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Riesenschildkröten auf Galápagos-Insel : Verwandte von "Lonesome George" entdeckt

22.11.2012 22:55 UhrVon Michael Schmidt
Die Riesenschildkröte "Lonesome George" verstarb im Juni dieses Jahres. Foto: dpaBild vergrößern
Die Riesenschildkröte "Lonesome George" verstarb im Juni dieses Jahres. - Foto: dpa

UpdateEr galt als der Letzte seiner Unterart: "Lonesome George", eine im Juni verstorbene Riesenschildkröte. Doch jetzt wurden auf einer Galápagos-Insel Verwandte des Tieres entdeckt. Auch darüber wie die Schildkrötenart auf dem einsamen Eiland gelandet ist, gibt es schon Vermutungen.

Am liebsten schlief er. Viel und lang. Hin und wieder reckte er seinen langen, faltigen Hals aus dem schweren Panzer, kaute auf ein bisschen Grünzeug herum und blinzelte aus kleinen schwarzen Augen in die Welt: In seinem Fall das weitläufige Gehege der Schildkrötenaufzuchtstation auf der Galapagosinsel Santa Cruz. Mit Weibchen wusste „Lonesome George“ leider nie recht etwas anzufangen. Mancher fragte sich gar, ob er schwul sei. Selten wohl hat die Welt so viel Anteil am Sexualleben eines Reptils genommen wie bei dieser Riesenschildkröte. Der Einsame galt halt als Letzter seiner Art. Von ihm hing viel ab.
Und dann starb er. Am 24. Juni 2012. An Herzversagen.

Bald hundertjährig. Im besten Schildkrötenalter also. Denn die Männchen, die eine Lebenserwartung von bis zu 200 Jahren haben, werden erst mit 40 geschlechtsreif. George aber hatte keinen Nachwuchs gezeugt. Alle Versuche, ihn mit Weibchen einer nahe verwandten Unterart zu paaren, waren fehlgeschlagen: Wer heute an seinem einstigen Gehege im Charles-Darwin-Center in Puerto Ayora steht, kann den Schildkrötendamen „Georgette“ und „Georgina“ dabei zusehen, wie sie sich auf ihren unförmigen Beinen gemächlich um den Teich schieben: Anders als von seinen Wärtern gewünscht, hat George sie in all den Jahren ihres Zusammenlebens nicht zu Müttern gemacht. Darum bedeutete Georges Tod das Ende der Schildkrötenunterart Chelonoidis abingdoni von der Galapagosinsel Pinta.
So dachte man.


Doch jetzt keimt neue Hoffnung: Es gebe mindestens 17 Schildkröten, die eine hohe genetische Ähnlichkeit mit ihm aufwiesen, erklärte der Galapagos-Nationalpark am Mittwoch. Die Chance einer Reproduktion sei gegeben. Forscher der US-Universität Yale haben 2008 mehr als 1600 DNA-Proben von Schildkröten am Hang des Wolf-Vulkans auf der 37 Kilometer entfernten Nachbarinsel Isabella entnommen und sie mit Georges DNA verglichen. Das Ergebnis überraschte sie: Neun Weibchen, drei Männchen und fünf Jungtiere noch unbekannten Geschlechts stammen genetisch zum Teil in erster Generation von der Unterart der Insel Pinta ab. Jener Unterart, der George angehörte. Der Einsame war vielleicht gar nicht so einsam. Gut möglich, dass einige seiner Verwandten doch noch leben. In ihrer Studie, die jetzt im Fachmagazin „Biological Conservation“ veröffentlicht wurde, kommen die Wissenschaftler zu der Vermutung, dass es weitere Exemplare am Wolf-Vulkan geben könnte. Nachkommen jener Reptilien, die über Jahrhunderte von Piraten und Walfängern als schmackhaftes, lebend im Schiffsrumpf eingelagertes Fleisch geschätzt wurden. Und die wahrscheinlich durch eben diese Seeleute auf die Nachbarinsel Isabella gelangten, als einige von ihnen dort ausgesetzt wurden, weil man sie als Nahrung nicht mehr brauchte.
Vielleicht, das ist die große Hoffnung, gebe es sogar noch einige reinrassige Pinto-Schildkröten, erklärte der Nationalpark. Die Behörde jedenfalls zeigt sich optimistisch, nun doch noch Artgenossen von Lonesome George züchten zu können. Die neuesten Entdeckungen seien ein erster Schritt zur Rettung von Georges Unterart „durch ein Programm zur Reproduktion und isolierten Aufzucht“, heißt es in der Erklärung. Das wäre nicht nur aus nostalgischen Gründen wünschenswert. Die Riesenschildkröten seien vielmehr auch „von größter Bedeutung für das Ökosystem der Galapagosinseln“, sagte Danielle Edwards, einer der Autoren der Yale-Studie. Auf der Insel Pinta fehlen die pflanzenfressenden Schildkröten, die Vegetation droht alles zu überwuchern. Je früher die Tiere zurückkämen, desto besser. „Unser Ziel ist es, im Frühjahr zurückzugehen, um nach überlebenden Exemplaren der Art zu suchen“, kündigte Koautorin Aldagisa Caccone an. Mit diesen solle dann ein Zuchtprogramm gestartet werden.
Auf den Galapagosinseln lebten einst 300 000 der bis zu 250 Kilogramm schweren Riesenschildkröten. Es gab 15 Unterarten. Die Population wurde jedoch im 18. und 19. Jahrhundert stark dezimiert, als der Mensch zahlreiche Feinde der Schildkröten einführte: Ziegen vor allem, aber auch Katzen, Hunde. Heute existieren nur noch knapp 40 000 Schildkröten. Die Zahl der Unterarten schrumpfte auf elf. Vier sind bereits ausgestorben. Auf den 1000 Kilometer westlich vom ecuadorianischen Festland gelegenen Inseln im Pazifik ist die Euphorie jetzt erst einmal groß.
Doch hierzulande dämpfen Experten die Erwartungen. Nach derzeitigem Kenntnisstand war Lonesome George der letzte Vertreter seiner Unterart, sagte Volker Homes, der Leiter der Abteilung Artenschutz beim WWF Deutschland. Es sei schlicht nicht möglich, aus den entdeckten Genen „eine neue Generation zu züchten oder gar zu klonen“. Und zu sagen, Chelonoidis abingdoni existiere in den Genen von Schildkrötenmischlingen weiter, wäre, sagt Homes, „wie wenn wir behaupten, der Auerochse sei nicht ausgestorben, weil sich in unseren Hausrindern noch Genmaterial von ihm findet“.

Man müsste also tatsächlich reinrassige Vorfahren finden, und zwar männliche und weibliche, um Nachwuchs zu zeugen. Denn „ausgestorben ist ausgestorben, definitiv“, sagte auch Arne Ludwig vom Berliner IZW-Institut für Zoo- und Wildtierforschung dem Tagesspiegel. „Wenn Georges Unterart weg ist, ist sie weg und kommt auch nicht wieder.“ Dann könne es nicht darum gehen, Tiere wie George zu züchten – dann könne das Ziel nur sein, eine neue eigenständige Population aufzubauen, die ihm bestenfalls sehr ähnlich wäre. Das wäre zwar wissenschaftlich interessant. Und praktisch relevant. Aber für alle Lonesome-George-Freunde kaum halb so bewegend.

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