Religionen : Irrationales Feindbild

Mit der Sprache der Extremisten: Wie populäre "Islamkritiker" Muslime unter Generalverdacht stellen.

Peter Widmann
Islamkritiker
Populistische Proteste. -Foto: ddpIs

In Deutschland formiert sich seit einigen Jahren eine Szene, die unter dem Vorwand der „Islamkritik“ irrationale Feindbilder verbreitet. Ihre Vertreter nutzen Debatten über den Islam im Allgemeinen und über Judenfeindschaft unter Muslimen im Besonderen, um als besorgte Beobachter getarnt den Einfluss rechtspopulistischer, rechtsintellektueller und christlich-fundamentalistischer Gruppen auf die öffentliche Kommunikation zu steigern.

Die Agitatoren bewegen sich in drei Zusammenhängen: Auf dem populärwissenschaftlichen Buchmarkt präsentieren einige Publizisten Schreckbilder des Islam und geben ihre den historischen und soziologischen Forschungsstand ignorierenden Thesen als wissenschaftlich aus. Im Internet machen Anbieter antimuslimischer Hass-Seiten, wie „Politically Incorrect“, „Akte Islam“ oder „Die grüne Pest“, den Kampf gegen eine vermeintliche Islamisierung Europas zu ihrem Geschäft. Auf lokaler Ebene entstanden Initiativen gegen den Bau von Moscheen, die in jedem muslimischen Gotteshaus einen Brückenkopf islamischer Eroberung Europas sehen.

Aktivisten und Blogger im Netz versuchen ihre Ressentiments durch Behauptungen aus den populärwissenschaftlichen Büchern zu begründen und laden deren Autoren zu Veranstaltungen ein. So entstand ein gut vernetzter Agitationszusammenhang, geführt von Angst-Unternehmern, die durch Buchverkauf, Werbeanzeigen auf ihren Homepages und den Vertrieb von Propagandaartikeln außer dem politischen auch finanziellen Gewinn zu erzielen versuchen.

Islam wird als Gefahr für die Menschheit dargestellt

Die Szene sieht „den Islam“ als größte Menschheitsgefahr der Gegenwart. Sie steht seriösen Beobachtern fern, die bestimmte muslimische Organisationen, ihr Programm oder Handeln kritisieren, ebenso den Wissenschaftlern, sozialen und pädagogischen Fachkräften oder den Interessengruppen, die sich mit klar definierten und empirisch belegbaren Phänomenen unter muslimischen Migranten auseinandersetzen.

Den „Islamkritikern“ geht es vielmehr darum, einen Generalverdacht gegen Muslime zu verbreiten, den Vorwurf, der Islam schlechthin sei eine Gewaltideologie und so juden-, frauen-, homosexuellen- und demokratiefeindlich, dass die Integration seiner Anhänger in westliche Gesellschaften scheitern müsse.

Man griffe zu kurz, interpretierte man diese Szene nur als extreme Reaktion auf die Anschläge vom 11. September 2001 oder den Mord am niederländischen Filmemacher Theo van Gogh im Jahr 2004. Die islamfeindliche Propaganda wurzelt tiefer. Sie radikalisiert die populistische und extremistische Rhetorik der achtziger und neunziger Jahre gegen eine befürchtete Überfremdung. Sahen die Agitatoren damals in Fremden, vor allem in Asylbewerbern, lästige Schmarotzer und Kriminelle, erscheint die proklamierte Gefahr heute größer: Deutschen und Europäern drohe, so der Kernbegriff der Propaganda, eine „Islamisierung“, eine Fremdherrschaft, die vom Abendland wenig übrig lassen würde.

Die rhetorischen Muster folgen extremistischen Traditionen. Rechtspopulistische Propaganda, das hat der Politikwissenschaftler Oliver Geden gezeigt, speist sich aus einer Basiserzählung. Danach sei eine schweigende Mehrheit der eingesessenen Bevölkerung zwei Bedrohungen ausgesetzt: Einer von außen durch Minderheiten, Fremde und Abweichende und einer von oben durch die Eliten, „die Politiker“, die sich von den Interessen des Volkes abgewandt und mit den Minderheiten verbündet hätten. Die pauschale Islamkritik bedient sich dieser Vorlage. Dazu kommen weitere im rechten Spektrum gängige Motive: Fremdenfeindlichkeit, das Szenario kulturellen Niedergangs, für das sich der Liberalismus, „die Achtundsechziger“ oder die „Überfremdung“ verantwortlich machen lassen, sowie die Selbstinszenierung der Populisten als Tabubrecher, als Kämpfer gegen eine Diktatur der politisch Korrekten.

Religionsfreiheit infrage gestellt

In einem Punkt dagegen weicht die islamfeindliche Propaganda oft von der herkömmlichen Rhetorik ab: In einschlägigen Büchern begegnet man häufig wiederkehrenden und auf den ersten Blick positiven Bezügen auf das Judentum und auf Israel. Mit seinem Verein „Pax Europa“ etwa wollte der ehemalige FAZ-Redakteur und Islamgegner Udo Ulfkotte vor einiger Zeit die „christlich-jüdisch geprägte europäische Kultur“ verteidigen. Der „Wertheimer Appell“, den Anti-Moschee-Aktivisten im Juni 2007 verfassten, rechtfertigt mit der „christlich-jüdisch-humanistischen Tradition Europas“ seine Forderung, die Religionsfreiheit des Grundgesetzes für den Islam infrage zu stellen.

In verdichteter Form finden sich die gewohnten wie die neuen Motive im Werk des Publizisten Hans-Peter Raddatz, den die islamfeindliche Szene als wissenschaftlichen Heros verehrt. Raddatz veröffentlichte seit 2001 in schneller Folge populärwissenschaftliche Bücher mit Titeln wie „Von Gott zu Allah?“, „Von Allah zum Terror“ und zuletzt „Allah und die Juden. Die islamische Renaissance des Antisemitismus“.

Raddatz tritt als Fachmann auf und bezeichnet sich als „Elder Statesman der Orientalistik“. Tatsächlich hat Raddatz 1967 an der Universität Bonn bei Otto Spies und Annemarie Schimmel im Fach Islamkunde über ein Thema aus der früh islamischen Geistesgeschichte promoviert. Danach wechselte er in die Wirtschaft. In der zweiten Hälfte der neunziger Jahre trat er als Publizist an die Öffentlichkeit, um die seiner Ansicht nach drohende Islamisierung des Abendlandes zu bekämpfen.

Zielgruppe: Ultrakonservative

Anstelle eines Fachpublikums suchte Raddatz ein Umfeld, in dem Ultrakonservative ohne Scheu auf Rechtsextremisten treffen. In den Jahren 1997 bis 2001 schrieb er Artikel für die rechte Wochenzeitung „Junge Freiheit“. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 avancierte Raddatz zum Islamexperten für das große Publikum. Dabei hielt er an seinen mit Denktraditionen des rechten Randes verbundenen Anschauungen fest. Dazu gehören die antimoderne Klage über die verlorene Identität, der Verschwörungsglaube – und das Denken in absoluten Feindschaften.

So plädiert Raddatz in „Allah und die Juden“ kaum verhüllt für radikale Maßnahmen. Er schreibt über die Ausweisung der Moriscos, der vielfach zwangsgetauften Muslime, aus dem Spanien des frühen 17. Jahrhunderts: „Die iberische Vertreibung war in dieser massierten Form nur erforderlich, weil die damaligen ‚Verantwortlichen‘ zu spät handelten. Heute wird jede Maßnahme zugunsten der Bevölkerung gänzlich verhindert, weil sie als ‚populistisch‘, wenn nicht rassistisch gilt. Die Folgen werden daher weitaus drastischer sein als seinerzeit in Spanien.“

Alarmierend ist auch eine vierte Komponente in Raddatz’ Weltbild – die Neuverteilung historischer Täter- und Opferrollen: Er sieht in den Deutschen die künftigen Opfer eines Völkermords durch Muslime. Das Buch „Allah und die Juden“ endet mit der Warnung: „Sollten die Deutschen ihrerseits dauerhaft unfähig bleiben, sich von dieser Tendenz zu befreien, gibt es außer dem Einfluss Amerikas keinen Grund, warum sich das Schicksal des Opfervolkes Israel nicht auch an Europa, beginnend mit dem deutschen Tätervolk, vollenden sollte.“

Der Islam soll als genozidale Religion erscheinen und Muslime als die maßgeblichen Judenfeinde in Geschichte und Gegenwart. So versuchen Raddatz und andere „Islamkritiker“, die deutsche und europäische Geschichte der Judenverfolgung in ein vergleichsweise mildes Licht zu rücken.

Der Autor ist wissenschaftlicher Assistent am Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung. Sein Text basiert auf einem Artikel im Jahrbuch 17 (2008) des ZfA (erschienen im Metropol-Verlag, Berlin).

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