Schulbildung : Wo Kinder anders lernen

Das finnische Bildungssystem ist vorbildlich, aber nicht auf Deutschland übertragbar, sagen Experten.

Uwe Schlicht
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Finnischer Stil. Eigenständiges Lernen und Entdecken steht im Mittelpunkt.Foto: dpa

Wer eine Schulreform in Deutschland für dringend geboten hält, blickt nach Finnland. Dass Finnland für Deutschland ein Vorbild sein könnte, erschien dortigen Bildungsexperten allerdings noch vor zehn Jahren kaum fassbar. Galt Deutschland doch jahrhundertelang als das Land der Bildung – und als Vorbild in der Schulpolitik. Als Finnland bei der ersten Pisa-Studie im Jahr 2000 unter 30 OECD-Staaten im Lesen den ersten Platz, in Mathematik den vierten und in Naturwissenschaften den dritten Platz erreichte, sei sie total überrascht gewesen, sagt Aila-Leena Matthies, Professorin für Soziale Arbeit an der Universität Jyväskyla. Deutschland dagegen war im unteren Mittelfeld gelandet. Auch bei den folgenden Pisa-Tests blieb Finnland an der Spitze.

Wie ist dieser Erfolg zu erklären? Vor allem aus der Geschichte. Die Finnen standen bis 1809 unter schwedischer Herrschaft, danach bis 1917 unter russischer Hegemonie. Die Entdeckung der finnischen Identität verlief über Sprache, Kultur und Bildung. In dem Land mit nur 5,3 Millionen Einwohnern, das unter ständig steigender Landflucht leidet, gibt es den pädagogischen Vorsatz, keinen Schüler zurückzulassen. Hinzu kommt die sozialpolitische Furcht, „wenn die Schule geschlossen wird, stirbt das Dorf“, sagt Finnlandexperte Ehrenhard Skiera von der Universität Flensburg. Matthies und Skiera haben jetzt ihr gemeinsam herausgegebenes Buch über „Das Bildungswesen in Finnland“ im Finnlandinstitut in Berlin vorgestellt.

Eine Übertragung des finnischen Modells auf Deutschland erscheint beiden Experten aufgrund der besonderen geschichtlichen und kulturellen Einbindung der finnischen Schule unmöglich. In Finnland geht man seit Jahrzehnten von der Berufstätigkeit beider Elternteile aus. Darauf ist das Sozial- und Bildungssystem abgestellt. Der Schulunterricht wird nicht nur von Lehrern getragen, sondern auch von Sozialarbeitern und Psychologen. Grundmodell ist seit 1985 die neunklassige Grundschule. Erst danach wechseln die Schüler im Alter von 16 Jahren für drei Jahre entweder auf das Gymnasium oder in die berufliche Bildung. 70 Prozent der finnischen Jugendlichen erreichen das Abitur.

Der Schlüssel zum finnischen Erfolgsmodell liegt in einer Kombination von einem allgemeinen Unterricht für alle – verbunden mit Förderunterricht auf Zeit für jene Schüler, die Lernschwierigkeiten oder etwa wegen einer Erkrankung Nachholbedarf haben. Besonders während der ersten Schuljahre werden Probleme beim Sprechen, Lesen und Schreiben durch Förderstunden ausgeglichen. In den ersten vier Schuljahren besucht jedes vierte Kind solche zusätzlichen Lerneinheiten, in der neunten Klasse jedes fünfte.

Im Durchschnitt erhalten in der gesamten Schulzeit etwa 22 Prozent der Kinder Förderunterricht in Kleingruppen vor oder nach dem allgemeinen Unterricht, so viele also, dass die Teilnahme nicht als Makel empfunden wird. Häufig begleiten auch Sonderpädagogen den gemeinsamen Unterricht und kümmern sich besonders um die „anders lernenden Kinder“.

Eine wichtige Rolle im finnischen Schulsystem spielt auch die Selbsteinschätzung der Schüler. Bereits im Vorschulalter und in den ersten Klassen sollen sie sich über ihre eigene Leistungsfähigkeit klar werden. In den ersten vier Klassen werden die Leistungen konsequenterweise nicht benotet, sondern von Schülern, Eltern und Lehrern besprochen. In der Oberstufe führen die Schüler schließlich ein eigenes Studienbuch über ihre Lernfortschritte.

Aila-Leena Matthies kennt das deutsche Schulsystem gut genug, um den grundsätzlichen Unterschied zum finnischen Bildungsverständnis zu erklären: In Deutschland würden den Schülern immer noch zu viele Fakten vermittelt, die für die nächste Klassenarbeit gelernt werden. In Finnland spielten die Fakten zwar auch eine Rolle. Aber der Akzent werde eher auf Zusammenhänge gelegt. Eigenständiges Lernen und das Entdecken stehe im Mittelpunkt der Didaktik.

Weil Bildung und Kultur im Selbstverständnis der Finnen eine herausragende Rolle spielen, ist der Lehrerberuf zudem hoch angesehen. Die Universitäten nehmen eine rigorose Bestenauswahl unter den Bewerbern vor. Herausragende Schulnoten genügen nicht. Als Teil einer dreitägigen Aufnahmeprüfung müssen sich die Bewerber beim Spielen mit einer Gruppe von Kindern als fähig und motiviert für die Erzieheraufgabe erweisen. Nur jeder zehnte Bewerber wird akzeptiert.

Diese und viele andere Schlaglichter auf das finnische Bildungswesen sind in Matthies’ und Skierkas Sammelband nachzulesen. In den durchweg anschaulichen Texten finden sich dann doch viele Anregungen für deutsche Pädagogen. Der Blick nach Finnland lohnt wieder einmal.

Das Bildungswesen in Finnland, hrsg. von Aila-Leena Matthies und Ehrenhard Skiera. Klinkhardt-Verlag, Bad Heilbrunn, 2009. 292 Seiten, 19,90 Euro.

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