Schlafforschung : Der ausgeknipste Verstand

Woher Träume kommen, ist ein Rätsel. Eingriffe sind schwierig, aber nicht unmöglich. So kann man zum Beispiel seine Albträume beeinflussen.

von

Es ist ungefähr 150 Jahre her, als dem französischen Schlafforscher Alfred Maury etwas Merkwürdiges passierte. Eines Nachts meinte er, unter einer Guillotine zu liegen. Im selben Moment, als das Fallbeil auf sein Genick sauste, wachte er schweißgebadet auf. Doch dann stellte er erleichtert fest, dass zum Glück nur ein Teil des Bettgestells auf seinen Nacken gestürzt war.

Träumen gehört zu den faszinierendsten Eigenschaften des Menschen. Der britische Regisseur Christopher Nolan nutzt dieses Phänomen für seinen neuen Film „Inception“. In dem Sciencefiction-Streifen vermischen sich Real- und Traumwelt zu einem schwer durchschaubaren Gebilde. Ähnlich geht es den Wissenschaftlern, die versuchen dem Träumen auf die Spur zu kommen. Noch immer stehen sie vor großen Rätseln.

Klar ist, dass nicht nur Menschen träumen. Etliche Befunde und Indizien sprechen dafür, dass die warmblütigen Säugetiere und Vögel allesamt träumen. Reptilien und Amphibien als wechselwarme Tiere tun das nach bisherigem Kenntnisstand nicht. Das hängt wahrscheinlich mit der verhältnismäßig geringen Komplexität ihrer Gehirne zusammen. Dieser Umstand lässt darauf schließen, dass es sich bei den Träumen nicht um nutzlose Überbleibsel der Evolution handeln kann. Allerdings ist nach wie vor nicht geklärt, wozu sie dienen. Und so hält sich eine Vielzahl von Traumtheorien.

Da gibt es die Hypothese, dass im Traum bedrohliche Situationen simuliert würden, damit das Gehirn für die Gefahren der realen Welt besser gerüstet ist. Des Weiteren gibt es die Vermutung, dass sich in jeder Traumphase eine Art „Offline-Verarbeitung“ von gespeicherten Informationen abspielt. Damit, so die Annahme, werden die begrenzten Energiereserven für die vergleichsweise hohe Rechenleistung des Gehirns besser eingesetzt. Andere Theorien gehen davon aus, dass man träumt, damit im Gehirn aufgeräumt wird und es von unbrauchbaren synaptischen Verbindungen entrümpelt werden kann.

Wieder andere Wissenschaftler vertreten die Ansicht, dass Träume in erster Linie psychotherapeutisch wirken, indem sie es ermöglichen, traumatische Erlebnisse abgeschottet von der Außenwelt zu bewältigen. Außerdem gibt es die Hypothese, dass man es beim Traumzustand mit nichts anderem als einer Fortsetzung des Denkens im Wachzustand zu tun hätte. Das würde bedeuten, dass es in den Träumen im Wesentlichen darum geht, Lösungen für die vielfältigen Probleme auszubrüten, die die Alltagspraxis ständig hervorbringt.

Nach Sigmund Freud hingegen erwachsen Träume aus tabuisierten sexuellen und destruktiven Triebregungen, Vorstellungen, Wünschen und Affekten, denen der Zugang zum Bewusstsein versperrt wird, um einen ungestörten Schlaf zu gewährleisten. Und schließlich gibt es noch die Annahme, dass Träume nur deswegen entstehen, weil das Gehirn der Neigung nicht widerstehen kann, jedem chaotischen Feuern der Neuronen Sinn und Bedeutung zuzuschreiben.

Bis vor kurzem galt es als ausgemacht, dass Menschen ausschließlich während der „Rem“-Phasen träumen. Abgeleitet vom englischen „rapid eye movement“ wird damit jene Schlafphase bezeichnet, die von heftigen Augenbewegungen gekennzeichnet ist und in der das Gehirn besonders aktiv ist. Mittlerweile haben Hirnforscher jedoch herausgefunden, dass auch im Tiefschlaf immer wieder kurze Traumepisoden erlebt werden. Jeder Mensch träumt also, auch wenn er sich immer nur an winzige Bruchteile davon erinnern kann, ungeheuer viel. Aber wovon?

Die moderne empirische Traumforschung steckt in einem Dilemma. Zwar steht ihr heute ein umfangreiches Arsenal von elektronischen Messgeräten und bildgebenden Verfahren zur Verfügung. Aber nach wie vor ist es nicht möglich, Träume direkt zu beobachten.

Um herauszufinden, ob ein schlafender Mensch träumt und wovon er träumt, muss er geweckt und befragt werden. Selbst auf die Frage, ob im Traum lediglich Grautöne oder aber das gesamte Farbspektrum wahrgenommen wird, gibt es bisher nur vorläufige Antworten. Unlängst ist die britische Psychologin Eva Murzyn von der Universität Dundee zu dem Ergebnis gekommen, dass möglicherweise ein einziger Umstand darüber entscheidet: ob man in der Ära des Schwarz-Weiß-Fernsehers oder der des Farbfernsehers aufgewachsen ist.

Trotzdem ist die moderne Traumforschung dank der bildgebenden Verfahren ein gutes Stück vorangekommen. „Dadurch verstehen wir Träume zwar nicht besser, aber wir wissen besser, was dabei auf biologischer Ebene passiert“, sagt der Schlafmediziner Michael Wiegand von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der TU München. Außerdem ist ein fundamentaler Unterschied zutage gefördert worden. „Die Hirnareale, in denen Gefühle, Erinnerungen oder das Gedächtnis sitzen, werden stark aktiviert“, sagt Wiegand. „Gleichzeitig werden die Bereiche, die sich im vorderen Teil des Gehirns befinden und für den kritischen Verstand, die Orientierung und das rationale Urteilen zuständig sind, fast ausgeknipst.“

Bis zu einem Gerät, das die Träume anderer Menschen sichtbar macht, ist es aber noch ein sehr weiter Weg. „Dazu müsste man in der Lage sein, bis zu den einzelnen Neuronengruppen und Neuronen vorzudringen und ihre jeweiligen Funktionen zu entschlüsseln“, sagt Dieter Riemann, Psychologe an der Universitätsklinik in Freiburg. „Anzunehmen, dass man das innerhalb der nächsten 50 Jahre schaffen könnte, ist Unsinn.“

In anderer Leute Träume einzudringen und sie zu manipulieren, wie es in „Inception“ geschieht, ist aus seiner Sicht noch unwahrscheinlicher. Dazu müsste man zunächst die fremden Träume sichtbar machen, um überhaupt eine Idee zu haben, wo man mit dieser Sciencefiction-Technik ansetzen will. Ebenfalls sei unklar, wie die Beeinflussung überhaupt ablaufen soll. Die Handlung im Film sei sehr weit von der Realität entfernt.

Anders verhält es sich mit den eigenen Träumen, die können bereits heute manipuliert werden. So lassen sich Albträume mit Hilfe der „Imagery Rehearsal Therapy“ bis zu einem gewissen Grad positiv beeinflussen. Diese Methode besteht darin, sich die im Traum mehrmals erlebten traumatischen Szenen wiederholt ins Gedächtnis zu rufen, sich für sie angemessene Bewältigungsstrategien einfallen zu lassen und dann ihre Anwendung immer wieder im Kopf durchzuspielen.

6 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben