Religion : Können Vernunft und Glaube Freunde werden?

Die Kirchen argumentieren, dass wissenschaftliches Weltbild und Christentum sich nicht ausschließen. Aber diese Behauptung ist fragwürdig. Ein Essay von Uwe Lehnert.

Uwe Lehnert
Religion in Stein. Die Front des Magdeburger Doms.
Religion in Stein. Die Front des Magdeburger Doms.Foto: Imago

Vor kurzem widersprach auf Tagesspiegel.de der Theologe Heinz-Werner Kubitza der These, dass Theologie eine Wissenschaft sei. Von gegenteiliger Auffassung war daraufhin der Pressesprecher des Erzbistums Berlin, Stefan Förner. Die Frage scheint ungeklärt: Gibt es einen unüberbrückbaren Gegensatz zwischen dem christlichen Glauben und einer nur der Logik und Überprüfbarkeit verpflichteten Denkhaltung? Oder ist dieser Gegensatz durch "vernünftige" Gründe oder durch glaubensmäßige Überzeugungen aufhebbar? In diesem Essay versuche ich, eine Antwort zu geben.

Ursprünglich unterschied menschliches Nachdenken noch nicht zwischen religiösem Empfinden und vernunftgeleitetem Denken. Religiöser Glaube wurde in frühesten Zeiten ganz wesentlich durch das bestimmt, was man sinnlich erlebte und gefühlsmäßig empfand und was aus dem überlieferten Mythos folgte. Dabei standen im Zweifel die "Wahrheiten" der Religion stets über aller Vernunft. Päpstliche Lehre möchte diesen "unschuldigen" Zustand wieder herstellen und argumentiert, dass die Erkenntnisse der (Natur-)Wissenschaften in eine "höhere Wahrheit" eingebettet seien, zu der nur der Glaube Zugang hätte.

 Ergänzen sich Vernunft und Glaube?

 Papst Johannes Paul II. hat sich anlässlich einer Ansprache vor Wissenschaftlern und Studenten 1980 im Kölner Dom so geäußert: "Denn zwischen einer Vernunft, welche durch ihre gottgegebene Natur auf Wahrheit angelegt und zur Erkenntnis der Wahrheit befähigt ist, und dem Glauben, der sich der gleichen göttlichen Quelle aller Wahrheit verdankt, kann es keinen grundsätzlichen Konflikt geben."

Das klingt fast nach einer respektvollen Anerkennung der Vernunft durch den Glauben. Zwei Sätze später wird die Katze aus dem Sack gelassen: "Damit zeigt sich zugleich, dass Glaube und Wissenschaft verschiedenen Erkenntnisordnungen zugehören, die nicht ineinander überführbar sind."

Mit anderen Worten: Die Wissenschaft mag herausfinden, was sie will, der Glaube wird sich davon prinzipiell nicht und niemals beeinflussen lassen. Wenige Absätze später hört es sich zunächst ähnlich aufgeklärt an: "Es [das kirchliche Lehramt unter Berufung auf das II. Vaticanum, U. L.] hat ausdrücklich die Unterschiedlichkeit der Erkenntnisordnungen von Glaube und Vernunft ausgesprochen, es hat die Autonomie und Freiheit der Wissenschaften anerkannt und ist für die Freiheit der Forschung eingetreten. Wir fürchten nicht, ja, wir halten es für ausgeschlossen, dass eine Wissenschaft, die sich auf Vernunftgründe stützt und methodisch gesichert fortschreitet, zu Erkenntnissen gelangt, die in Konflikt mit der Glaubenswahrheit kommen."

Die Vernunft soll für die "ewige Wahrheit" geöffnet werden

Dies klingt wieder überraschend einsichtig. Doch die Rücknahme folgt auf dem Fuß: "Dies kann nur dort der Fall sein, wo die Unterschiedlichkeit der Erkenntnisordnungen übersehen oder verleugnet wird." Zum Ende seiner Ausführungen spricht der Papst offen aus, was er wirklich meint: "Die Vernunft des Menschen ist ein großartiges Instrument für die Erkenntnis und Gestaltung der Welt. Sie bedarf aber, um die ganze Fülle der menschlichen Möglichkeiten zur Verwirklichung zu bringen, einer Öffnung für das Wort der ewigen Wahrheit, das in Christus Mensch geworden ist."

Ähnlich kühn und nur behauptend äußert sich der evangelische Theologe und frühere Bischof Wolfgang Huber in seinem Buch "Der christliche Glaube": "Zur christlichen Freiheit gehört auch die Freiheit, sich seines Verstandes zu bedienen. Aber zu dieser Freiheit gehört auch die Einsicht, dass die menschliche Vernunft endlich ist, und dass es sich beim Kult der Vernunft um eine Form des Götzendienstes handelt. Es dient der christlich verstandenen Freiheit, wenn die Vernunft dem Glauben nachfolgt und in seinen Dienst eintritt." … "Eine nicht durch den Glauben aufgeklärte Vernunft bleibt unerfahren und unaufgeklärt, weil sie sich keine Rechenschaft über ihre Grenzen ablegt. Sie verkennt ihren Charakter als endliche Vernunft, dem Menschen anvertraut, damit er mit seiner endlichen Freiheit umzugehen lerne."

Dann immerhin einschränkend: "Ein nicht durch die Vernunft aufgehellter Glaube aber trägt die Gefahr in sich, barbarisch und gewalttätig zu werden. Stattdessen ist es nötig, die wechselseitige Verwiesenheit von Vernunft und Glauben immer wieder neu zu entfalten."

Begriffe wie "Kult der Vernunft" und "Götzendienst" zeigen deutlich, welche nachgeordnete Rolle Altbischof Huber der Vernunft zuweist. Und Papst Johannes Paul II. spricht von "Öffnung [der Vernunft] für das Wort der ewigen Wahrheit, das in Christus Mensch geworden ist". Nachvollziehbare Gründe für diese Feststellungen sind für mich nicht erkennbar, lediglich theologisch eingekleidete Behauptungen werden aufgestellt. Früher hatte die Philosophie als Magd der Theologie zu dienen, eine Funktion, die nach der selbstbewussten Definition oberster Glaubensrepräsentanten offenbar heute die Vernunft gegenüber dem Glauben einzunehmen hat. Der Theologe Richard Schröder spricht im Untertitel seines Buches "Abschaffung der Religion?" verallgemeinernd und geradezu verächtlich gar von "wissenschaftlichem Fanatismus".

 Die Wissenschaft, auch ein Glaube?

 In Diskussionen zu dieser Frage wird an dieser Stelle gern die Feststellung getroffen, dass hier eben "punktgleich religiöser Glaube gegen wissenschaftlichen Glauben" stehe? Aber ist dem wirklich so? Religiöser, hier christlicher Glaube baut im Kern auf Dogmen auf, also auf angeblich offenbarten Aussagen, die zudem für alle Zeiten Gültigkeit beanspruchen, also in ihrer Grundaussage unrevidierbar sind, weil auf göttliches Wort und göttlichen Willen zurückgehend. Wissenschaft dagegen "glaubt" nicht, sie gewinnt ihre Erkenntnisse durch methodisch-systematisches Beobachten und überprüft ihre Erkenntnisse und Theorien an der Realität. Wissenschaft rechtfertigt ihr Vorgehen und ihre Aussagen durch die abschließende Überprüfung der Übereinstimmung von Theorie und Praxis, also zum Beispiel im korrekten Eintreffen einer Voraussage. Und Wissenschaft setzt auf Begründung, zumindest Evidenz, intersubjektive Nachvollziehbarkeit und logische Widerspruchsfreiheit.

Die Theologie spricht gern vom »wissenschaftlichen Glauben« und versucht damit zu suggerieren, dass auch Wissenschaft, selbst die Naturwissenschaft, von Voraussetzungen ausginge, die Glaubenscharakter hätten. Aber solche Annahmen kennt die Wissenschaft nicht. Zwar arbeitet auch Wissenschaft nicht voraussetzungslos, aber die stillschweigende Setzung von Behauptungen oder die Vorwegnahme von Ergebnissen, die erst zu beweisen sind, kennt sie nicht. Wissenschaft stellt keine Behauptungen auf, die Voraussetzungen wären für ihre Untersuchungsergebnisse. Das aber tut die Theologie, wenn sie als wahr voraussetzt, dass Gott existiert, dass Jesus auferstanden ist oder dass beispielsweise Jesus Gottessohn ist. Eine auf solchen Voraussetzungen aufbauende Disziplin kann Wissenschaftlichkeit nicht beanspruchen und seien ihre daraus folgenden Untersuchungsergebnisse noch so logisch einwandfrei und methodisch-systematisch entwickelt und in sich widerspruchsfrei. Die Theologie muss um ihrer Existenz willen solche Voraussetzungen machen. Die Religionswissenschaft hat solche Vorgaben nicht nötig, sie erfüllt folglich die Kriterien der Wissenschaftlichkeit.

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