Risiko Atomkraft : Der Strahlung auf der Spur

Im Umkreis von Kernreaktoren erkranken auffällig viele Kinder an Leukämie, sagt eine aktuelle Studie. Ist die Strahlung Schuld?

Krümmel
Spaziergang mit AKW-Sicht. Der Elbdeich führt am Kernkraftwerk Krümmel vorbei. -Foto: dpa

Auf den ersten Blick wirken die Zahlen wie ein überzeugender Indizienbeweis: 37 Kinder, die weniger als fünf Kilometer von einem Kernkraftwerk entfernt lebten, erkrankten zwischen 1980 und 2003 in Deutschland an Leukämie. Laut Statistik wären in diesem Zeitraum nur 17 Leukämiefälle bei Kindern zu erwarten gewesen. Da fällt der Verdacht leicht auf die Kernreaktoren. Die radioaktive Strahlung könnte die Ursache für die häufigeren Krebsfälle sein.

Heinz-Peter Butz von der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit in Köln sieht diesen Zusammenhang aber keineswegs als erwiesen an. „Niemand kann diese Leukämiefälle direkt auf die Strahlung zurückführen“, sagt er. Und genau da liegt auch das Problem dieser vom Bundesamt für Strahlenschutz in Auftrag gegebenen Studie. Ein direkter Zusammenhang mit der Strahlung kann nicht bewiesen werden.

Die Ursachensuche wird dadurch erschwert, dass statistische Analysen gerade bei der Auswirkung von Strahlung sehr kompliziert sind. Um statistisch korrekt vorzugehen, müsste der Umkreis von fünf Kilometer um die deutschen Kernkraftwerke mit genau gleichen Regionen ohne Atomanlagen verglichen werden. Solche Regionen gibt es aber nicht.

Die Problematik verdeutlicht ein fiktives Beispiel. Es könnte passieren, dass Menschen in der Umgebung eines Kernkraftwerks aus Angst um ihre Gesundheit mehr Milch trinken als Personen in einer ähnlichen Gegend ohne Atomanlagen. Würde die Milch vor Leukämieerkrankung schützen, wären ohne Milchgenuss mehr Fälle von Blutkrebs zu erwarten. Andererseits könnte die Milch auch radioaktives Cäsium enthalten, wenn sie etwa aus Gebieten importiert würde, die von der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl betroffen waren. Die Strahlung aus der Milch könnte dann Leukämie auslösen und die Häufung der Krebsfälle erklären.

Nun gibt es weder Zahlen über den Milchgenuss in der Umgebung von Kernkraftwerken noch wissenschaftliche Hinweise, dass Milch vor Leukämie schützt. Fakt ist aber, dass die Strahlung in der Umgebung der deutschen Kernkraftwerke dramatisch höher sein müsste, als es die im genannten Zeitraum gemessenen Werte tatsächlich waren, um die von der Studie gefundene Verdopplung der Leukämiezahlen erklären zu können.

Diese Feststellung lässt sich mit einem Beispiel aus Russland erklären. Hinter dem Ural wurde nach dem Zweiten Weltkrieg in der Fabrik Majak begonnen, Plutonium für Atomwaffen herzustellen. Anfangs achtete kaum jemand auf Sicherheitsmaßnahmen. So nahmen Arbeiter bis zu zwei Sievert Strahlung in einem Jahr auf. Das ist etwa die tausendfache Menge dessen, was ein Deutscher jährlich aus natürlichen Quellen wie Strahlung aus dem Weltraum oder aus Granitgestein abbekommt.

Als russische Forscher später das Schicksal der Arbeiter verfolgten, fanden sie erhöhte Krebszahlen. Die Männer, die in der Radiochemie gearbeitet hatten, trugen nach statistisch gesicherten Ergebnissen ein dreimal höheres Risiko, an Leukämie zu erkranken. Zudem bekamen die Beschäftigten der Plutoniumfabrik signifikant häufiger Lungenkrebs; Männer doppelt so oft, Frauen sogar siebenmal so häufig.

Die Strahlendosen waren bis zu hundert Mal höher als in den Gebieten, die nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl verseucht waren. Kein Wunder, dass sich unter diesen Bedingungen die Zahl der Leukämien mehr als verdoppelt und Krebs 44 Prozent häufiger auftritt.

In der Umgebung deutscher Kernkraftwerke ist dagegen die Strahlung gegenüber dem Wert der natürlichen Strahlung praktisch nicht erhöht. Wie unter diesen Bedingungen eine Verdopplung der Leukämiezahlen bei Kindern erklärt werden soll, bleibt schleierhaft.

Aus den Daten der Atombombenopfer von Hiroshima und Nagasaki haben Forscher für die mit radioaktiver Strahlung Belasteten in der Gegend um Majak eine Versechsfachung der Leukämieraten errechnet. In der Realität hatten sich die Zahlen „nur“ verdoppelt. Der Unterschied zwischen beiden Katastrophen: Während die Atombombenopfer relativ kurze Zeit einer relativ hohen Dosis ausgesetzt waren, waren die Menschen nahe der Plutoniumfabrik längere Zeit mittleren Dosen ausgesetzt.

Obwohl die Gesamtdosis im Lauf der Jahre ungefähr gleich war, entwickelten kurzzeitig stärker Bestrahlte dreimal häufiger Leukämien als die langfristig schwächer Bestrahlten. Dies könnte daran liegen, dass sich der Organismus allmählich an erhöhte Strahlung gewöhnen kann. Zwar halten das einige Forscher für möglich, wissenschaftlich gesichert ist es aber nicht. Generell scheint die Wirkung radioaktiver Strahlung mit der Länge des Zeitraums, in der Menschen ihr ausgesetzt sind, ein wenig abzunehmen. Das macht einen Zusammenhang zwischen den Leukämiefällen bei Kindern in der Umgebung deutscher Kernkraftwerke und der Strahlung aus diesen Anlagen aber noch weniger wahrscheinlich.

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