Resistente Keime : Antibiotika müssen vernünftig eingesetzt werden

Experten diskutieren über Strategien gegen Resistenzen. Dazu gehört: dringend neue Wirkstoffe suchen und weniger derartige Medikamente verschreiben.

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Ohne Wirkung. Bei vielen Atemwegsinfekten sind Antibiotika nutzlos.
Ohne Wirkung. Bei vielen Atemwegsinfekten sind Antibiotika nutzlos.Foto: picture alliance / dpa

Wenn Antibiotika nicht mehr wirken, fällt gleichsam der Notarzt im Gesundheitswesen weg. „Das können wir nur verhindern, wenn alle an einem Strang ziehen“, sagt Petra Gastmeier. Die Direktorin des Instituts für Hygiene der Charité kennt die alten Fronten: Bauern und Tierärzte gegen die Humanmedizin, die Ärzte in den Kliniken gegen die niedergelassenen Kollegen. „Aber inzwischen haben alle begriffen, dass gegenseitige Schuldzuweisungen niemandem helfen.“

„One Health“ – die Gesundheit von Mensch und Tier kann man nicht trennen. So heißt der Ansatz, den die Experten bei der jüngsten Podiumsdiskussion aus der Reihe „Fokus@Helmholtz“ betonten, die am Donnerstagabend in Berlin stattfand. „Das schließt ein, dass wir innerhalb Deutschlands über Ressort- und Ländergrenzen hinaus kooperieren und gleichzeitig das Thema international bis hin zu den Vereinten Nationen sehr ernst genommen wird“, sagte Annette Widmann-Mauz (CDU), parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Gesundheit.

Seit zehn Jahren keine neuen Wirkstoffe

Auch für die Forschung gibt es viel zu tun: Seit etwa zehn Jahren wurden keine neuen Wirkstoffe mehr gegen die besonders schwer behandelbare gramnegativen Bakterien zugelassen. Es fehlen Schnelltests, mit denen Hausärzte Infektionen mit Viren von denen mit Bakterien sicher unterscheiden können, es werden Schmalspurantibiotika mit entsprechender Begleitdiagnostik benötigt.

Jeder zehnte Patient werde mit ESBL-bildenden Bakterien ins Krankenhaus eingeliefert, sagte Gastmeier. Die Keime bilden Enzyme, die verschiedene Antibiotika unwirksam machen. Seit 2012 beobachte sie, dass Patienten aus dem Ausland oder Reiserückkehrer oft mit Bakterien ankommen, die gegen alle vier Antibiotikaklassen resistent sind. Manchmal überstehen diese selbst die ordnungsgemäße Reinigung von Geräten in der Klinik.

Es ist sehr schwer, neue Kandidaten zu finden

Resistenzen seien ein Ergebnis der Evolution, sagte Rolf Müller, Direktor des Helmholtz-Instituts für Pharmazeutische Forschung Saarland. „Bakterien bevölkern die Erde seit zwei Milliarden Jahren, sie bekämpfen sich auch untereinander. Natürlich wappnen sie sich schnell gegen unsere Mittel.“ Müller sucht nach antibiotischen Naturstoffen, die sich als Medikament eignen. Viele sind für uns giftig oder sie sind im Blutplasma nicht stabil. „Man braucht 70 Projekte, um einen Kandidaten zu finden“, schätzte Wolfgang Plischke, ehemaliges Vorstandsmitglied von Bayer.

Industrie und Forschung hätten verschiedene Stärken und sollten besser zusammenarbeiten. Kleinere und mittlere Unternehmen sollten besonders gefördert werden. Diese Pläne gibt es bereits, entgegnete Widmann-Mauz. Bei der Einschätzung des „Mehrwertes“ eines Medikaments solle bei Antibiotika zudem ausreichen, dass es überhaupt eine Alternative bietet. Die Benutzung der Begleitdiagnostik könne erstattet werden, auch wenn das Mittel selbst nicht eingesetzt wird.

Plakate und Apps sollen den Verbrauch verringern helfen

„Man kann schon viel Gutes tun, wenn man die Verschreibung optimiert“, sagte Gastmeier. So sei es sinnlos, wenn vor und nach Operationen drei bis fünf Tage lang Antibiotika gegeben werden. Ein Krankenhausinformationssystem, das dafür zumindest eine Begründung fordert, sei in den wenigsten Kliniken vorhanden. Ambulant verbrauchten zudem 20 Prozent der Ärzte etwa ein Viertel der Antibiotika. „Wir müssen diese Hochverschreiber identifizieren.“ Vielen Hausärzten fehle die Zeit, ihre Patienten davon zu überzeugen, dass Atemwegsinfektionen meist durch Viren verursacht werden und daher Antibiotika gar nicht helfen.

Gemeinsam mit der Uni Jena habe ihr Team Materialien entwickelt, die dem entgegenwirken, vom Plakat für die Wartezimmer über digitale Apps, mit denen man die eigene Verordnungsrate überprüfen kann bis hin zum Flyer für den Patienten. „Der bekommt dann statt eines Rezepts ein Infozept.“ Manchmal hilft eben schon Abwarten und Tee trinken.

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