Wissen : „Renaissance der Demokratie“

Der Bundespräsident feierte Obamas Wahlsieg an der Freien Universität mit Erstsemestern – trotz Störungen

Amory Burchard

Es war ein übernächtigter und zugleich enthusiastischer Bundespräsident, der am Mittwochmorgen zu den neuimmatrikulierten Studenten der Freien Universität Berlin (FU) sprach. „Ich habe die ganze Nacht am Fernseher zugebracht“, begrüßte Horst Köhler die Studierenden im Henry-Ford-Bau. Er sei fasziniert von der „Renaissance der Demokratie“, die er in der Nacht und in den frühen Morgenstunden beobachtet habe. Ihn begeistere der Aufbruch der amerikanischen Bürger, die sich nach Jahren der Politikmüdigkeit zu Millionen erstmals als Wähler registrieren ließen. Dem neuen Präsidenten der USA, Barack Obama, habe er schon gratuliert – „aus persönlicher Überzeugung“, sagte Köhler unter dem beifälligen Raunen seines jungen Publikums.

Die Feier wurde allerdings mehrfach gestört. Trotz eines massiven Polizeiaufgebots gelang es Studenten, sich während der Begrüßungsrede von FU-Präsident Dieter Lenzen den Fensterscheiben des Großen Hörsaals von außen zu nähern. Es waren laute, dumpfe Schläge wie von Feuerwerkskörpern zu hören, das Publikum zuckte zusammen. Tatsächlich hatten die Störer jedoch mit Fäusten gegen die Scheiben geschlagen. Sie wurden von Polizisten ergriffen und vorübergehend in Gewahrsam genommen. Die Studierendenvertretung Asta hatte zuvor kritisiert, dass der Besuch des Bundespräsidenten den Henry-Ford-Bau in einen „Hochsicherheitstrakt“ verwandele und die Personalien aller Zuhörer überprüft wurden.

In der Dahlemer Garystraße, in Sicht- und Hörweite des Henry-Ford-Baus, hatte der Asta zu einer alternativen Immatrikulationsfeier unter freiem Himmel eingeladen. Für etwa 60 Besucher wurde laute Rock- und Popmusik gespielt, einige hielten Plakate mit Aufschriften wie „Freie Universität? Guter Witz!“ hoch.

Auf eine Protestkundgebung im Saal reagierte Horst Köhler gelassen. Als zwei junge Männer aus dem Publikum ein Transparent entfalteten und hochhielten, las der Bundespräsident einen Teil des Textes allen vor: Die Krise heißt Kapitalismus. „Lassen Sie das ruhig stehen“, bat Köhler die Sicherheitskräfte, die das Transparent entfernen wollten. Aus dem Publikum bekam er dafür spontanen Applaus. In seiner frei gehaltenen Ansprache – Köhler erklärte, er habe seinen Redetext unter dem Eindruck der Obama-Wahl zu Hause gelassen – ging der Bundespräsident dann mehrfach auf die Protestaktion ein. „Die Irrtümer und Exzesse, die wir jetzt in der Welt der Finanzmärkte festgestellt haben, müssen wir korrigieren“, sagte Köhler. Er appellierte jedoch an die Studierenden, nicht zu vergessen, was die soziale Marktwirtschaft gerade Deutschland gebracht habe: Den Wiederaufbau der Bundesrepublik nach den schrecklichen Verbrechen und Verlusten der NS-Zeit und des Krieges, soziale Sicherheit – und den Aufbau der Hochschulen. Er glaube, dass Barack Obama jetzt in den USA „in die Richtung geht, in die wir in den vergangenen 60 Jahren gegangen sind – in die Richtung der sozialen Marktwirtschaft“, sagte Köhler.

Den Auftritt der afrikanischen Trommler- und Tänzerinnengruppe „Adikanfo“ verstand Köhler als Verbeugung vor seinem Engagement für eine neue Verständigung mit Afrika. Er warnte die Studierenden allerdings davor, ihr Verständnis afrikanischer Kultur auf diese folkloristische Darbietung zu reduzieren. „Es ist eine reiche Kultur, mit einer großen Offenheit für das Lernen und den Austausch mit anderen Kulturen“, sagte Köhler.

Der Bundespräsident habe „geradezu sozialistische Töne“ in seiner Rede angeschlagen, sagte Studierendenvertreter Sebastian Schneider, der die traditionelle Begrüßungsrede für den Asta hielt. Gleichwohl bezeichnete er Köhler und auch Lenzen als „Repräsentanten der neoliberalen Ideologie“. Er kritisierte Köhlers Tätigkeiten als Präsident der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Direktor des Internationalen Währungsfonds und Lenzens Engagement für die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft. Nach Hochschulreformen wie der Umstellung auf Bachelor und Master und der Exzellenzinitiative hätten an den Universitäten „Leistungsdruck und Ungleichheit“ zugenommen.

FU-Präsident Lenzen hatte die Studierenden „in den Armen einer älteren Dame“ begrüßt, „die in diesem Jahr 60 Jahre alt wird und in zwei Jahren 200 Jahre“. Er erinnerte an die Gründung der Freien Universität am 4. Dezember 1948, als Alternative zur kommunistisch dominierten Universität Unter den Linden. Die FU sei damals bewusst in der Tradition der alten, am 4. Dezember 1810 eröffneten Berliner Universität gegründet worden, sagte Lenzen. Die intellektuelle Kontinuität des Gründungsgedakens von 1810 – das Humboldtsche Bildungsideal – sei bis heute lebendig.

Auf die Störungen regierte auch Lenzen gelassen. Die dumpfen Schläge gegen die Fenster und den Polizeieinsatz vor dem Saal während seiner Rede ignorierte der Präsident. Am Ende gab er den Studierenden einen „alten Aberglauben“ mit auf den Weg: An runden Geburtstagen vertrieben gute Geister die Dämonen.

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