• RAUS MIT DER SPRACHE: Seminare mit Gerlinde Kempendorff „Wir sind hier nicht im Theater!“

RAUS MIT DER SPRACHE : Seminare mit Gerlinde Kempendorff „Wir sind hier nicht im Theater!“

Oder doch? Gerlinde Kempendorff zeigt, was Lehrer von Kabarettisten lernen können

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Regisseur vor der Klasse. Lehrer sollen Unterricht als Inszenierung begreifen. Foto: Rückeis
Regisseur vor der Klasse. Lehrer sollen Unterricht als Inszenierung begreifen. Foto: Rückeis

„Ladies’ Corner

– Raus mit der Sprache“ heißt ein Programm, mit dem Gerlinde Kempendorff und die Pianistin Kim Eustice am 6. April im Tagesspiegel auftreten. Sie geben Tipps, wie Frauen größere Wirkung im öffentlichen Sprechen erzielen. (19-22 Uhr, Eintritt inkl. Sekt und Snack 29 Euro).

Seminare gibt Gerlinde Kempendorff in der Tagesspiegel-Akademie: „Überzeugend weiblich: Frauen reden anders“ (24./25. Juni) und für Lehrer den Workshop „Unterrichten mit Humor“ am 20./21. Mai (jeweils freitags 18-20.30 Uhr und samstags 10-17 Uhr, für Abonnenten 125 Euro, Nicht-Abonnenten 145 Euro). Ein dreitägiger Workshop für Lehrer „Sprechen, Stimme, Präsenz: Stark für den Unterricht“ wird am 1., 2. und 4. August stattfinden. Anmeldungen unter Tel. 29021-520. Infos: www.tagesspiegel.de/akademie D.N.

30 Jahre lang hat sie auf der Bühne gestanden, hat gesungen, Witze gerissen, vergessene Komponisten ausgegraben, ist in Theatern, Kabaretts und Galas aufgetreten. Und dann setzt sie sich hin und promoviert? Schreibt ein Buch, mit 222 Fußnoten, darf sich seitdem Doktor nennen? „Das war eine uralte Rechnung mit mir selbst“, sagt Kabarettistin Gerlinde Kempendorff, pardon: Dr. phil. Gerlinde Kempendorff-Hoene, mit ihrem tiefen Lachen. „Ich wollte mir beweisen, dass ich das kann.“

Klar, dass Kempendorffs Promotionsthema „Lehrer und Kabarettisten“ viel mit ihr selbst zu tun hat. Sie hat darin die beiden Lebensbereiche zusammengeführt, in denen sie sich seit Jahrzehnten bewegt: als Bühnenkünstlerin und als Dozentin für Präsentation und Auftrittskompetenz an der Universität der Künste und der Universität Potsdam. Und sie hat festgestellt: Zwischen Lehrern und Kabarettisten gibt es Parallelen, Lehrer und andere Menschen in Führungspositionen können von Kabarettisten eine Menge lernen.

„Jeder Lehrer ist ein Regisseur, der mit den Schülern ein 45-Minuten-Stück inszeniert“, erzählt Gerlinde Kempendorff. Die studierte Germanistin, Musikerzieherin und Sängerin hat in der DDR auch als Lehrerin gearbeitet. „Ein Lehrer muss eine Idee haben, bevor er das Klassenzimmer betritt, und einen roten Faden, um das Ziel zu erreichen: die Unterrichtsmethode.“ Er muss mit Räumen, Sitzordnungen, Energieflüssen umgehen können, dem Unterricht einen Rhythmus geben, kleine Höhepunkte oder, wie der Kabarettist sagen würde, Pointen einbauen.

Und vor allem brauchen Lehrer viel Hintergrundwissen, Erfahrung und Spontaneität, um auf unerwartete Fragen oder auch Störungen durch die Schüler einzugehen. Auch Kabarettisten reagieren ja spontan aufs Publikum und verwandeln eine „Störung“ in eine Bereicherung ihres Programms – anders als traditionelle Schauspieler in einem Stück, die ihre Rollen durchspielen müssen.

Gerlinde Kempendorff hat für ihre Doktorarbeit viele Kabarettisten-Kollegen befragt, die fast alle ihrer These zustimmen, dass Lehrer von Kabarettisten lernen können. Zum Beispiel, wie man Spannung erzeugt, meint Jürgen von der Lippe, oder, so Gina Pietsch: „Präsenz, Spannung, Energie, Sprache, Stimme, Sprecherziehung“. Peter Ensikat rät den Lehrern, „die spielerischen Mittel Wiederholung, Humor, Dramaturgie einzusetzen; mit Botschaften und Problemen spielerisch umzugehen“. Thomas Nicolai wünscht ihnen „Lockerheit und Geschmeidigkeit im Denken“.

Wie können Lehrer oder andere Führungspersönlichkeiten lernen, was Kabarettisten besonders gut können? Gerlinde Kempendorff entwirft in ihrer Doktorarbeit ein „Institut für Kommunikationskultur“, das möglichst an einer künstlerischen Hochschule eingerichtet werden sollte. Hier könnten Lehrer und Lehrerstudenten einen „Master of Education and Play“ erwerben und Module wie Sprechen/Vorlesen/Vortragen, Freies Erzählen, Bewegung/Balance und Präsentationstraining belegen. Im Modul 1 „Sprechen, Vorlesen, Vortragen“ würde etwa geübt, die Stimme effektvoll zu gebrauchen, Artikulation und Sprechmelodie zu verbessern, Mimik und Gestik einzusetzen – alles mit dem Ziel, „Zuhörfreude und Sprechgenuss zu erhöhen“.

Unter dem Dach des Instituts sollte auch ein „Zentrum für Auftrittskompetenz“ angesiedelt sein, an dem Studierende aller Fächer und Berufstätige Kurse belegen könnten – in Moderieren, Sprechen, Präsentieren, Streiten, Benehmen, Spielen, Bewegen und Bewerben. Dass sich genügend Teilnehmer für die Kurse finden würden, daran zweifelt Kempendorff nicht: „In der Wirtschaft ist längst angekommen, wie wichtig diese Schlüsselkompetenzen sind – an den Unis dagegen weniger. Da heißt es dann: Wir sind doch hier nicht im Theater!“

Bisher hat sie noch keine Berliner Hochschule für dieses Gesamtkonzept gewinnen können, sie erprobt ihre Konzepte am Institut Studiumplus an der Universität Potsdam und im Studiengang Kulturjournalismus an der UdK. Auch an der Tagesspiegel-Akademie ist sie tätig: Im Mai und im August bietet sie Seminare speziell für Lehrer an (siehe Kasten).

Natürlich gibt es auch viele Unterschiede zwischen den Berufsbildern Lehrer und Kabarettist: Das Publikum ist anders, das Ziel der Darbietung, auch die Machtverhältnisse. Und die kabarettistischen Mittel Spott, Ironie und Satire sind vor allem in der Grundschule fehl am Platze. Einen weiteren Unterschied findet Kempendorff bedauerlich, für die Lehrer: „Im Gegensatz zu vielen Lehrern sind Kabarettisten überzeugt, dass sie den schönsten Beruf der Welt haben.“

Die Dissertation „Lehrer und Kabarettisten, oder: Über die Kommunikationskultur und die Notwendigkeit ihrer Ausbildung mittels grundlegender Schlüsselkompetenzen an Hochschulen“ ist im Verlag Lehmanns Media, Berlin, erschienen (www.lehmanns.de)

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