Wissen : Schmerzende Enge

Wenn der Wirbelkanal zuwächst, werden die Nerven gequetscht. Das Leiden, von dem meist Ältere betroffen sind, nimmt zu

Rosemarie Stein

Kreuzschmerzen – wer kennt sie nicht? In 85 Prozent der Fälle sind sie harmlos und verschwinden von selbst; eher bei Bewegung, sobald sie möglich ist, als in Ruhe. Das gilt auch für die weniger als fünf Prozent der Kreuzschmerzgeplagten, bei denen der Schmerz bis in den Fuß ausstrahlt und von anderen Missempfindungen begleitet sein kann. Dann sind Nervenwurzeln gereizt, und meist ist der Ischiasnerv betroffen.

Die Nervenwurzeln geraten am häufigsten durch vorgefallenes Bandscheibengewebe in Bedrängnis. Eine andere, oft noch verkannte Ursache: Bänder sind geschwollen und Knochen verdickt oder durch degenerativen Umbau neu entstanden, etwa nach langjährigem Bandscheibenleiden. Dann engt sich der Wirbelkanal, auch Rückenmarks- oder Spinalkanal genannt, ein. Es kommt zur Spinalkanalstenose, kurz Spinalstenose. Manchmal ist der Raum für die Nerven auch dort eingeengt, wo sie seitlich aus dem Wirbelkanal abzweigen. Nicht selten hat der Patient außerdem einen Bandscheibenvorfall oder Wirbelgleiten.

Das macht die Diagnose nicht gerade einfacher. Es kommt vor, dass ein Orthopäde nach der Untersuchung sagt: „Damit müssen sie leben.“ Früher war die Spinalstenose so selten, dass noch nicht alle Ärzte damit vertraut sind. Oft fehlen bekannte Krankheitszeichen. So kann man mit Spinalstenose beim Vornüberbeugen manchmal mit den Fingerspitzen fast den Boden berühren, mit Bandscheibenvorfall kaum. Es sind aber meist Ältere, bei denen der Wirbelkanal eingeengt ist, und da wir immer älter werden, nimmt das Leiden zu.

Alexander Storch, Neurologe an der TU Dresden, nannte die Spinalstenose auf dem 80. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Neurologie in Berlin sogar „eine sehr häufige Ursache für Rückenschmerz im Alter“. Die Lendenwirbelsäule ist viermal so oft betroffen wie die Halswirbelsäule. Zehn Prozent der Patienten haben Stenosen in beiden Regionen, bei manchen ist sogar der gesamte Spinalkanal eng, teils von Geburt an.

Auch Laien ist durch Selbstbeobachtung zumindest eine Verdachtsdiagnose möglich: Schmerzen im Kreuz und in einem Bein (oder auch in beiden) sowie Missempfindungen wie Taubheit oder „elektrisches“ Kribbeln nehmen zu, wenn man aufrecht geht. Im Unterschied zu Durchblutungsstörungen im Bein („Schaufensterkrankheit“) nützt Stehenbleiben nichts, sofern man sich gerade hält. Nur „krummes“ Stehen, aber auch gebücktes Gehen lindert die Beschwerden, weil dann die Nerven mehr Spielraum bekommen. Deshalb kann man mit einer Wirbelkanalenge auch viel besser eine Treppe oder einen Berg hinauf- als hinabsteigen, und Radfahren geht oft genauso gut wie Sitzen.

Die Verdachtsdiagnose wird gesichert oder verworfen durch eine neurologische körperliche Untersuchung, ergänzt durch bildgebende Verfahren. Auf Bilder allein darf man aber nichts geben: „Was das Bild zeigt, muss nicht zum Schmerz führen“, sagt Storch. Das gilt auch für den Bandscheibenvorfall. Ein Wirbelkanal kann sehr eng sein und doch keine Beschwerden machen, oder es ist trotz massiver Beschwerden nichts zu sehen.

Die Therapie hängt von den individuellen Besonderheiten und der Schwere des Leidens ab, aber auch vom Fach des Arztes. Storchs Vortrag und die Leitlinie der Neurologen zeigen, dass nichtoperativ tätige Ärzte dazu neigen, die Spinalstenose möglichst konservativ zu behandeln, vor allem mit Medikamenten, Krankengymnastik und Entspannungsübungen.

Später könne man notfalls immer noch operieren, meint Storch, ohne dass die Ergebnisse schlechter seien. Nur bei hochgradigen Lähmungen und besonders beim „Kaudasyndrom“ mit Taubheit der Oberschenkelinnenseiten sowie Blasen- und Darmstörungen muss auch nach Überzeugung der Neurologen sofort operiert werden. Die Neurochirurgen halten konservative Behandlung ebenfalls für gerechtfertigt, aber nur als ersten Schritt.

Bei den chirurgischen Verfahren hat sich weltweit in den letzten Jahren eine schonende Methode durchgesetzt: die Mikrochirurgie. Erich Donauer, Chef der Neurochirurgie im Krankenhaus Plau am See, wies im Gespräch mit dem Tagesspiegel darauf hin, wie schwer sich Operationsmethoden vergleichen lassen.

Die Resultate hingen nicht zuletzt von der Indikation ab: „Wer fast Gesunde operiert, hat natürlich bessere Ergebnisse. Wer die Indikation streng stellt, also nur operiert, wenn es wirklich nötig ist, steht schlechter da.“

Noch weniger aussagekräftig sind Vergleiche der Ergebnisse konservativer und chirurgischer Therapie. Manche Studien weisen auf Vorteile der Operation hin, nach anderen scheinen beide Behandlungen gleich gut zu sein. Selbst Storch, der als Neurologe die konservative Therapie vorzieht, räumt ein, dass die Chirurgie bei solchen Vergleichen wahrscheinlich zu negativ bewertet werde. Gründe dafür seien, dass vor allem die schwerer Kranken operiert würden. Zudem lasse sich die konservative Behandlung, etwa mit Medikamenten, besser standardisieren als die operative.

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