Rechtschreibreform : Wie man’s schreibt

Ab heute gibt es bei der neuen Rechtschreibung kein Pardon mehr: Auch der letzte Teil der Reform tritt in den Schulen in Kraft

Amory Burchard
Rechtschreibung
Mehr Freiheiten: In manchen Fällen haben die Schüler die Wahl. -Foto: dpa

Ab sofort zählt jeder Fehler. Tut uns „Leid“, liebe Schüler – dafür gibt es jetzt einen roten Strich am Rand. Denn nach allem hin und her um das leidige Wort heißt es jetzt nur noch tut mir leid und leidtun. Am 1. August endet die Übergangsfrist für einen allerletzten Teil der Rechtschreibreform, auf den sich der Rat für deutsche Rechtschreibung erst im vergangenen Jahr abschließend geeinigt hatte.

Der größte Teil der 1998 in den Schulen eingeführten Reform wurde bereits am 1. August 2005 verbindlich. Damals aber saß der Rechtschreibrat noch an den großen Streitfällen der Getrennt- und Zusammenschreibung und an einigen Zweifelsfällen der Silbentrennung sowie der Zeichensetzung. Als Nachfolgegremium der umstrittenen Zwischenstaatlichen Kommission, die die Reform seit 1997 wissenschaftlich begleitete, setzten die Kultusminister den Rat für deutsche Rechtschreibung Ende 2004 ein. In dem 39-köpfigen Expertengremium wirkten erstmals auch Gegner der Reform mit – und setzten bis Februar 2006 teilweise Änderungen am Reformwerk durch. Dabei handelt es sich größtenteils um Kompromisse; man ließ wieder die alte neben der neuen Schreibweise zu. Seit dem 1. August 2006 wurde so in den Schulen unterrichtet; Fehler wurden zwar angestrichen, aber nicht gewertet. Das Ende der Übergangsfrist bedeutet, dass auch Fehler im Bereich der zuletzt beschlossenen Änderungen nun bei der Zensur zählen.

Zwar werden Substantive in der Regel großgeschrieben, auch in Verbindung mit Verben. Wenn sie jedoch „verblasst“ und zu Verbzusätzen geworden sind, werden sie klein und gegebenenfalls mit dem Verb zusammengeschrieben. Das gilt für leidtun ebenso für eislaufen, kopfstehen oder nottun. Auch einige andere Wörter, die wie Substantive aussehen, und die nach der 1996 eingeführten neuen Orthografie groß geschrieben werden mussten, hat der Ende 2004 eingesetzte Rat für deutsche Rechtschreibung neu eingestuft. „Adjektivische Dubletten“ wie feind, freund oder schnuppe (sein) werden nun klein geschrieben. Klein statt vorher groß schreibt man jetzt auch zu eigen machen; groß statt vorher klein schreibt man jenseits von Gut und Böse.

„Für Lehrer ist das Ende der Übergangsfrist eine Erleichterung“, sagt Ludwig Eckinger, Deutschlehrer und Vorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE). Die doppelte Fehlerkorrektur sei belastend gewesen. Auch Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender des Deutschen Philologenverbandes, freut sich, dass das umständliche Ausklammern der Fehler und Markieren in grün statt rot nun ein Ende hat.

In manchen Fällen haben Schüler und Lehrer nun die Wahl. Im 2006 überarbeiteten Teil der Reform gibt es neben einigen alternativlosen Änderungen mehr Freiheiten durch „Variantenschreibungen“. So bleibt die bei Reformgegnern besonders unbeliebte Getrenntschreibung bei kennen lernen bestehen, aber man darf sich auch wieder kennenlernen. Das gilt auch für Verbindungen von Verben mit dem Zusatz bleiben oder lassen, die eine übertragene Bedeutung haben: (ein Verfahren) ruhen lassen/ruhenlassen, (in der Schule) sitzen bleiben/sitzenbleiben. Eine solche Kann-Bestimmung gilt auch für Konstruktionen wie kalt stellen/kaltstellen: Einen Pudding sollte man kalt stellen, einen Widersacher dagegen kaltstellen. Varianten sind auch bei Verbindungen von Adjektiv und Verb zugelassen, wenn das Adjektiv das Ergebnis der Handlung bezeichnet: (eine Oberfläche) glatt hobeln/glatthobeln, (einen Gegenstand) kaputt machen/kaputtmachen, (den Teller) leer essen/leeressen. Weitere Varianten wurden zugelassen bei Begriffen wie Armvoll/Arm voll oder Zeitlang/Zeit lang.

Heinz-Peter Meidinger nimmt an, dass sich die mit der Rechtsschreibreform eingeführte generelle Getrenntschreibung durchsetzt – weil sie leichter zu vermitteln ist. Ludwig Eckinger rät seinen Kollegen, die Schüler aktiv mitdenken zu lassen, ob eine übertragene Bedeutung vorliegt. Zeit für die Suche nach Sinneinheiten sollten Pädagogen auch bei der Kommasetzung lassen. Die Satzzeichen, die mit der Reform gelichtet wurden, sind im vergangenen Jahr teilweise zurückgekehrt – ebenfalls per Kann-Bestimmung: Hauptsätze, die durch und, oder, noch oder weder verbunden sind, können wieder durch ein Komma abgetrennt werden, müssen aber nicht: „Die Schüler durften das Komma weglassen(,) und sie machten davon regen Gebrauch.“ Die Freiheit, ein Komma zu setzen, um die Gliederung des Ganzsatzes deutlich zu machen, erstreckt sich auch auf Infinitivgruppen: „Sie dachte nicht daran(,) zu gehen.“

Die Lehrervertreter gehen davon aus, dass sich bei Kindern und Jugendlichen der Trend zur Vereinfachung, also zum Weglassen der Kommata durchsetzt. Der Blick in die neuesten Auflagen der Schulbücher lässt etwas anderes erwarten: Die Schulbuchverlage wollen „innerhalb des gegebenen Rahmens tendenziell mehr Kommata“ setzen, um die Lesbarkeit und das Leseverständnis bei den Schülern zu unterstützen, wie Karl Slipek, Geschäftsführer des Klett-Verlags, sagt. Dies ist auch die Linie des Cornelsen-Verlags. In den neuen Auflagen werde der Infinitiv mit zu „immer mit Komma“ geschrieben, sagt Sprecherin Christine Jesse. Lange Hauptsätze werden in der Regel abgetrennt, kurze nicht. Bei den Varianten im Bereich der Groß- und Kleinschreibung und der Getrennt- und Zusammenschreibung hielten sich die Redaktionen an die Empfehlungen, die die Duden-Redaktion ausgesprochen hat, sagt Slipek. Generell ließe sich in Schulbüchern aber keine absolute Einheitlichkeit gewährleisten, weil die Urheber von Fremdtexten das Bestimmungsrecht haben „und dieses manchmal sehr unterschiedlich wahrnehmen“.

Überfordert fühlen sich Lehrer, Schüler und Eltern offenbar nicht von der reformierten Rechtschreibreform. „Viel weniger Anfragen zu den Neuerungen“ registrierten die Sprachberatungen des Deutschen Instituts für Sprache in Mannheim und der Wörterbuchverlage Duden und Wahrig, sagt Katrin Güthert, Geschäftsführerin des Rats für deutsche Rechtschreibung mit Sitz in Mannheim. Und eine Umfrage unter Pädagogenverbänden, die VBE-Chef Eckinger kürzlich machte, habe ergeben, dass „die Reform, so wie sie jetzt angeboten wird, in den Schulen problemlos läuft“. Nach dem Rechtsschreibfrieden, den die Kultusminister im vergangenen Jahr schlossen, sei Ruhe eingekehrt. Einen Appell hört Kerstin Güthert aber öfter: „Bitte keine weiteren Änderungen!“ Dem werde der 39-köpfige Rechtschreibrat entsprechen und sich nun seiner neuen Aufgabe widmen, „den Sprachgebrauch zu beobachten“, verspricht die Geschäftsführerin.

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