Schule : Frauen unterrichten besser

Lehrerinnen bringen besser Lesen bei, Lernen im Wettkampf ist "pervers": Was angloamerikanische Wissenschaftler zu den Schulleistungen von Jungen sagen.

Amory Burchard,Tilmann Warnecke

Auch in Ländern wie den USA, Australien oder Großbritannien wird die Frage diskutiert, ob Jungen in der Schule benachteiligt sind. Das Argument, in den Schulen müssten mehr Männer unterrichten, um Jungen positive Rollenvorbilder anzubieten, sei im angloamerikanischen Raum allerdings weniger verbreitet als in Deutschland, sagt Torsten Wöllmann von der Arbeitsstelle Gender Studies der Uni Gießen. Er hat die Debatte über das Schulversagen von Jungen im angloamerikanischen Raum untersucht. Mainstream sei dort die Forderung nach einer geschlechtersensiblen Lehrerausbildung: Pädagogen sollten lernen, Normen zu erkennen, die zum Ausschluss von Jungen führten.

Tatsächlich haben ausländische Studien erwiesen, dass das Geschlecht der Lehrkräfte nicht ausschlaggebend für den Lernerfolg von Jungen ist. Kanadische Bildungsforscher an der University of Alberta beobachteten 2007 zehn Wochen lang ein Lesetraining mit 175 Jungen der 3. und 4. Klassen, die Schwierigkeiten beim Lesen hatten und von Lehrkräften beiderlei Geschlechts unterrichtet wurden. Das Fazit der Forscher: Jungen, die bei Lehrerinnen lernten, lasen flüssiger und entwickelten ein positiveres Bild von sich selbst als „lesenden Jungen“. Zu einem ähnlichen Ergebnis kamen auch zwei Forscher der University of Western Sydney (Australien). Sie befragten 1000 Schüler der 8. und 10. Klassen.

Torsten Wöllmann kritisiert die in Deutschland verbreitete „Nullsummenlogik“: Wenn Jungen benachteiligt werden, müssen Mädchen bevorteilt werden. Die hierzulande übliche Sicht auf „die Jungen“ blende die Komplexität des Themas aus. Die neue Geschlechterforschung in Großbritannien, den USA und Australien gehe dagegen nicht von „den Jungen“ und „den Mädchen“ aus, sondern von einer Pluralität, in der Geschlechterrollen mit ethnischen und sozialen Verhältnissen verschränkt seien. In Großbritannien etwa gelten afrokaribische und muslimische Jungen als „problem boys“.

„Die soziale Herkunft bestimmt viel stärker als das Geschlecht, wie Schüler abschneiden. Bei einem Kartenspiel würde man sagen: Die Karte ,Soziale Klasse’ sticht die Karte ,Geschlecht’“, sagt auch der australische Erziehungswissenschaftler Richard Vaughan Teese von der Universität Melbourne. Für Jungen aus höheren sozialen Schichten sei es „höchst unwahrscheinlich“, beim Lesen schlecht abzuschneiden. Im Gegenteil seien sie sogar deutlich besser als der Durchschnitt der Mädchen. Erst wenn man die soziale Leiter herabsteige, würden die Leseleistungen der Jungen schlechter. Die schwachen Leistungen in den Unterschichten würden durch Geschlechterstereotype geradezu befördert. Das gängige Vorurteil, dass Jungen nicht lesen könnten, würde von Freunden, Eltern und oft auch von Lehrern reproduziert und unterstützt.

Wie können die Leistungen von lernschwachen Jungen verbessert werden? Erziehungswissenschaftler der englischen Universität Cambridge warnen Lehrerinnen und Lehrer nachgerade davor, vermeintlich jungsfreundliche Unterrichtsformen einzusetzen. Sie hätten in vielen Unterrichtsreihen festgestellt, dass sich schwache Jungen bei den pädagogischen Maßnahmen am meisten verbesserten, die „Jungen wie Mädchen gleichermaßen ansprechen“. Es sei nicht bewiesen, „dass sich die Lernwege der Jungen von denen der Mädchen unterschieden“. Die Erziehungswissenschaftler untersuchten zwischen 2000 und 2004 an über fünfzig Schulen, wie sich die Lese- und Schreibkenntnisse von Jungen verbessern lassen.

Wie kontraproduktiv es sein kann, wenn man lernschwache Jungen mit „jungsgerechten“ Unterrichtsformen zu fördern versucht, zeige das Beispiel des wettkampforientierten Lernens. Zwar würden einige Jungen – genauso wie einige Mädchen – dadurch stark motiviert. Dabei handele es sich aber oft um ohnehin leistungsstarke Schüler. Die Forscher nennen es „pervers“, Schüler einem Wettbewerb auszusetzen, deren Schulkarriere von Lern-Misserfolgen geprägt ist – bei ihnen sei die Wahrscheinlichkeit eines erneuten Scheiterns besonders hoch.

Motivieren Texte über Technik oder Sport Jungen mehr als andere Themen? Nicht unbedingt, sagen die englischen Forscher. Die Interessen von Jungen – wie auch von Mädchen – seien viel heterogener als weithin angenommen. Wichtig sei eine große Bandbreite an Lektüre zu den unterschiedlichsten Themen.

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