Rückenschmerzen : Reden statt Röhre

Mit den richtigen Fragen findet man die Ursache von Rückenschmerzen meist eher als mit aufwändigen Scans. Und auch wenn es um eine Operation geht, ist vor allem eines wichtig: dass Arzt und Patient miteinander sprechen.

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Volksleiden. Jeder fünfte Fehltag von Arbeitnehmern geht auf das Konto von Kreuzschmerzen.
Volksleiden. Jeder fünfte Fehltag von Arbeitnehmern geht auf das Konto von Kreuzschmerzen.Foto: Arno Burgi, picture alliance / dpa

Wo tut es weh? Seit wann? Strahlt der Schmerz vom Rücken in die Beine aus? Quält er Sie nachts? Sind Sie derzeit im Beruf oder privat besonderen Belastungen ausgesetzt? Anlass für solche Fragen gibt es in der Praxis ständig: Rückenschmerzen sind ein Volksleiden. Jeder fünfte Tag, an dem ein Arbeitnehmer in Deutschland in seinem Job fehlt, geht Zahlen der DAK zufolge auf ihr Konto.

Um die Ursache der Schmerzen, die meist das „Kreuz“ befallen, zu finden, sollten Ärzte zuerst einmal das tun, was seit Menschengedenken üblich war: „Wir müssen mit unseren Patienten reden und sie auch anfassen“, sagt Bernd Kladny, Chefarzt der Abteilung Orthopädie und Unfallchirurgie an der Fachklinik Herzogenaurach und stellvertretender Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU). Das klingt selbstverständlich, doch beides gerät gerade bei Kreuzschmerzen leicht ins Hintertreffen – auch weil es die schöne Welt der modernen Bildgebung gibt.

Da sie objektive Anhaltspunkte versprechen, sind Untersuchungen in der „Röhre“ des MRT (das mit Magnetfeldern arbeitet) oder des CT (mit Röntgenstrahlen) bei den Patienten beliebt. Nicht in jedem Fall zu Recht, wie Experten beim diesjährigen Kongress der DGOU in Berlin betonten. Denn die Mehrheit der Rückenprobleme können Mediziner keiner organischen Veränderung zuordnen. Sie nennen diese Beschwerden „unspezifisch“. Umgekehrt verursachen viele Auffälligkeiten, die auf den Bildern erkennbar sind, nie Beschwerden. „Nur 30 bis 40 Prozent der Bevölkerung haben eine absolut normale Wirbelsäule“, sagt Kladny. Und glücklicherweise verschwinden bei drei Vierteln der Menschen, die wegen Kreuzschmerz zum Arzt kommen, die Beschwerden innerhalb des nächsten Monats wieder.

Der Arzt muss auf Alarmsignale achten

Um möglichst sicher zu sein, dass der vor ihnen sitzende Patient zu dieser Mehrheit gehört, müssen Hausärzte und niedergelassene Orthopäden gewissenhaft auf Alarmsignale achten. Dazu gehören vor allem Schmerzen, die straßenförmig in ein Bein oder beide Beine ausstrahlen, Gefühlsstörungen oder Lähmungen in den Beinen und plötzliche Störungen der Blasen- und Mastdarmfunktion. Aber auch Hinweise auf Infektionen, Krebs, der Absiedlungen in den Wirbelknochen gebildet haben kann, eine schwere Osteoporose, die die Knochen brüchig macht oder die Einnahme von Kortison in hoher Dosierung und für längere Zeit.

In der Nationalen Versorgungsleitlinie Kreuzschmerz wird empfohlen: „Bei akutem Kreuzschmerz soll nach klinischem Ausschluss gefährlicher Verläufe durch Anamnese und körperliche Untersuchung keine bildgebende Untersuchung durchgeführt werden.“ Stattdessen sollten die Ärzte ihren Patienten raten, weiter ein möglichst bewegtes Leben zu führen. Und sie sollten ihnen das erleichtern: durch Informationen, durch Schmerzmittel, eventuell durch Physiotherapie. Ein guter Arzt hofft, dass sie dann so schnell nicht wiederkommen (müssen) – weder zu ihm noch zu einem Kollegen. Die Sorge, etwas übersehen zu haben, sollte ihn dagegen nicht umtreiben, meint Kladny: „In unser Vorgehen sind ja viele Sicherheitsnetze eingebaut.“

Die Bildgebung hat psychologische Nebenwirkungen

Allerdings gibt es auch die „Yellow Flags“: Risikofaktoren dafür, dass der Kreuzschmerz einen Menschen länger als sechs oder sogar zwölf Wochen peinigt und damit chronisch wird. Neben negativem Stress, einer ängstlichen Neigung dazu, sich besonders zu schonen und Depressivität zählen dazu schädliche Verhaltensweisen der behandelnden Ärzte. Sie leisten dieser Entwicklung Vorschub, wenn sie ihre Patienten zu lange und ohne guten Grund krankschreiben, aber auch durch übertriebenen Einsatz von Diagnostik. „Bildgebung kann schaden“, sagt Kladny. „Denn die Kenntnis krankhafter Veränderungen arbeitet im Kopf des Patienten.“ Die Überzeugung, dass nur eine Operation die Dinge wieder geraderücken kann, könnte sich verstärken.

Was die Qualität der Eingriffe betrifft, gebe es inzwischen viele Sicherheitsnetze. „Damit beschäftigen wir uns seit vielen Jahren“, sagte der Bremer Orthopäde Manfred Neubert und Kongresspräsident. Nun müsse man mehr auf die Qualität der Entscheidungen achten. Also darauf, ob die Begründung – ärztlich: Indikation – für eine Behandlung hieb- und stichfest ist. Neubert nannte als Beispiel die Gelenk-Implantate: „Was nützt dem Patienten eine perfekt implantierte Knieprothese, wenn sein Schmerz vom Rücken kam?“ Allerdings sei in seinem Fachgebiet die Entscheidungsfindung besonders schwierig. Bestimmend seien nicht Laborwerte, sondern die oft subjektiv empfundenen Einschränkungen des Patienten. Letztlich müsse man gemeinsam über das Vorgehen entscheiden.

Weltmeister Deutschland? Das Alter beeinflusst die Anzahl der OPs

Die Kritik, dass die Mehrzahl der Rücken-Operationen überflüssig sei, wies Frank Kandziora zurück. Die OECD-Daten des Jahres 2013, aufgrund derer Deutschland zum Weltmeister auf diesem Gebiet erklärt wurde, belegten zwar, dass sich die Zahl der Eingriffe seit 2005 verdoppelt hatte, sagte der Vorsitzende der Sektion Wirbelsäule der DGOU und Chefarzt an der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik in Frankfurt am Main. Sie waren aber nicht altersbezogen. Inzwischen wurde das nachgeholt. „Als weltweit zweitälteste Gesellschaft landete Deutschland dann im Mittelfeld der westlichen Nationen“, sagt Kandziora. Welche Rolle das Alter spielt, zeigt beispielhaft eine Studie aus West-Irland: Die Zahl der Eingriffe wegen Krebs-Metastasen in der Wirbelsäule ist dort zwischen 2005 und 2013 um mehr als 200 Prozent gestiegen. Ähnlich ist es bei den Eingriffen wegen eines verengten Wirbelsäulen-Kanals (Spinalkanalstenose), der im hohen Alter besonders häufig ist.

„Lassen Sie sich nicht einreden, dass steigende Operationszahlen per se schlecht sind“, appellierte Kandziora an Medien und Öffentlichkeit. Aufgabe der Ärzte sei es allerdings, vor jeder Operation realistische Erwartungen über das Leben nach dem Eingriff zu wecken, forderte Kongresspräsident Neubert. Auch das kann nicht in der „Röhre“ geschehen, sondern nur beim Reden.

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