Schulen in der DDR : Kameras im Unterricht

DDR-Forscher haben über Jahre Unterrichtsstunden zu Schulungszwecken aufgezeichnet. Jetzt stehen die Filme im Netz.

Elke Kimmel

„Angefangen hat alles mit einer Unterrichtsstunde zum Mauerbau – das Band tauchte aus dem Nichts auf und machte uns auf das verschollene Archiv aufmerksam“, sagt Henning Schluß, Erziehungswissenschaftler von der Humboldt-Universität (HU). Schluß leitet ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziertes Projekt, das seit 2005 fast 100 aufgezeichnete Unterrichtseinheiten aus der DDR-Zeit gesichtet und gesichert hat. Jetzt machte Schluß das Material online zugänglich. Die Internetdatenbank betreut das HU-Institut gemeinsam mit dem Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung.

DDR-Didaktiker haben von Beginn der 1970er Jahre an bis Mitte der 1980er Unterrichtsstunden zu Schulungszwecken aufgezeichnet. Meist waren es Schüler der 11. Polytechnischen Oberschule in der Hannoverschen Straße, die den ganzen Schultag im Studio verbrachten. So sollten sie sich an die ungewohnten Bedingungen und Kameras gewöhnen und sich natürlich verhalten, erklärt Schluß. Es seien nicht nur Musterstunden erhalten – im Gegenteil: Einige Male geht der Unterricht im Chaos unter. Auch fachlich gibt es keine Beschränkung, von Geschichte bis Sport reicht das Themenspektrum.

Erstmals ist Material nun online verfügbar, das einen direkten Vergleich von ost- und westdeutschen Lehrmethoden erlaubt. Geplant ist die Vernetzung mit den Filmbeständen des Landesinstituts für Schule und Medien (Lisum) in Berlin. „Wir haben die Datenbank bewusst auf Zuwachs angelegt“, sagt Schluß, „denn wir hoffen, dass wir 230 weitere Filme aus den Beständen der DDR-Akademie der Pädagogischen Wissenschaften und der Potsdamer Hochschule integrieren können.“ Allerdings fehlen dazu derzeit noch die Mittel. Für Schluß ist die möglichst rasche Digitalisierung der Bestände auch ein Wettlauf mit der Zeit: Der Materialverfall nehme zu und schon jetzt sei es meist so, dass nach der komplizierten Sicherung der alten Bänder von diesen kaum etwas übrig bleibe. Wenn man jetzt nicht eingreife, nehme man sich selbst die einmalige Möglichkeit, fundiert über die Qualität und die Methoden des Unterrichts in der DDR zu urteilen.

Die erste Ebene der Datenbank ist für alle Interessierten frei zugänglich und liefert Informationen über Inhalt und Entstehung der Videos. Die Filme anschauen und herunterladen können sich dagegen – aus datenschutzrechtlichen Gründen – nur Fachwissenschaftler. Diese müssen sich mit ihrem Anliegen direkt an Henning Schluß wenden, der Benutzerkennung und Passwort vergibt. Elke Kimmel

Die Datenbank im Internet:

www.fachportal-paedagogik.de/filme

Ein Ausschnitt der Geschichtsstunde zum Mauerbau findet sich unter: www.fwu.de/sl/index.php („Mauerbau“ in die Suchmaske eingeben).

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben