Schlechter Film : Riesiger Algenteppich bedeckt die Ostsee

Ein Blaualgen-Film - nach Angaben von Umweltschützern so groß wie Deutschland - bedeckt die Ostsee. Noch bestehe aber keine Gefahr für Urlauber. Woher kommt der Algenteppich und wie entwickelt er sich?

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An der Oberfläche. Die ersten Algen sind im Hafen von Stralsund angekommen. Foto: ZB
An der Oberfläche. Die ersten Algen sind im Hafen von Stralsund angekommen.Foto: ZB

Die Zutaten für eine Algenblüte hat der Hitze-Juli in diesem Jahr in der Ostsee reichlich geliefert: Bei stabilen Hochdrucklagen und hohen Temperaturen fühlen sich die Cyanobakterien pudelwohl, die unter dem Namen Blaualgen bekannt sind. Dann vermehren sie sich explosionsartig, bis sie eine Art Teppich bilden, der zurzeit zwischen den großen Inseln Gotland und Bornholm an der Oberfläche schwappt. Einige dieser Blaualgen produzieren auch noch Gifte, die Behörden, Tourismusbranche und Ostseeurlauber alarmieren. Wissenschaftler geben aber Entwarnung.

Die Blaualgen, um die sich alles dreht, sind in Wirklichkeit keine Pflanzen, sondern winzige Bakterien. Genau wie die Blätter einer Eiche oder der Spinat im Garten können diese Cyanobakterien aus Sonnenlicht, Wasser und dem Kohlendioxid in der Luft Zucker machen. Allerdings dringen Sonnenstrahlen nicht weit ins Wasser ein, daher klappt das nur in den obersten Wasserschichten. Aus Zucker machen die Organismen eine Glykogen genannte Substanz, die sie als Treibstoff benutzen, der ihre Proteinfabriken mit Energie versorgt. Für die Produktion dieser Proteine, aus denen sich große Teile aller Organismen aufbauen, brauchen die Blaualgen aber auch noch Stickstoff, Phosphor und weitere Nährstoffe. Für die Organismen verwertbare Nährstoffe gibt es zwar im Wasser der Ostsee durchaus. An der Oberfläche aber werden sie rasch zur Mangelware, wenn die Cyanobakterien bei strahlendem Sonnenschein eifrig Proteine herstellen, die sie für die Vermehrung brauchen.

Um sich trotzdem weiter vermehren zu können, besitzen die Blaualgen eine Art Aufzug, mit dem sie zwischenzeitlich in tiefere Wasserschichten tauchen, um die dort schwebenden Nährstoffe zu holen. Ulrich Sommer vom Leibniz-Institut für Meereswissenschaften (IfM-Geomar) in Kiel erklärt ihn: „Das mit Hilfe des Sonnenlichtes produzierte Glykogen macht die Blaualgen schwerer und sie sinken.“ Dort holen sie sich dann Stickstoff- und vor allem Phosphorverbindungen aus dem Wasser und werfen die Proteinfabriken an. Gleichzeitig füllen sie eine kleine Blase mit Gas, werden dadurch leichter und schweben wieder in die oberen Wasserschichten. Dort können sie mit Sonnenlicht neues Glykogen herstellen und der Kreislauf beginnt von vorne.

Die Vorteile dieses Aufzuges spielen die Blaualgen vor allem bei stabilen Hochdruckwetterlagen im Sommer aus. Dann heizt die Sommersonne die oberen Wasserschichten kräftig auf. Die „Badetemperaturen“ gelten aber nur für die ersten rund fünf Meter Wassertiefe. Darunter liegt eine Wasserschicht die einige Grad kälter und damit auch deutlich schwerer ist als das Badewasser oben. Je länger nun die Hochdrucklage anhält, umso wärmer wird das Badewasser oben. Da sich unten die Temperatur kaum ändert, unterscheiden sich die Temperaturen immer stärker – und der Blaualgen-Aufzug funktioniert immer besser. Kurzum: Bei einer längeren Hochdrucklage vermehren sich die Cyanobakterien so stark, bis ein Algenteppich auf dem Wasser schwimmt.

Genau bei solchen Wetterlagen aber strömen auch viele Urlauber an die Ostsee. Wenn sie Pech haben, stehen sie dann vor Stränden, die von den Behörden gesperrt wurden. Blaualgen können nämlich auch Gifte produzieren, die einmal verschluckt, den Organismus schädigen können. „Allerdings sind nicht alle Algen giftig“, erklärt Sommer. Obendrein produzieren die einzelnen Stämme unterschiedliche Mengen von verschiedenen Giften. Und da in einem Algenteppich normalerweise auch noch eine ganze Reihe verschiedener Stämme leben, bringt erst eine genau Analyse Klarheit, wie viele Giftstoffe denn im Wasser sind.

Wie gefährlich diese Brühe dann für Strandurlauber tatsächlich ist, wissen die Behörden damit aber noch immer nicht. Denn die Wirkung eines Giftes hängt stark von der Menge ab, die ein Organismus abbekommt. Die Toxine der Blaualgen dringen kaum durch die gesunde Haut, sondern belasten den Körper allenfalls, wenn ein Schwimmer Wasser schluckt. Der Mikrobiologe Günter Jost vom Leibniz-Institut für Ostseeforschung sagt: „Vermutlich enthält jede verschimmelte Brotschnitte mehr Toxine als ein Schwimmer bei einer Algenblüte zufällig schlucken könnte.“

Noch hat der Algenfilm die deutschen Küsten ohnehin nicht erreicht. Um aber sicherzugehen, versuchten Experten am Donnerstag, genaue Daten zu Wachstum und Art der Bakterien zu sammeln. Am Morgen verließ ein Schiff der Wasserschutzpolizei den Stralsunder Hafen, um Proben zu nehmen. Ergebnisse soll es im Lauf des Freitags geben. Anzeichen für Blaualgen gibt es aber bereits: in der Pommerschen Bucht, vor der Nordwestküste Rügens und in den inneren Küstengewässern (Stettiner Haff, Peenestrom, Strelasund). Auch in der Müritz, dem größten See innerhalb Deutschlands, wurden Blaualgen gesichtet. Diese stammen allerdings nicht aus der Ostsee. Badestellen waren jeweils nicht betroffen.

Wohin der Algenteppich treibt, hängt von den Winden ab. Und die sollen zum Wochenende auffrischen. Damit wird das Wasser wieder durchmischt und der Aufzug der Blaualgen funktioniert viel schlechter. „Dann werden die Algenteppiche sich auflösen“, erklärt Günter Jost. Für einen Verzicht auf einen Ostseeurlaub liefern die Blaualgen also keinen Grund.

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