Rhythmen des Klimas : Auf der Erde war es meist eher heiß als kalt

Kurze Geschichte des Klimas (1): Wie die Erde zu ihrer Atmosphäre kam - und warum meist Treibhaushitze vorherrschte.

Otto Wöhrbach
Zeugen der Eiszeit. Große Felsen, Findlinge genannt – hier am Finnischen Meerbusen – wurden von Gletschern in südliche Gefilde transportiert.
Zeugen der Eiszeit. Große Felsen, Findlinge genannt – hier am Finnischen Meerbusen – wurden von Gletschern in südliche Gefilde...Foto: Matthias Graben/imago/imagebroker

Alle reden vom Klima. Auch die Stammtische. „Klimawandel? Ja und? Hat es doch immer schon gegeben, seit die Erde sich dreht.“ Stimmt. Während ihrer 4,6 Milliarden Jahre langen Geschichte hat die Erde tatsächlich schon so manchen Klimawandel erlebt. Doch wer glaubt, der von der menschlichen Zivilisation eingeleitete Klimawandel wäre nur ein Klimawandel wie jeder andere auch und damit als harmloses Naturereignis abgehakt, der irrt sich in dreifacher Hinsicht: Auch bisher schon war jeder größere Klimawandel gefährlich für das irdische Leben. Dieses Mal aber trifft er einen dicht bevölkerten Planeten mit einer hochentwickelten Zivilisation, die sich genau angepasst hat an die herrschenden Klimabedingungen. Und die ändern sich so schnell wie nie zuvor in der Erdgeschichte.

Von welcher Art Klimawandel reden wir überhaupt? Durch die Köpfe geistern viele Versionen und werden je nach Wissen und Bedarf aus dem Argumente-Hut gezaubert. Gerne angeführt als Beispiel einer natürlichen Klimaschwankung wird die „Kleine Eiszeit“ ab dem 13. Jahrhundert. Im Buch der Klimageschichte ist sie mit ihrer kurzen Dauer von einigen hundert Jahren und durchschnittlich ein bis zwei Grad geringeren Temperaturen allerdings nur eine Fußnote.

Die "Kleine Eiszeit" stiftete Unruhen

Immerhin aber lässt sie erahnen, wie schon ein kleiner Klimawandel zum Katalysator werden kann für große politische und gesellschaftliche Verwerfungen. Das raue Klima zog Missernten und Hungersnöte nach sich, schürte Hexenhysterie und Judenpogrome. Auch zum Ausbruch des Dreißigjährigen Kriegs hat die Kleine Eiszeit vermutlich beigetragen als Treibsatz für die Zündung des explosiven Gebräus aus religiösen Konflikten, sozialen Spannungen und politischen Interessen, das sich am Beginn des 17. Jahrhunderts angesammelt hatte.

Geringe Klimaschwankungen wie die Kleine Eiszeit ausgenommen, befindet sich die Erde seit rund 12 000 Jahren in einer relativ stabilen Phase ihrer Klimageschichte. In diesem mehr oder weniger gleichbleibend milden Klima konnte sich unsere moderne Zivilisation entwickeln.

Über weite Strecken dominierten Warmzeiten das Erdklima.
Über weite Strecken dominierten Warmzeiten das Erdklima.Foto: null

Auch in Berlin finden wir jedoch zahlreiche Zeugen aus viel kälteren Zeiten in Gestalt von gewaltigen Felsbrocken. Ein solcher Findling ist zum Beispiel der „Große Stein“, der in Französisch Buchholz besichtigt werden kann. Und auch die riesige Granitsteinschale im Lustgarten vor dem Alten Museum, die größte Steinschale der Welt, wurde aus einem Findling herausgesägt, der ursprünglich 700 Tonnen gewogen hatte.

Schon Goethe wunderte sich im zweiten Teil des „Faust“ über die Herkunft der Findlinge:

Noch starrt das Land von fremden Zentnermassen

Wer gibt Erklärung solcher Schleudermacht?

Doch entgegen der Goethe’schen Skepsis fanden Forscher wie der Schweizer Louis Agassiz schon um das Jahr 1840 heraus, wer die Gesteinsbrocken aus Skandinavien in die Norddeutsche Tiefebene geschleppt hatte: Gletscher, die sich während der vergangenen Jahrhunderttausende immer wieder weit nach Süden vorgeschoben hatten. Gelegentlich wurde das Klima aber auch wieder wärmer, die Gletscher zogen sich wieder zurück, die Findlinge blieben liegen.

Die Spuren dieser abwechselnd kalten und warmen Klimaphasen sind gespeichert in den Eispanzern der Polarregionen, die sich Schicht um Schicht abgelagert haben. Die kilometerlangen Eisstangen, welche die Forscher aus den Eisschilden Grönlands und der Antarktis herausgebohrt haben, sind Klimatagebücher, aus denen man den Verlauf des Klimas während der vergangenen 800 000 Jahre herauslesen kann.

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