Reimer Hansen : Nur eine kann feiern

Warum die Humboldt-Universität ihren 200. Geburtstag begeht – nicht aber die Freie Universität.

Reimer Hansen

Der damalige Präsident der Freien Universität Dieter Lenzen begrüßte zu Beginn des Wintersemesters 2008/2009 die neu immatrikulierten Studierenden in Anwesenheit des Bundespräsidenten „in den Armen einer älteren Dame“. In diesem Jahr werde sie 60 und in zwei Jahren 200 Jahre alt. Die Jubiläen fielen jeweils auf den 4. Dezember, erklärte Lenzen. Kurz darauf setzte er in der Beilage der FU zum Tagesspiegel noch einmal erklärend nach, zu jenem Datum sei 1810 die Berliner Universität gegründet worden und 1948 „wiederum und keineswegs zufällig“ die Freie Universität. Daher habe die FU „immer zwei Geburtstage“ – einen, der auf 1810 und einen, der auf 1948 verweise. Der Haken an Lenzens historischer Betrachtung: einen Gründungstag am 4. Dezember 1810 hat es nie gegeben.

Die alte Berliner Universität hat gar kein exaktes Geburtsdatum. Sie wurde vielmehr nach einem jahrelangen Gründungsprozess im Herbst 1810 eröffnet. Die Eröffnung selbst fand – wie ihr Historiograf Max Lenz schreibt – „sang- und klanglos“ und „ohne eine feierliche Proklamation“ statt. Angesichts der unfertigen Umstände hatte die Sektion für Kultus und Unterricht im Ministerium des Innern verfügt, von einer feierlichen Inauguration am geplanten Eröffnungstermin, dem 15. Oktober, abzusehen. Erst das zweite Studienjahr wurde regulär mit der Antrittsrede des ersten gewählten Rektors der Universität, des Philosophen Johann Gottlieb Fichte, am 19. Oktober 1811 feierlich eröffnet.

Die Freie Universität ist 1948 auf Grund einer Oppositions- und Sezessionsbewegung vor allem der Studierenden neu gegründet worden. Sie war – unter der Ägide der amerikanischen Besatzungsmacht – eine Antwort auf die wachsende Sowjetisierung der alten Universität im Ostsektor. Ernst Reuter übergab sie wenige Tage vor seiner Wahl zum Oberbürgermeister West-Berlins auf dem festlichen Gründungsakt am 4. Dezember 1948 im Titania-Palast Rektor und Senat, Professoren und Studenten zu treuen Händen.

„Zeigen Sie der Welt“, rief Reuter aus, „dass die Berliner Universität, die einst von den Brüdern Humboldt gegründet worden ist, die der Stolz unserer Stadt gewesen ist, dass diese Universität Berlins lebt und lebendig ist.“ Die Freie Universität trat damit keineswegs mit dem Anspruch auf die institutionelle Nachfolge der Friedrich-Wilhelms-Universität ins Leben. Denn Reuter sprach ausdrücklich und ausschließlich von der „Neugründung“, der „neuen“ oder „neu gegründeten Universität“. Analog sprach auch der erste Rektor, der greise, hoch renommierte Historiker Friedrich Meinecke in seiner vom Krankenlager übertragenen bewegenden Ansprache vom „Versuch einer neuen freien Universität“. In beschwörenden Worten riet er davon ab, „einen unmittelbaren Kampf der beiden Universitäten gegeneinander zu beginnen“, sondern in „Wetteifer miteinander“ zu treten.

Von der bereits weitgehend sowjetisierten offiziellen alten Universität Unter den Linden ist die freie Neugründung indes als „Gegengründung“, als „Gegen-“ und „Kampfuniversität“ diffamiert worden. Sie selbst war nach dem Zweiten Weltkrieg stillschweigend anonymisiert und in der amtlichen Terminologie von der Friedrich-Wilhelms-Universität zur bloßen „Universität Berlin“ geworden. Offenbar kam ein König von Preußen als Namenspatron nicht mehr in Frage. Dieser stumme Konsens in gleichsam vorauseilender political correctness galt auch für den ersten Nachkriegsrektor der Universität, den politisch unbelasteten und widerständigen, weithin angesehenen Pädagogen und Philosophen Eduard Spranger. Ihm war das Amt vom letzten Prorektor der nationalsozialistischen Zeit informell übergeben worden und er wurde vom neuen kommunistisch dominierten Magistrat kurz darauf in dieser Funktion als kommissarischen Rektor bestätigt.

Spranger hatte sich bemüht, die Universität im Rahmen der eng begrenzten Möglichkeiten der Nachkriegsverhältnisse in der vornationalsozialistischen Tradition zeitgemäß zu erneuern und ihren Betrieb nach zügiger Entnazifizierung alsbald wieder aufzunehmen. Er wurde indes im Oktober 1945 bei einem völkerrechtswidrigen Coup informell abgesetzt, der die Universität dem Magistrat und damit der Alliierten Kommandantur der Vier-Sektoren-Stadt Berlin willkürlich entzog und der Deutschen Zentralverwaltung für Volksbildung in der Sowjetischen Besatzungszone, mithin der Befehlsgewalt der Sowjetischen Militäradministration unterstellte. An Stelle Sprangers wurde tags darauf der Altphilologe Johannes Stroux als kommissarischer Rektor eingesetzt. Am 8. Januar 1946 erging der Befehl der Sowjetischen Militäradministration zur Wiederaufnahme des Lehrbetriebs an allen traditionellen Fakultäten der Universität.

Auf der feierlichen Wiedereröffnung der Universität am 29. Januar 1946 plädierte Stroux offen für das Programm, das Wilhelm von Humboldt „aus der Einsicht in die Natur der Wissenschaft und das Wesen forschender wissenschaftlicher Arbeit“ entworfen habe. Es bilde auch weiterhin „eine Quelle der Kraft und der Wegleitung in die Zukunft“ und sei „in seinem Kerne unvergänglich“, weil es nicht zeitgebunden, „sondern der bleibenden Wahrheit der Natur des Menschengeistes“ entsprungen sei.

Anders dagegen der Altkommunist Paul Wandel, der mit Ulbricht und Pieck aus dem sowjetischen Exil zurückgekehrt war und nun als Präsident der Deutschen Zentralverwaltung für Volksbildung vorstand. Er befand in seiner grundsätzlichen Ansprache, dass alle wertvollen humanistischen Traditionen, einschließlich der Brüder Humboldt, mit zeitgebundenen „reaktionären Sonderinteressen und Standesprivilegien“ belastet seien. Dafür habe das neue demokratische Deutschland keinen Platz mehr.

Wandel wollte überdies die Wiederaufnahme des Lehrbetriebs nicht als Wiedereröffnung verstanden wissen. „Ich sprach von einer Neueröffnung und nicht von einer Wiedereröffnung der Universität.“ Ein einfacher Wiederbeginn nach den Gesichtspunkten und Regeln der Vergangenheit sei nicht möglich und nicht zu rechtfertigen. Im Unterschied zu den übrigen Universitäten der Sowjetischen Besatzungszone, die als Landes- oder Provinzuniversitäten zunächst den regionalen Volksbildungsministerien unterstanden, hatte die Berliner Universität nach der Usurpation durch die Deutsche Zentralverwaltung den singulären Status einer Zonenuniversität erhalten. Hierbei erwies sich der Begriff der „Neueröffnung“ juristisch als untauglich, und sie wurde schon bald in den Satzungsentwürfen als von der Deutschen Verwaltung für Volksbildung „errichtete Hochschule“, in Erläuterungen sogar als neu „gegründet“, als „neue Anstalt“ oder „Einrichtung“ bezeichnet.

Hiergegen regte sich grundsätzlicher Widerspruch aufseiten der Sowjetischen Militäradministration. In einem Spitzengespräch der beiden Leiter der Abteilungen Hochschulen und Wissenschaft der Verwaltungen für Volksbildung wurde Mitte Dezember 1947 ein Kompromiss vereinbart: „Die Universität Berlin ist eine auf der Grundlage der ehemaligen Friedrich-Wilhelms-Universität von der Deutschen Verwaltung für Volksbildung in der sowjetischen Besatzungszone neu eröffnete Hochschule; sie führt den Namen Humboldt-Universität.“ Der historische Zusammenhang und die institutionelle Kontinuität von Friedrich-Wilhelms- und Humboldt-Universität wurde überdies auf den Begriff gebracht, sie sei die „Traditionsnachfolgerin der ehemaligen Berliner Universität“. Letztlich wurden die Satzungsentwürfe aber allesamt verworfen. Im Mai 1949 wurde von Wandel eine „Vorläufige Arbeitsordnung der Universitäten und Hochschulen in der sowjetischen Besatzungszone“ in Kraft gesetzt, die nunmehr auch für die Berliner Universität galt.

Zu diesem Zeitpunkt trug die Berliner Universität gleichwohl ihren neuen Namen – Humboldt-Universität. Am 26. Oktober 1948, also unmittelbar vor Abschluss des Gründungsprozesses der Freien Universität, hatte der Senat der Hochschule einen entsprechenden einstimmigen Beschluss gefasst. Die Verleihung erfolgte am 8. Februar 1949 durch einen Brief Wandels.

Die Neu- oder Umbenennung galt ein und derselben Alma Mater Berolinensis, die seit ihrer Gründung durch Reform und Restauration, Vormärz und Revolution, Reaktion, Reichsgründung und Kaiserreich, Novemberrevolution, Weimarer Republik und nationalsozialistische Diktatur gegangen und jeweils tief geprägt worden war. Nach sukzessiver Sowjetisierung sollte ihr nun der der lange Weg durch vier Jahrzehnte sowjetkommunistischer Diktatur bevorstehen. Sie und nur sie kann im Herbst dieses Jahr ihr 200. Jubiläum feiern. Die Freie Universität hingegen wird am 4. Dezember ihren 62. Geburtstag begehen können.

Der Autor ist emeritierter Professor für Neuere Geschichte an der Freien Universität. Zum Thema ist von ihm soeben ein Aufsatz in der Reihe „Neues aus der Geschichte der Humboldt-Universität zu Berlin“ (Bd. 2) erschienen. Gegen eine Gebühr von 5 Euro zu beziehen bei der Öffentlichkeitsarbeit der HU (Tel.: 030-2093 2345; pr@hu-berlin.de).

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