Resistente Erreger : Kreislauf der Keime

Resistente Mikroben finden sich überall – nicht nur in der Landwirtschaft. Und die häufigste Quelle für Krankenhaus-Infektionen sind die Patienten selbst.

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Blick in einen Kuhstall. Landwirtschaft und Medizin tragen gemeinsam Verantwortung, wenn es um gefährliche Erreger geht.
Nicht keimfrei. Landwirtschaft und Medizin tragen gemeinsam Verantwortung, wenn es um gefährliche Erreger geht.Foto: picture alliance / dpa

Die einen bezichtigen die Massentierhaltung. Durch lebensunwürdige Zustände in den Ställen und maßlosen Einsatz von Antibiotika würden multiresistente Keime gezüchtet und von Landwirten in die Krankenhäuser getragen. Die anderen sagen, die Ärzte sind schuld, weil sie zu oft Antibiotika verschreiben und dadurch Krankenhauskeime heranzüchten.

„Beides ist Unsinn“, sagte der Antibiotika-Experte Robin Köck vom Universitätsklinikum Münster auf einem Symposium zur „Herausforderung Antibiotikaresistenzen“ auf der Grünen Woche. Weder die Ursache noch die Lösung des Problems der zunehmenden Verbreitung antibiotikaresistenter Keime liegt allein bei den Lebensmittelproduzenten oder den Ärzten. Statt sich gegenseitig die Schuld zuzuschieben, müsse man begreifen, dass nur eine „One-Health“-Strategie, die also die Gesundheit von Tier und Mensch berücksichtigt, gegen eine Ausbreitung resistenter Keime erfolgreich sein könne, sagte Andreas Hensel, Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR), das die Veranstaltung organisiert hatte.

Zwei Kilo Bakterien hat jeder Mensch "an Bord"

„Jeder Einsatz von Antibiotika, auch der sachgemäße, fördert prinzipiell die Ausbreitung resistenter Keime“, sagte der Tierarzt Bernd-Alois Tenhagen vom BfR. Bakterien sind überall. Rund zwei Kilogramm davon schleppt jeder Mensch mit sich herum. Die meisten sind harmlos, viele nützlich, einige eventuell krankheitsauslösend. Durch den Einsatz von Antibiotika überleben nur die Bakterien, die zufällig widerstandsfähig gegen das Mittel sind.

Jeder unnötige Einsatz erhöht damit die Wahrscheinlichkeit, dass sich diese Keime verbreiten. Zunächst einmal sind diese antibiotikaresistenten Varianten eines Erregers aber biologisch nicht aggressiver oder tödlicher als die antibiotikaempfindlichen. Jahrelang können die Keime Teil der persönlichen Bakterienfauna eines Menschen sein, ohne Probleme zu verursachen. Zur Gefahr wird die Resistenz der Keime erst dann, wenn sie zum Beispiel eine Schnittverletzung infizieren. Dann muss schnell behandelt werden. Meist schon, bevor der Arzt ein Testergebnis vorliegen hat, um welche Keime es sich zum Beispiel bei einer beginnenden Blutvergiftung handelt.

60 bis 80 Prozent aller Krankenhaus-Infektionen entstehen durch Bakterien, mit denen der Patient bereits vor der Aufnahme ins Krankenhaus besiedelt ist. Jede Stunde, in der solch ein Patient mit einem wirkungslosen Antibiotikum behandelt wird, senke die Wahrscheinlichkeit eines Heilungserfolgs um rund sieben Prozent, sagte Köck. Deshalb steige mit der Häufigkeit resistenter Keime in der Bevölkerung auch die Wahrscheinlichkeit einer unwirksamen Behandlung. Der Keim Staphylokokkus aureus siedelt in der Nasenschleimhaut von etwa 60 Prozent der Menschen in Deutschland. Insgesamt 1,5 Prozent tragen dessen mehrfach resistente Variante MRSA. ESBL-Keime, die Antibiotika wie Penicillin und Cephalosporin trotzen, sind je nach Erregertyp bei etwa vier bis sieben Prozent der Bevölkerung heimisch.

Infektionen mit MRSA-Keimen haben nur selten etwas mit Landwirtschaft zu tun

Resistente Keime stammen nur selten aus der Lebensmittelproduktion. „98 Prozent der MRSA-Infektionen haben nichts mit Tierhaltung zu tun“, sagte Köck. Das lässt sich gut feststellen, weil es unterschiedliche MRSA-Keime gibt. MRSA-CC398 etwa finden die Experten in den Ställen, doch deutschlandweit spielen sie nur bei weniger als zwei Prozent der Infektionen eine Rolle. In den intensiv landwirtschaftlich genutzten Regionen Deutschlands sieht das allerdings ein wenig anders aus. Dort haben bis zu 9,6 Prozent der Menschen mit einer Infektion einen MRSA-CC398-Keim. Das erklärt sich daher, dass zwei Drittel dieser Patienten in der Landwirtschaft arbeiten oder anderweitig Kontakt mit Nutztieren haben. Wo sich der Rest (15 bis 38 Prozent) mit den multiresistenten Staphylokokken angesteckt hat, können Köck und Kollegen nur vermuten: Kontakt mit Landwirten, von denen in Deutschland etwa 2,5 Prozent MRSA-Keime tragen, Kontakt mit Haustieren, die wiederum Kontakt mit Nutztieren hatten, oder Infektion über die Umwelt. Jedenfalls scheinen Personen in ländlichen Regionen ein höheres Risiko zu haben. Allerdings bringen 30 bis 70 Prozent der Patienten die multiresistenten Keime auch von Reisen nach Südostasien oder Indien mit.

In der Tierhaltung sollten weniger Antibiotika eingesetzt werden

Dennoch ist die Zunahme mehrfach resistenter Keime in der Tierhaltung besorgniserregend. Laut Analysen von 2013 ignorieren über die Hälfte der E.coli-Darmbakterien von Masthühnern vier bis sieben verschiedene Antibiotika. Besonders alarmierend sind die Zahlen bei Broilern und Puten, bei denen zwei Drittel der E.coli-Keime resistent gegen mindestens drei oder mehr Klassen von Antibiotika sind. Den EBSL-Keim fanden die Forscher 2013 in mehr als 60 Prozent der Kotproben von Masthähnchen.

Um den Austausch der Keime zwischen Mensch und Tier und Umwelt zu minimieren, schlägt Tenhagen nicht nur vor, weniger Antibiotika in der Tierhaltung zu verwenden, um den Selektionsdruck hin zu mehr antibiotikaresistenten Keimen zu senken. Wichtig seien zudem Küchenhygiene sowie ein besseres Management der Lebensmittelproduktion und schärfere Kontrollen. „Aber Verbesserungen in der Tierhaltung und der Lebensmittelgewinnung lösen das Problem in der Humanmedizin nicht, weil dort resistente Keime kursieren, die nicht aus der Tierhaltung stammen“, sagte Tenhagen. Außerdem wandern Keime nicht nur aus der Tierhaltung in die menschliche Population, sondern auch umgekehrt. „Wir können den Übertragungsweg vom Menschen zum Tier nachweisen“, sagte Tenhagen. Bekannte Krankenhauskeime sind schon in der Tierhaltung aufgetaucht, dabei solche mit Resistenz gegen Reservemittel wie Carbapeneme.

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