Rückschlag für die HIV-Forschung : Mädchen aus Mississippi doch nicht geheilt

Das kleine Mädchen galt als "funktionell geheilt" - als zweiter Mensch weltweit. Doch nun fanden Ärzte wieder das Aidsvirus HIV in seinem Blut.

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Enttäuschte Hoffnung. Bereits kurz nach der Geburt bekam das Mädchen eine Kombitherapie gegen HIV. Bald schien das Immunschwächevirus besiegt – ein Irrtum. 
Enttäuschte Hoffnung. Bereits kurz nach der Geburt bekam das Mädchen eine Kombitherapie gegen HIV. Bald schien das...Foto: picture alliance / dpa

Der Test war Routine, die Kinderärzte nahmen dem Mädchen alle sechs bis acht Wochen Blut ab. In den letzten zwei Jahren hatten sie dabei nie etwas Auffälliges gefunden. Anfang Juli erlebten sie jedoch eine böse Überraschung: Die beinahe Vierjährige, die mithilfe einer sehr frühen antiviralen Therapie angeblich das Aidsvirus bezwungen hatte, hatte wieder HIV in ihrem Blut. „Das war wie ein Schlag in die Magengrube“, sagte Hannah Gay von der Medizinischen Hochschule von Mississippi in Jackson bei einer Pressekonferenz. Der Rückschritt kurz vor der Welt-Aids-Konferenz in Melbourne „erinnert uns daran, dass wir noch viel über die Feinheiten der HIV-Infektion lernen müssen“, sagte Anthony Fauci, Direktor des Instituts für Infektionsforschung der Nationalen Gesundheitsinstitute der USA (NIH). „Das ist eine enttäuschende Wendung. Für das Kind, für die Ärzte und für die Forschung.“

Das kleine Mädchen hatte keinen leichten Start ins Leben. Ihre Mutter war während der Schwangerschaft nicht zur Vorsorge gegangen. Erst als sie in den Wehen lag, konnten die Ärzte einen HIV-Schnelltest machen. Sie war positiv. Das mit 35 Wochen zu früh geborene Baby wurde umgehend in die Medizinische Hochschule von Mississippi in Jackson verlegt. Dort begannen die Kinderärztin Hannah Gay und ihre Kollegen bereits 30 Stunden nach der Geburt mit einer Kombinationstherapie aus drei flüssigen antiretroviralen Medikamenten. Tatsächlich hatte sich der Säugling angesteckt, zeigte später ein Test. Dank der Medikamente sank die Zahl der Viruskopien im Blut des Babys aber allmählich, an Tag 29 waren die Viren verschwunden. Vorsichtshalber wurde das Kind weiterbehandelt – wie bei HIV-Infizierten üblich.

Doch die Mutter machte den Ärzten einen Strich durch die Rechnung. Als ihre Tochter anderthalb Jahre alt war, verschwand sie plötzlich, setzte eigenmächtig die Medikamente ab. Erst fünf Monate später kam sie zurück.

Das "Mississippi-Baby" beflügelte die Forschung

Trotzdem ging es dem Mädchen gut, in ihrem Blut war kein Virus nachweisbar. Vielleicht hatte die sehr frühe Therapie verhindert, dass sich HIV in Reservoirs verstecken kann, vermutete Hannah Gay. Vor einem Jahr präsentierte ihre Kollegin Deborah Persaud vom Kinderkrankenhaus der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore den Fall auf einer Fachkonferenz. Das Mädchen wurde als „Mississippi-Baby“ berühmt und galt als „funktionell geheilt“.

Die Hoffnung, dass zumindest Säuglinge HIV wieder loswerden könnten, beflügelte die Forschung. Bei einem Kind in Los Angeles könnte es ebenfalls funktioniert haben, berichtete Persaud im Frühjahr. Außerdem war von fünf Kindern aus Kanada und dreien aus Südafrika die Rede. Eine Studie mit 450 Babys von Müttern, deren HIV-Infektion während der Schwangerschaft nicht bekannt war, sollte bald starten und den Erfolg systematisch überprüfen. Zwei Jahre nach der Geburt sollte die Behandlung abgesetzt werden. Die geplante Studie müsse man nun überdenken, sagte Fauci. Man dürfe den Eltern keine falschen Hoffnungen machen. Das NIH werde die Heilungsforschung aber trotzdem vorantreiben.

Noch vor zwei Monaten gab es keinerlei Anzeichen dafür, dass das Virus bei dem Mädchen aus Mississippi zurückkehren könnte. Anfang Juli war seine Präsenz eindeutig: Die Viruslast betrug 16 750 Kopien pro Milliliter Blutplasma, drei Tage später bestätigte das ein weiterer Test. Außerdem hatte das Mädchen Antikörper gegen HIV gebildet, die Zahl ihrer Helferzellen (CD4-Zellen) war reduziert. Schuld war das Virus, mit dem es sich vor oder während der Geburt angesteckt hatte, zeigte eine Erbgutanalyse. Offensichtlich hatte es sich in den letzten zwei Jahren nur extrem gut im Körper des Kindes versteckt. Nun vermehrte sich das Immunschwächevirus ungehindert.

Das Virus brauchte Jahre für seine Rückkehr - nicht Wochen

Das Mädchen ist wieder auf Medikamente angewiesen, wahrscheinlich wird das ihr Leben lang so bleiben. Sie verträgt sie gut, im Blutplasma sind nun viel weniger Viruskopien zu finden. Dass sie 27 Monate ganz ohne Therapie auskam, ist für die Forscher trotzdem erstaunlich: „Normalerweise ist das Virus nach wenigen Wochen zurück – nicht nach Jahren“, sagte Persaud. „Einen so langen Zeitraum haben wir vorher noch nie beobachtet.“ Zwei Fragen beschäftigen sie und ihre Kollegen jetzt: Wie hat das Mädchen das geschafft? Und geht das noch länger?

„Die frühe Therapie hat das Kind nicht nur gesund gehalten. Vermutlich konnten weniger Zellen zum Reservoir werden“, sagte Katherine Luzuriaga von der Medizinhochschule der Universität von Massachusetts. Wenn sich ein Mensch mit HIV ansteckt, dringt das Virus zuerst in die Helferzellen des Immunsystems ein und macht Millionen Kopien von sich selbst. Danach befällt es andere Zellen und baut sein Erbgut in das Erbgut seines Wirts ein, die Reservoirs entstehen. Möglicherweise verlangsame die frühe Therapie diesen Prozess, unterbinde ihn aber nicht völlig, meint Luzuriaga.

Um das zu überprüfen, brauchen Forscher mehr als nur Blut. Sollte die Studie trotz allem beginnen, werden sie deshalb wahrscheinlich zusätzliche Proben nehmen: Rückenmarksflüssigkeit zum Beispiel oder kleine Gewebeproben aus dem Darm oder den Lymphknoten.

Als „geheilt“ kann nach wie vor nur ein einziger Mensch gelten: Timothy Brown, der „Berliner Patient“. Er war nicht nur mit HIV infiziert, sondern hatte auch Leukämie. Wegen der Krebserkrankung brauchte Brown dringend eine Transplantation von blutbildenden Stammzellen. Seine Ärzte fanden einen Spender mit einem veränderten CCR5-Gen. Menschen mit dieser seltenen Mutation sind vor HIV geschützt, weil der Erreger nicht in die Zellen eindringen kann. Brown besiegte so den Krebs und HIV. Sein Fall ist jedoch einzigartig, denn eine Stammzelltransplantation ist sehr risikoreich.

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