Religion : Pfeifen im Wald

45-Minuten-Rundumschlag: Udo di Fabios „Berliner Rede zur Religionspolitik“ an der Humboldt-Universität.

Thomas Lackmann

Als er vor vier Jahren aus Bayern ins liberale Rheinland zog, hatte er – kirchlich – kaum Gutes erwartet. Dann kam ein neuer Pfarrer zur Gemeinde. Der gründete eine Bürgerinitiative, auch weniger Fromme stießen dazu. 100 Ministranten wurden mobilisiert; man pilgert jetzt mit 1000 Gläubigen zur Wallfahrt nach Trier. „All das hätte ich nicht für möglich gehalten“, sagt Udo di Fabio. Es ist, befragt nach einer angeblichen „Ermattung der Glaubenskräfte“, seine finale Podiumsantwort. Eröffnet hätte der Bundesverfassungsrichter und Bonner Ordinarius seinen geschliffenen Vortrag im Senatssaal der Humboldt-Universität kaum mit solch einem Credo: Das wäre jenen Zuhörern, denen – das zeigt die Diskussion – der Gegensatz zwischen Aufklärung und Religion am Herzen liegt, wohl als Befangenheit aufgestoßen.

Noch in der Tür drängeln sich Besucher, auch eine Frau mit Kopftuch. Die „7. Berliner Rede zur Religionspolitik“ ist betitelt: „Gewissen, Glauben, Religion. Wandelt sich die Religionspolitik?“ 45-Minuten-Rundumschlag. Politische Gegenwart. Geistesgeschichte: Bereits bei Thomas von Aquin und Albertus Magnus orientiere moralisches Handeln sich am Gewissen. Zu den „Geburtswehen der Neuzeit“ habe zwar „Rivalität um die eine Wahrheit“ gehört. Doch seien unsere Grundrechte „legitime Kinder“ des Humanismus, der von Gottesebenbildlichkeit ausging: jeder Mensch von Gott zum Schöpfer seiner selbst berufen. Die Aufklärung rühmt der Jurist mit dem Theologen Eberhard Jüngel als „beerbtes Christentum“.

Gewissensfreiheit kollidiert mit dem Staat. Verweigerung von Bundeswehr- Software für den Irakkrieg? Trotz Schulpflicht Hausunterricht, zur Vermeidung der Evolutionslehre? Religiöse Zeichen im Staatsdienst? Klausur am Sabbat? Tierschutz contra Schächten? „Ungehorsam und Widerstand“ bezeichnet di Fabio als Klassiker abendländischen Denkens. Der Staat könne nicht nur jene Religionen mit Freiheiten belohnen, die dem Gemeinwohl dienen. Erziehung müsse sich allerdings in der Gesellschaft bewähren: keine Isolationspädagogik! Aber auch Ängste vor einer „entgleisenden Moderne“ (Stichwort: Biotechnik) müsse man verstehen.

Der Wertkonservative zitiert Habermas: Der Kirche, die im Glauben einen Rationalitätsspeicher eigener Art bewahre, solle man besonders zuzuhören. Vernunft sei Kultur, „die mit Verstand nicht gänzlich entschlüsselt werden kann“ und Respekt des Zuhörens fordere. Der moderne Staat müsse „über seine Idee von sich selbst nachdenken, damit er sich nicht als Institution auflöst“. Er selbst „laviere“, gibt di Fabio zu: „Wenn ich die Moderne hochleben lasse, ist es das Pfeifen im Wald.“ Die sinnvolle Einbettung „des Menschen“ in Staat und Wissenschaft bezweifelt er, neues „Gruppendenken“ alarmiert ihn: der Trend – für Alte, für Frauen –, explizit Rechte einzufordern. Das wäre den Humanisten nicht in den Sinn gekommen, sagt er: Was man positiv betone, lasse sich auch ins Negative wenden. Die Kopftuch-Frau steht nicht mehr im Türrahmen. Vielleicht hat sie einen Platz gefunden. Oder ist gegangen. Thomas Lackmann

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