Wissen : „Regelmäßige Tests machen Schüler fit“

Psychologiekongress: Peter Frensch über Lernmethoden, Küchenpsychologie und Hirnforschung

Rund 8600 Teilnehmer aus 100 Ländern treffen sich in dieser Woche zum 29. Internationalen Psychologiekongress in Berlin. Herr Professor Frensch, wir leben im Zeitalter der Neurowissenschaften, Mediziner „scannen“ das menschliche Gehirn mittels moderner bildgebender Verfahren. Wo ist da noch Platz für die Psychologie?

Um diesen Platz müssen wir uns keine Sorgen machen. Zunächst einmal ist neurowissenschaftliche Forschung zu einem großen Teil ohnehin in der Psychologie angesiedelt. Dazu kommt: Ein Neurowissenschaftler, der sich dafür interessiert, welche Areale des Gehirns bestimmten Denk- oder Emotionsvorgängen unterliegen, muss wissen, wonach er zu suchen hat. Er braucht also einen theoretischen Rahmen, der ihm sagt, was da überhaupt passiert. Diese Konzeptionen werden zum größten Teil nicht von Neurowissenschaftlern geliefert, sondern von Psychologen aus verschiedenen Teilgebieten wie etwa der Kognitions- oder Sozialpsychologie. Zudem gibt es viele Psychologen, für die Erkenntnisse der Neurowissenschaften relativ irrelevant sind – und die dennoch menschliches Verhalten verstehen und beeinflussen können. Denken Sie zum Beispiel an eine Psychologin, die im Auftrag eines Unternehmens einen Fragebogen zur Personalauswahl entwirft. Klar ist aber letztlich, dass die Erkenntnisse der Hirnforschung in Zukunft für immer mehr Teilgebiete der Psychologie an Bedeutung gewinnen werden.

Und wie sieht es mit den Psychotherapeuten aus?

Für das tägliche Leben eines Psychotherapeuten oder einer Psychotherapeutin spielen die Erkenntnisse der Hirnforschung heute wohl zu Recht keine große Rolle. Zum Teil handeln die Therapeuten ja auf einer theoretischen Grundlage, die schon sehr alt ist und etwa auf Sigmund Freud oder auf den Behaviourismus zurückgeht. Aber auch hier ist nicht auszuschließen, dass in Zukunft neurokognitive Befunde den Blick auf den Patienten verändern könnten.

Ob Posttraumatische Belastungsstörung, Hyperaktivität, Depressionen oder Angststörungen: Man gewinnt den Eindruck, dass alle diese Diagnosen immer häufiger gestellt werden. Ist das nun eine Modeerscheinung oder eine besorgniserregende Entwicklung?

Ich denke, dass der Eindruck stimmt: Die Diagnosen werden heute häufiger gestellt. Woran das liegt? Psychische Störungen und Krankheiten werden weit früher erkannt, und der Psychotherapeuten-„Markt“ ist größer und qualitativ sehr viel besser geworden. Daraus den Rückschluss zu ziehen, es habe nicht auch einen echten Anstieg gegeben, wäre aber sicher falsch. Die Daten sprechen dafür, dass es einen solchen Anstieg gibt – nicht zuletzt bei Kindern und Jugendlichen.

Wo wir gerade bei den Heranwachsenden sind: Auf dem Kongress wird auch das Thema Lernen eine große Rolle spielen. Was kann die Psychologie dazu beitragen, um das Lernen effektiver zu machen?

Sehr viel! Mein eigenes Fachgebiet, die Kognitionspsychologie, beschäftigt sich mit den grundlegenden Mechanismen des Lernens. Sie zu verstehen, ist unabdingbar für jede Form des Lehrens und Lernens. Wenn ich weiß, dass bestimmte Variablen Lernvorgänge negativ beeinflussen, kann ich darauf hinwirken, dass sie in der Schule reduziert werden. Die Lernpsychologie kann daher sehr viel dazu beitragen, den Unterricht effektiver zu gestalten.

Ein Beispiel?

Amerikanische Kollegen haben in jüngster Zeit herausgefunden, dass sich die Leistungen von Schülern verbessern, wenn sie regelmäßig geprüft werden. Allein der vermehrte Einsatz von Tests in Schulen führt also zu einem deutlich höheren Leistungsstand. Das sind Dinge, die man ohne ein experimentelles Vorgehen nur schwer herausfinden kann und die doch unmittelbare praktische Konsequenzen für Schulen und Universitäten haben.

Psychologen plädieren also für mehr Prüfungsstress?

Nein, es geht nicht um Klausuren und umfangreiche Prüfungen, sondern um ganz kurze, aber regelmäßige Tests. Diese Tests können nur fünf Minuten dauern, und die Schüler können auch selbst überprüfen, wie gut sie sind, ohne dass der Lehrer das benoten müsste. Solche kleinen Dinge haben einen Rieseneffekt, man kann den Leistungsstand um mindestens eine Standardabweichung nach oben verschieben – für uns Psychologen ist das ein deutlicher Unterschied.

Nicht nur für besorgte Eltern, die ihre Kinder möglichst perfekt bilden und erziehen wollen, gibt es so viele Ratgeberbücher wie nie zuvor. Sind wir auf dem besten Weg, ein Volk von psychologisch gut gebildeten Laien zu werden?

Sicherlich werden psychologische Fragestellungen in Zeitschriftenartikeln und Ratgeberbüchern immer häufiger angesprochen. Nicht immer allerdings finden sich dann auch seriöse Aussagen von Fachpsychologen in diesen Texten. Leider, das muss man als Psychologe selbstkritisch anmerken, sind sich die Wissenschaftler selbst über die „richtigen“ Antworten auf relevante Fragen nicht immer einig – und wissenschaftliche Kontroversen, etwa in der Bildungspsychologie, sind der Öffentlichkeit nur schwer zu vermitteln. Ganz grundsätzlich gilt wohl, dass es viel weniger sexy ist, psychologische Mechanismen verstehen und vermitteln zu wollen als schnelle Antworten anzubieten.

Liegt das nicht auch daran, dass man dazu die Methoden der Psychologie verstehen müsste – etwa die Grundzüge der Statistik, die ja auch nicht als sehr sexy gelten?

Natürlich würden wir uns wünschen, dass es mehr Verständnis für die Ergebnisse unserer Forschung gäbe. Dies kann und soll aber nicht als Vorwurf an die Öffentlichkeit verstanden werden. Im Gegenteil, wir Psychologen müssen in der Lage sein, auch komplexe Zusammenhänge so zu formulieren und zu erklären, dass man uns verstehen kann. Unsere Fachgesellschaften sollten vermehrt den Kontakt mit der Öffentlichkeit suchen und ihr diejenigen Forschungsergebnisse vermitteln, die Konsequenzen für das Zusammenleben von Menschen haben. Gerade von uns Psychologen sollte man das erwarten können.

Mit Peter Frensch sprach Adelheid Müller-Lissner

PETER FRENSCH (52),

Kognitionspsychologe an der Berliner

Humboldt-Universität, ist Präsident des

Kongresses für

Psychologie, der bis zum Freitag im

ICC Berlin stattfindet.

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