Wissen : Reisen wider Willen

Die Wege der Pendler werden immer länger und komplizierter. Und auch ihre Zahl nimmt zu, vor allem in Berlin

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Stoßzeit. Jeden Morgen sind die Bahnhöfe voller Menschen, die zur Arbeit wollen. Tendenz steigend. Foto: p-a/dpa
Stoßzeit. Jeden Morgen sind die Bahnhöfe voller Menschen, die zur Arbeit wollen. Tendenz steigend. Foto: p-a/dpaFoto: picture alliance / dpa

Vielleicht sitzen Sie gerade in der S-Bahn oder stehen gleich vom Frühstück auf, um zum Auto zu gehen und zur Arbeit zu fahren. Unwahrscheinlich ist das nicht, Schätzungen zufolge gibt es rund 30 Millionen Pendler in Deutschland. Sie bilden – häufig unfreiwillig – eine der größten Interessengruppen des Landes. Zu diesen Interessen gehört wohl in allen Fällen: Bald ankommen und, wenn möglich, irgendwann einmal weniger fahren, am besten gar nicht mehr.

Vergessen Sie’s. Die meisten von Ihnen werden auch in Zukunft pendeln und dann wahrscheinlich noch weiter fahren als heute. Das zeigen Untersuchungen von Pendlerforschern wie Christian Holz-Rau vom Fachgebiet Verkehrswesen und Verkehrsplanung an der TU Dortmund. „Noch immer steigt die Zahl derer, die nicht an ihrem Wohnort arbeiten, also pendeln“, sagt er. „Allerdings ist die Zunahme schwächer als noch vor einigen Jahren.“ Womöglich ist der Höhepunkt bald erreicht. Die Pendelmuster sind dabei komplizierter als das vermutete Rein-in-die-Stadt, Raus-aus-der-Stadt.

In Berlin zum Beispiel hat sich die Zahl der „Einpendler“, die aus dem Umland kommen, in den vergangenen 15 Jahren nahezu verdoppelt. Im Jahr 2009 fuhren in der Regel täglich 176 000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte aus Brandenburg in die Hauptstadt, geht aus dem Pendlerbericht Berlin-Brandenburg hervor. Zunehmend wird aber auch nach draußen gefahren, „ausgependelt“, zeigen Statistiken. Häufigstes Ziel ist Potsdam, gefolgt von Schönefeld. Auf Platz drei kommt schon Hamburg, dann Frankfurt (Main) und München. „Dorthin wird sicher nicht täglich gefahren, wohl eher wöchentlich, aber das geht aus unseren Daten leider nicht hervor“, sagt Holz-Rau. Aus Datenschutzgründen haben die Pendlerforscher nur mittelbare Informationen über die Wege ihrer Studienobjekte. Sie stammen aus den älteren Volkszählungen und aus aktuellen Beschäftigungsstatistiken.

Dabei wird deutlich, dass nicht nur die Zahl der Ein- und Auspendler einer Metropole wie Berlin steigt. Auch zwischen den Umlandgemeinden nimmt der Berufsverkehr zu. Die Hoffnung mancher Raumplaner, dass sich das Umland Schritt für Schritt von der Innenstadt abkoppelt, hat sich nicht bewahrheitet. Stattdessen wird kreuz und quer durch die Gegend gefahren, zeigen Karten mit Pendlerbewegungen.

Wie viele Kilometer der Arbeitsweg umfasst, ist fast egal. Entscheidend ist die dafür nötige Zeit. Und die ist seit Jahrzehnten im Durchschnitt aller Berufstätigen fast unverändert. „Konstanz der Reisezeit“, sagen Fachleute dazu. Das heißt: Während früher eine halbe Stunde zur Fabrik gelaufen oder geradelt wurde, sitzt man heute eben 30 Minuten im Auto oder in der Bahn, um den Schreibtisch zu erreichen. Indem die Verkehrsmittel schneller wurden, hat sich also der Aktionsradius deutlich vergrößert.

Das kommt einer weiteren Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte entgegen: „Die Berufe haben sich immer weiter spezialisiert, so dass es schwieriger wurde, nahe der Wohnung eine geeignete Arbeitsstelle zu finden“, sagt der Verkehrswissenschaftler Holz-Rau. „Vor allem für Höherqualifizierte.“ Generell lässt sich feststellen, dass der Arbeitsweg umso länger ist, je spezialisierter die ausgeübte Tätigkeit ist.

Um die allmorgendlichen Wege zu verkürzen, haben Stadtplaner verschiedene Konzepte entwickelt. Eines lautet, auch die hochqualifizierten Arbeitsstätten zusammenzuführen und an Wohnquartiere heranzubringen. Zum Beispiel beim Wissenschafts- und Technologiestandort Berlin-Adlershof mit mehr als 14 000 Arbeitsplätzen. „So einfach ist es in der Praxis aber doch nicht“, sagt Holz-Rau. Wer lediglich einen befristeten Arbeitsvertrag hat, überlegt zweimal, ob sich ein Umzug lohnt.

Außerdem zählt nicht allein der Job bei der Wohnortwahl. Wer explizit im Grünen oder in einem angesagten Innenstadtkiez wohnen will, wird das weiterhin tun und die entsprechenden Fahrtzeiten akzeptieren. „Häufig gibt es mehrere Akademiker in einem Haushalt, die eben nicht am gleichen Ort eine Arbeit finden“, nennt Holz-Rau eine weitere Hürde. „Dann müssen die Familien bei der Wohnortsuche entscheiden, wer von beiden den längeren Weg auf sich nimmt.“ Meist ist das der Mann, da die Frauen eher in Teilzeit arbeiten und der Mann voll – mit entsprechend höherem Verdienst.

Das gilt aber nicht nur für Familien mit Kindern oder für Paare. „Selbst in Ein-Personen-Haushalten haben berufstätige Männer und Frauen unterschiedliche Bewegungsmuster“, berichtet der Forscher. Auch hier sind die Berufswege der Männer länger als die der Frauen.

In einem Punkt sind sich die beiden Geschlechter jedoch einig. Wenn ein Jobwechsel ansteht, akzeptieren sie oft auch einen längeren Anfahrtsweg. Nach dem Motto: „Das kleine Stückchen mehr verkrafte ich schon noch.“

Na dann, gute Fahrt!

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