Sachbuch-Tipps : Fest des Wissens

Die passen unter jeden Baum: Interessante Sachbücher – zum Verschenken oder Selberlesen.

Eingefleischte Evolutionsforschung. Das Tattoo der Biologin Duygu Özpolat zeigt die Finkenarten, die Darwin auf den Galapagosinseln einsammelte.
Eingefleischte Evolutionsforschung. Das Tattoo der Biologin Duygu Özpolat zeigt die Finkenarten, die Darwin auf den...Foto: Sterling Publishing/ Carl Zimmer

Wissenschaft hautnah

Es begann auf einer Party am Pool. Zufällig entdeckte der amerikanische Wissenschaftsjournalist Carl Zimmer, dass ein befreundeter Forscher ein Bild der DNS-Doppelhelix auf seiner Haut trug. Zimmer war fasziniert. „Was verstecken Sie noch?“, fragte er danach auf seinem Blog – und bekam eine Fülle von Einsendungen, darunter Darwins Finken, die eine Biologie-Doktorandin sich pünktlich zum 200. Geburtstag ihres Vorbilds auf die Schulter tätowieren ließ, Schrödingers Katze, berühmte Formeln, Karten, Zitate, Neuronennetzwerke, atomare Strukturen. Zimmer stellte die besten Tattoos zu einem Bildband zusammen. Darin zu blättern, macht Spaß, selbst wenn man nur die Fotos anschaut. Die kleinen Geschichten hinter den Tattoos aber machen es erst perfekt. Jana Schlütter

Carl Zimmer: Science Ink. Tattoos of the Science Obsessed. Sterling 2011, 271 Seiten, auf Englisch, 16,95 Euro.

Resigniert reifen

Vom sehr un-weihnachtlich anmutenden Titel sollte man sich nicht schrecken lassen: „Miese Stimmung – Eine Streitschrift gegen positives Denken“. Das ist deutlich platter als die Gedanken, die der Heidelberger Mediziner, Psychotherapeut und Hochschullehrer Arnold Retzer, dem wir schon ein „Lob der Vernunftehe“ verdanken, jetzt zur Diskussion stellt. Er versteht sich als eine Art „psychologische Rating-Agentur“, die Pessimismus, Fehlerhaftigkeit und Begrenztheit als Elemente des menschlichen Lebens aufwerten will, weil sich schon genug (andere) Ratgeber darum kümmern, die Spitzenplätze für Optimismus, Hoffnung, Glück, Sinn und Selbstgewissheit zu sichern. Retzers etwas pauschale Kritik an der medikamentösen Behandlung von Depressionen muss man nicht unterschreiben. Doch er belegt überzeugend, was die zeitweilige Trauer um Verlorenes, Nie-Gekonntes und Nie-Gehabtes von „Burn-out“ und Depression unterscheidet. Seine schöne Idee der „resignativen Reife“ ist letztlich sogar geeignet, die Stimmung festlich zu heben. Adelheid Müller-Lissner

Arnold Retzer: Miese Stimmung – Eine Streitschrift gegen positives Denken. Verlag S. Fischer 2012, 336 Seiten, 19,99 Euro.

Den ersten Menschen gab es nicht

Wer war der erste Mensch? Die Mythen und Legenden vieler Völker scheinen es genau zu wissen. Der germanischen Sage nach wurden Mann und Frau durch den Gott Odin und seine Brüder aus zwei Baumstämmen erschaffen. Die Wirklichkeit ist komplizierter – und faszinierender. „Den“ ersten Menschen gibt es nicht, nur eine lange Ahnenreihe. Unser 50000. Urgroßvater etwa war ein grimmig dreinblickender Homo erectus mit ziemlich flacher Stirn. Die Geschichte unserer Herkunft ist eines der vielen Beispiele, die der Biologe und Sachbuchautor Richard Dawkins in seinem Buch „Der Zauber der Wirklichkeit“ anführt. Witzig und kongenial von Dave McKean illustriert spürt Dawkins großen Fragen der Naturforschung nach. Seine Antworten zeigen, dass die Realität bezaubernder als so manches Märchen sein kann. Geeignet für junge ebenso wie für erwachsene Leser. Hartmut Wewetzer

Richard Dawkins: Der Zauber der Wirklichkeit: Die faszinierende Wahrheit hinter den Rätseln der Natur. Ullstein 2012, 272 Seiten, 26,99 Euro.

Von Bären und Gummibärchen

Große Pandas sehen zwar süß und knuddelig aus, sind als Tiere aber eine erstaunliche Fehlkonstruktion. Mit der Grundausrüstung eines Raubtieres ausgestattet sind die Tiere späte Konvertiten zum Vegetarismus. Die Folge: Sie essen bis zu 20 Kilogramm Bambus am Tag, können davon aber nur 20 Prozent verwerten und müssen im Schnitt etwa einhundert Mal am Tag defäkieren. Ein Glück also, dass sich dem Menschen an Stelle des schwarz-weißen Bären der Hund als Kulturfolger angeschlossen hat, wer weiß, wie Berlins Gehsteige sonst aussähen. Das ist nur eine Lehre aus „Gedankenlesen durch Schneckenstreicheln“, dem neuen Buch der österreichischen Wissenschaftskabarettisten „Science-Busters“. In dem amüsanten Streifzug durch die Tierwelt erfährt der Leser auch, weshalb Schildkröten sich nicht durch Gähnen anstecken lassen, wie Maikäfersuppe schmeckt und – zu Weihnachten vielleicht hilfreich – wie man unliebsame Familienmitglieder mit Ananasenzym zu Gummibärchen verarbeitet. Auch als Hörbuch (19,99 Euro) ist es eine wahre Freude, weil von Harry Rowohlt gesprochen. Wohl kein anderer kann das Wort „Wurmgrunzer“ so wunderbar klingen lassen. Kai Kupferschmidt

Puntigam, Gruber, Oberhummer: Gedankenlesen durch Schneckenstreicheln. Carl-Hanser-Verlag 2012, 295 Seiten, 19,90 Euro.

Warum wir sind

Die Frage, warum die Welt existiert, beschäftigt die Menschen seit jeher. Auf der Suche nach einer Antwort hat der amerikanische Essayist Jim Holt mit Physikern, Mathematikern, Philosophen, Theologen und dem Schriftsteller John Updike kurz vor dessen Tod gesprochen. Das Ergebnis ist eine „existenzielle Detektivgeschichte“, wie der Untertitel von Holts Buch lautet. Aufgeklärt wird kein Verbrechen, sondern das Rätsel unserer Existenz. Gut verständlich, pointiert und mit trockenem Humor führt Holt den Leser durch den Irrgarten komplexer Gedankengänge. Stets spürt man, dass sein Buch kein Schnellschuss mit krachiger These ist, sondern gründlich recherchiert und in die Tiefe gedacht ist. Holt will das Rätsel wirklich lösen. Einziger Nachteil: Das Buch gibt es nur auf Englisch. Hartmut Wewetzer

Jim Holt: Why Does the World Exist? An Existential Detective Story. Profile Books 2012, 320 Seiten, auf Englisch, 21 Euro.

Digitale Intelligenz

Für Kinder und Jugendliche ist das Internet wie Leitungswasser: Es war schon immer da. Wie Eltern und Lehrer sie dabei unterstützen können, mit den Ressourcen aus der neuen Wissens-und-Spaß-Leitung vernünftig umzugehen, zeigen Tanja und Johnny Haeusler in ihrem wohltuend unaufgeregten Buch „Netzgemüse. Aufzucht und Pflege der Generation Internet.“ Von „digitaler Demenz“ ist nicht die Rede. Die beiden googeln mit ihren 10- und 13-jährigen Söhnen Begriffe und reden dabei über Qualität von Quellen und korrektes Zitieren, stellen Regeln für die Computernutzung auf und nehmen stolz mit „Minecraft“ erstellte Kunstwerke als virtuelle Weihnachtsgeschenke in Empfang. Adelheid Müller-Lissner

Tanja und Johnny Haeusler: Netzgemüse. Aufzucht und Pflege der Generation Internet. Goldmann-Verlag 2012, 284 Seiten, 9,90 Euro.


Der entfesselte Planet

Naturkatastrophen halten die Menschheit seit Urzeiten in Atem. Wenn die Erde bebt, ein Vulkan glutheiße Lava spuckt oder gewaltige Hangrutsche im Ozean Tsunamis auslösen, dann ist Homo sapiens nach wie vor machtlos. Was sind die Ursachen dieser Ereignisse, hängen sie womöglich zusammen? Diesen Fragen gehen Wissenschaftler der Uni Kiel und des Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung seit Jahren nach. Ihre Erkenntnisse haben sie nun in einem Buch zusammengefasst. Am Beispiel der Erdplattengrenze zwischen Südamerika und dem Pazifik erläutern sie, wie Klimawandel, Tektonik und Vulkanismus ineinandergreifen. Warum etwa eine rasche Erderwärmung die Feuerberge der Anden häufiger ausbrechen lässt. Die Forscher berichten in Interviewform, weit über fachliche Zusammenhänge hinaus. Von anstrengenden und doch einmaligen Expeditionen zu Fuß, Pferd oder Jeep in entlegene Gebiete. Von Klettereien an steilen Felswänden, um wichtige Gesteinsproben zu sammeln. Und davon, was die Forschungsergebnisse bringen, etwa für den Katastrophenschutz vor Ort. Nicht zu vergessen die vielen und sehr guten Fotografien. Leider kommen nur Kieler Forscher zu Wort, so dass das Buch etwas einseitig wirkt. Ein guter Überblick ist es aber allemal. Ralf Nestler

Linke, Zierul, Friedländer, Grundmann: Am Puls der Erde – Naturkatastrophen verstehen. Wachholtz-Verlag, 2012, 264 Seiten, 24,80 Euro.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben