Raumfahrt : Per Anhalter zum Mars

Millionen Asteroiden flottieren durch das Sonnensystem. Sie könnten Vehikel auf dem Weg zum roten Planeten sein.

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Zwischenstationen zum Mars. Durch Zusammenstöße können Asteroiden aus ihrer Bahn und in die Nähe der Erde geraten. Doch sie sind nicht nur eine Bedrohung, sondern könnten hilfreich sein auf dem Weg der Menschheit zum Mars.
Zwischenstationen zum Mars. Durch Zusammenstöße können Asteroiden aus ihrer Bahn und in die Nähe der Erde geraten. Doch sie sind...Bild: AFP

Rund 12 000 Gesteinsbrocken haben Astronomen in der Weite des Alls zwischen Mars und Erde mittlerweile entdeckt, schätzungsweise weitere zehn Millionen ziehen auf ihrem Orbit um die Sonne, die meisten nur wenige Meter groß, einige wenige durchmessen mehrere Kilometer. Nicht erst seit der Explosion eines 20 Meter großen Asteroiden über dem russischen Chelyabinsk 2013 gelten solche Asteroiden als potenzielle Gefahr für die Erde und den Menschen. Das weiß niemand besser als Richard Binzel, jener Asteroidenforscher, der die Turiner Skala entwickelt hat, mit der die Gefahr eines Asteroiden für die Erde eingestuft wird. Dennoch sagt der Planetologe vom Massachusetts Institute of Technology in Cambridge, USA: „Asteroiden können unsere Freunde, nicht nur Feinde sein.“ In einem Kommentar im Fachblatt „Nature“ plädiert der Planetenforscher für bemannte Raumexpeditionen zu den weitgehend unerforschten Himmelsobjekten, als Training für Langzeitraumflüge. Der Weg des Menschen zum Mars führe über Asteroiden.

Asteroiden besuchen statt fangen

Die Irrläufer im Sonnensystem stammen aus dem Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter. Die Anziehungskraft des Jupiter und andere Einflüsse bringen einige von ihrer Umlaufbahn um die Sonne ab und auf Kurs Richtung Erde. Die größten dieser erdnahen Asteroiden, mit einem Durchmesser von 30 Kilometern, sind selten. In „Container“-Größe gibt es hingegen Tausende, sagt Binzel.

Derzeit plant die US-amerikanische Raumfahrtorganisation Nasa in einer mehrere Milliarden Dollar teuren Operation, einen mittelgroßen Asteroiden einzufangen und in Erdnähe zu schleppen, um ihn dort untersuchen zu können. Noch ist diese „Asteroid Redirect Mission“ nicht beschlossen. Binzel hält das Projekt nicht nur für Geldverschwendung, sondern für eine Sackgasse, weil sie „keinen Wert für die bemannte Langzeitraumfahrt hat“.

Stattdessen solle sich die Nasa daran erinnern, dass eine „Task Force“ des Präsidenten 2009 erdnahe Asteroiden als kostengünstige und erreichbare Ziele für einen „flexiblen Weg zum Mars“ identifiziert habe. „Asteroiden, deren Orbits zwischen Erde und Mars liegen, bieten sich als eine Reihe von Zwischenschritten an, um die Reichweite und Lebensdauer bemannter Raumfahrttechniken zu testen“, schreibt Binzel.

Erst wochen- dann monatelanges Reisen auf Asteroiden

Ein solcher Asteroiden-Besuch von Astronauten wäre keine Landung im engeren Sinne. Aufgrund der geringen Masse und Anziehungskraft der Asteroiden sind keine Landekapseln nötig. Vielmehr würde sich ein Raumschiff dem Asteroiden wie beim Andocken an die Internationale Raumstation ISS annähern. „Die ersten Missionen würden Wochen dauern und nicht weit weg führen“, sagt der Planetologe, der auf die Erforschung von Asteroiden spezialisiert ist. Drei hat Binzel selbst entdeckt, einer davon wurde nach ihm benannt. „Spätere Ausflüge könnten dann Monate dauern und weit in den interplanetaren Raum reichen, um zu beweisen, dass der Mars in Reichweite ist.“

„Das ist sicher eine sinnvolle Idee“, sagt Alan Harris, Asteroidenforscher am Berliner Institut für Planetenforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt. Zwar sei es nicht möglich, huckepack auf einem Asteroiden bis zum Mars zu reisen, aber Asteroiden seien sinnvolle Zwischenziele. Zum einen weiß man noch viel zu wenig über die Zusammensetzung und Beschaffenheit von Asteroiden. „Wir wissen nicht, wie viele Asteroiden eher zerbrechliche Ansammlungen kleinerer Gesteinsbrocken sind und wie viele von ihnen massive Gebilde sind.“ Das aber kann für die Entwicklung von Techniken, mit denen Asteroiden auf Kollisionskurs mit der Erde abgelenkt oder zerstört werden sollen, entscheidend sein. In den USA existiert seit 2005 sogar ein Gesetz, das die Nasa verpflichtet, bis 2020 90 Prozent aller solcher potenziell gefährlichen Asteroiden zu identifizieren, der „Near Earth Object Survey Act“. Binzel kritisiert, dass dafür zu wenig Geld zur Verfügung steht.

Entdeckerdrang ist überlebenswichtig

Die Erforschung der erdnahen Asteroiden mache auch eine „kommerzielle Nutzung“ der dortigen Rohstoffe „bis Mitte dieses Jahrhunderts möglich“, meint Binzel. Tatsächlich enthalten Asteroiden nicht nur Wasser, das für Raumfahrtmissionen gewonnen werden könnte, sondern auch wertvolle Metalle wie Platin. „Asteroiden als Rohstoffquelle für die Erde zu nutzen, das ist sicher Zukunftsmusik“, betont Harris. „Aber es hat schon mehr Sinn, wenn man die Rohstoffe direkt im All für Raumfahrtmissionen verwenden könnte, denn es kostet viel Energie, sie von der Erde dorthin zu schaffen.“ Dass Asteroiden wichtige Metalle enthalten, weiß Harris nicht zuletzt, weil sein Labor eine Technik zu deren Nachweis entwickelt hat. Er misst die Temperatur, das Infrarotspektrum, der Asteroiden. „Einige Asteroiden sind kälter als andere, sie speichern die Wärme der Sonne im Inneren – weil sie mehr Metall enthalten.“

Für Binzel sind Asteroiden aber vor allem deshalb sinnvolle Ziele, weil dabei Techniken entwickelt werden, die einer Mars-Mission zugute kommen würden – beispielsweise Roboter, die Wasser oder wichtige Metalle gewinnen können, sei es aus Asteroiden- oder Marsgestein. Auch für Harris ist „der Mars das einzig sinnvolle nächste Ziel“. Dem sollten andere Raumfahrtprojekte zuarbeiten. Und auch wenn der Mars nur ein wenig attraktiver Planet ist, „der Entdeckerdrang ist überlebenswichtig für die Menschheit“.

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