Röntgenkongress : Von Kopf bis Fuß durchleuchtet

Beim Deutschen Röntgenkongress wurde über neuartige Ganzkörperaufnahmen diskutiert.

Adelheid Müller-Lissner
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Totaler Durchblick. Mit einer Ganzkörper-Magnetresonanztomografie kann der gesamte Organismus auf versteckte Krankheiten...

Kein Zweifel: Die junge Frau ist an Stichverletzungen gestorben. Ihre Leiche lag in Stoff eingehüllt im Magnetresonanztomografen (MRT) der Radiologischen Klinik. Die Frage: Kann mit Hilfe eines Ganzkörper-MRT unabhängig von einer Sektion ermittelt werden, woran die junge Frau gestorben ist?

Sie war einer von 30 Fällen, über die Martin Lorenzen, Radiologe am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf in der letzten Woche auf dem 90. Deutschen Röntgenkongress in Berlin berichtete. 14 Frauen und 16 Männer zwischen 22 und 81 Jahren wurden wenige Stunden nach ihrem Tod im MRT untersucht.

Zwei Radiologen bildeten sich dabei unabhängig voneinander und ohne die Leichen vorher angeschaut zu haben eine Meinung und legten sich auf eine Todesursache fest. Anschließend wurden die Leichen von Pathologen oder Rechtsmedizinern obduziert – wie es üblich ist, wenn Ärzte, Juristen und Angehörige sich Klarheit darüber verschaffen wollen, woran ein Mensch gestorben ist.

Üblich sein sollte, so würden viele lieber sagen. Denn seit Jahren wird kritisiert, dass zu wenige Sektionen stattfinden. Das liegt auch daran, dass Angehörige eine Obduktion ablehnen.

Vielleicht ist die moderne Bildgebung ein Ausweg, kommt sie doch ohne Einschnitte in den Körper aus. In der Hamburger Studie zeigte sich zumindest bei der häufigsten Todesursache hohe Übereinstimmung zwischen MRT- und Sektionsbefund: Die Radiologen nahmen in 21, die Pathologen in 25 Fällen eine Ursache im Bereich des Herzens an. Vier Mal erkannten die Ärzte allerdings bei der Sektion einen Herzinfarkt, der auf dem MRT auch im Nachhinein nicht zu erkennen war. Auch bei nebensächlichen Befunden schnitt die Sektion deutlich besser ab. Blutungen aus Magengeschwüren oder Wasser in der Lunge wurden im MRT nicht gesehen. „Angesichts der hohen Übereinstimmung der Befunde bei den Krankheiten, die den Tod verursachten, halte ich das Ganzkörper-MRT trotzdem für eine praktikable Alternative zur Sektion“, sagte Lorenzen.

Inzwischen sind Schnittbildverfahren wie MRT oder Computertomografie (CT) aus der Krebsmedizin nicht mehr wegzudenken. Sie bieten Informationen zur Ausbreitung des Krebsleidens im gesamten Körper. „Wir Radiologen begleiten Tumorpatienten oft über viele Jahre hinweg und liefern wichtige Informationen über das Ausbreitungsmuster der Erkrankung“, sagte Kongresspräsident Claus Claussen, Uniklinik Tübingen.

Auch in die Welt der Gesunden hat die moderne Bildgebung inzwischen Einzug gehalten. Oder sollte man sagen: in die Welt der vermeintlich Gesunden? Für die „Study of Health in Pomerania“ erklärten sich 200 Versuchspersonen bereit, sich für rund eineinhalb Stunden für eine Ganzkörperuntersuchung ins MRT zu legen. Bei dieser Gelegenheit wurden bei einer kleineren Gruppe der Männer auch Herz und Gefäße unter Kontrastmittel untersucht, bei einigen Frauen die Brust. Auf dem Kongress stellte die Radiologin Katrin Hegenscheid von der Uniklinik in Greifswald die Ergebnisse vor: Nur bei einem von zehn Probanden wurde überhaupt keine Auffälligkeit entdeckt, rund zehn Prozent der Zufallsbefunde machten eine weitere Abklärung nötig. Es wurden zum Beispiel ein Hirntumor, eine Gefäßausbuchtung im Gehirn (Aneurysma), Verengungen von Herzkranzgefäßen, Brustkrebs und Tumoren in Lunge und Bauchraum entdeckt.

Dabei waren die Freiwilligen, die sich ins MRT legten, mit 48 Jahren relativ jung und können aufgrund ihrer Bereitwilligkeit als überdurchschnittlich gesundheitsbewusst gelten. Katrin Hegenscheid vermutet deshalb, dass ein bevölkerungsweites Screening eine deutlich höhere Rate an Befunden ergeben würde. Wie mit solchen Diagnosen umzugehen ist, die die Untersuchten aus heiterem Himmel treffen, muss auf jeden Fall vorher gut überlegt werden.

Ein Röntgenbild kann das Krankheitsgefühl eines Patienten verstärken. Das zeigte die britische Gesundheitswissenschaftlerin Denise Kendirck von der School of Community Health Sciences in Nottingham schon 2001 in einer Studie, für die bei der einen Hälfte von rund 420 Patienten mit Rückenschmerz die Lendenwirbelsäule geröntgt wurde.

Nach drei Monaten hatten die Rückenleidenden, von deren Wirbelsäule kein Bild gemacht worden war, deutlich weniger Schmerzen. Sie waren vermutlich nicht durch die Erkenntnis belastet, dass es an ihrer Wirbelsäule Veränderungen gab. Bildgebende Verfahren sollten bei Rückenschmerzen nicht routinemäßig eingesetzt werden, sondern nur bei bestimmten Warnsymptomen, mahnte der Radiologe Werner Pennekamp vom Berufsgenossenschaftlichen Universitätsklinikum Bergmannsheil in Bochum. Allerdings gaben in der britischen Studie vier von fünf befragten Patienten an, sie würden sich auf jeden Fall eine Röntgenaufnahme ihres Rückens wünschen. Die Rückenleidenden, die sie bekommen hatten, waren mit ihrem Arzt zufriedener – auch wenn sie sich schlechter fühlten.

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