung mit größerer Wahrscheinlichkeit rückfällig“, erläuterte Mann. Allerdings profitiert diese Gruppe von Alkoholabhängigen anscheinend auch stärker von dem Medikament Naltrexon, das dem unwiderstehlichen Verlangen nach Alkohol („Saufdruck“, fachsprachlich: Craving) entgegenwirkt.

Das konnten die Psychiater herausfinden, weil sie die Studienteilnehmer nach einem Entzug drei Gruppen zugeteilt hatten, die nach dem Zufallsprinzip das erst seit kurzem in Deutschland zugelassene Naltrexon, ein anderes Anti-Craving-Mittel mit dem Wirkstoff Acamprosat oder ein Scheinpräparat bekamen.

Dass Naltrexon bei einer Untergruppe von Patienten gut wirkte, ist ermutigend. Im statistischen Durchschnitt hatten beide Präparate nämlich nicht besser geholfen als das Placebo, einen Rückfall zu verhindern oder hinauszuschieben. Doch alle Patienten hatten vom Gesamtpaket der Behandlung profitiert, zu dem auch Psychotherapie und Beratungsgespräche gehörten. In der Alltagspraxis dürfte die Betreuung selten so luxuriös sein wie in dieser wissenschaftlichen Studie.

Umso wichtiger, dass auch einfachere Methoden reichen könnten, um herauszufinden, bei wem welches Mittel Erfolg verspricht: So sprachen Patienten, die in einem Fragebogen angaben, besonders in erfreulichen Situationen anfällig für die Verlockungen der Drinks zu sein, besser auf Naltrexon an als andere, die eher aus Niedergeschlagenheit trinken und damit ihre Sorgen verscheuchen wollen.

Naltrexon blockiert Andockstellen (Rezeptoren) für lusterzeugende Opioide im Gehirn, hemmt damit das körpereigene Belohnungssystem und nimmt dem Alkohol so seine angenehmen Effekte. Wie gut es wirkt, hängt anscheinend auch davon ab, ob der Opioid-Rezeptor beim Betroffenen in einer bestimmten genetisch vorherbestimmten Variante vorliegt.

Auch für Acamprosat gibt es inzwischen erste Hinweise, dass genetische Besonderheiten den Erfolg der Therapie beeinflussen könnten. In Zukunft könnten also auch Gentests die Behandlung lenken. „Das ist aber längst noch nicht praxisreif“, dämpfte der Suchtforscher Mann die Erwartungen.

Und was hat es mit dem „kontrollierten Trinken“ auf sich, nach dem sich viele Alkoholiker zurücksehnen? Ärzte könnten mit einem solchen Vorschlag der größten Gruppe derjenigen helfen, die zwar nicht alkoholabhängig sind, aber zu viel trinken und ihrer Gesundheit damit schaden, meint Mann. „Die Hürde ist niedriger, wir könnten deshalb viel mehr Patienten an uns binden.“ Doch er warnte zugleich: „Bei wirklicher Abhängigkeit, zu der der Kontrollverlust gehört, sind die Erfolge besser, wenn Abstinenz angestrebt wird.“

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