Schulreform : Lernen ohne Raum und Zeit

Elterninitiativen in Hessen wehren sich gegen das Turbo-Abi. Es fehlen Konzepte für die kürzere Schullaufbahn, Probleme gibt es zuhauf: zu viel Lehrstoff, zu große Klassen - und keine passenden Schulbücher.

Frank van Bebber
Karin Wolff
Karin Wolff (CDU) ist nicht mehr hessische Bildungsministerin Sie wurde für das Wahldebakel mitverantwortlich gemacht. -Foto: dpa

Es gibt in Hessen einen neuen Typ des Klassenfotos: Statt grinsender Schüler zeigen die Bilder grimmig blickende Kinder, Eltern und Lehrer, die Protestplakate halten. Eine Elterninitiative stellt die Bilder nach Postleitzahlen geordnet ins Internet. Der Unmut zieht sich quer durchs Land: von 34121 Kassel bis 69239 Neckarsteinbach.

Auf den Fotos sind Schüler wie Christian. Er geht um 7 Uhr aus dem Haus, kommt zwischen 17 und 18 Uhr zurück und sitzt dann noch über eine Stunde an seinen Hausaufgaben. Der 13-Jährige aus Bad Vilbel bei Frankfurt gehört zur ersten Schülergeneration, die in nur acht Jahren durch das Gymnasium geschleust werden soll. Seine Mutter Birgit Hamalega sagt: „Den Kindern geht die Gelassenheit verloren, für sie ist Schule mehr Last als Lust.“ Mit fünf Kindern ist sie gewohnt, straff zu organisieren. Doch seit zwei Kinder auf dem Weg zum Turbo-Abitur sind, „manage ich nur noch die Zeit“, sagt sie.

Wie die Hamalegas erleben viele Familien in Hessen das achtjährige Gymnasium, kurz G8. Schulpolitik war hier immer schon umstrittener als anderswo. Doch diesmal bleiben die Folgen der Reform nicht im Klassenzimmer, sondern erreichen den heimischen Abendbrottisch. Die Elternsprecherin eines Gymnasiums in Bad Vilbel, Christel Faust, spricht nicht nur von Wut, sie sagt: „Die Eltern bekommen Angst.“

Vor einer Woche erreichte die Botschaft der Bilder auch das Kultusministerium in 65185 Wiesbaden: Ministerin Karin Wolff (CDU) hatte genug gesehen. Sie schrieb ihren politischen Abschiedsbrief, in dem sie klagt, sie empfinde die Vorwürfe als ungerecht. Auch in anderen Ländern bestehe Nachsteuerungsbedarf. Mit Zusammentreten des neuen Landtags im April gibt Wolff ihr Amt auf. Der Unmut der Eltern gilt als eine Ursache der CDU Pleite bei der Wahl.

Lehrpläne sind kaum abgespeckt

Noch knapp vor der Wahl hatte Wolff als Reaktion auf die Kritik für das zweite Halbjahr neue G8 Regeln erlassen. Seit Februar haben die Klassen 5 und 6 nur noch einmal wöchentlich Unterricht am Nachmittag, Schüler der Klasse 7 zwei Mal. Bis 10. März sollen die Lehrer-Fachkonferenzen der Schulen dem Ministerium sagen, welchen Stoff sie für verzichtbar halten. Bislang sind die Lehrpläne nach dem Eindruck von Eltern wie Birgit Hamalega kaum abgespeckt. „Die sind nicht entrümpelt“, sagt sie, „da wird das Gleiche abgefragt.“

Volker Räuber, Direktor eines Frankfurter Gymnasiums, schickt seit G8 seine Siebtklässler erst um 16 Uhr heim. „Das übersteigt die Konzentrationsfähigkeit“, sagt der Schulleiter, der Sprecher der hessischen Gymnasialleiter ist. Vor vier Jahre hatte Hessen mit der schrittweisen Einführung von G8 begonnen, inzwischen sind die Eingangsklassen flächendeckend umgestellt. Der Stoff aus Klasse zehn wurde umverteilt. Siebte Klassen haben darum 34 Stunden Unterricht statt früher 30, plus Hausaufgaben, Arbeitsgruppen, Sport oder Musik. „Dann ist der Tag extrem knapp“, sagt Räuber. Der Schuldirektor will mit seinen Kollegen an die Lehrpläne „noch einmal ganz hart“ rangehen. Ein Weg, den die Lehrergewerkschaft GEW für falsch hält. Landesvorsitzender Jochen Nagel sagt: „Lernen braucht Raum und Zeit.“ Diese dürfe man Kindern nicht stehlen. Er will die Rückkehr zu G9. Den Unmut der Lehrer über das Turbo-Abi beschreibt Nagel so: „Es macht Lehrern keinen Spaß, Kinder leiden zu sehen.“ Nagel ist gegen G8, Räuber im Grundsatz dafür. Neu ist, dass die Kritik an der Schulwirklichkeit sie eint. Nagel erinnert sich nicht, dass die verschiedenen Verbände je so einig waren.

Auch auf den Fotos mit den Protestlern sind nicht nur harte G8-Gegner. Die Frankfurter Elternsprecherin Christel Gade hat sich eingereiht, obwohl sie glühende G8-Anhängerin ist. Es sei ein Protest für mehr Geld und mehr Aufmerksamkeit für die Schule, sagt sie, nicht gegen G8, obwohl sich auf den Plakaten auch Anti-G8-Passagen finden. Tochter Hannah besucht eine sechste Klasse. Weder Klavierstunden noch Leichtathletik Training habe sie aufgegeben. Ein Gymnasium sei keine Kuschelschule, sagt Gade. „Jeder, der nicht G8 will, kann auf eine Gesamtschule gehen, da gibt es noch G9.“

Keine Ganztagsausstattung, viel Stoff, große Klassen

Bei einer Umfrage unter den Eltern an Hannahs Schule sagten 58 Prozent, sie stünden dem schnellen Abitur ganz oder teilweise positiv gegenüber. Was sie ärgerte: keine Ganztagsausstattung, viel Stoff, große Klassen. „31 bis 34 Kinder sind einfach zu viel“, sagt Gade. „Bei 23 bis 24 Schülern hätten sie gar kein G8 Problem.“ Für kleinere Klassen protestiere sie jederzeit wieder. Die Eltern sagten in der Umfrage auch: Für ein ordentliches Mittagessen würden sie einen noch späteren Schulschluss in Kauf nehmen.

Es ist eine Ironie der hessischen Schulpolitik, dass das Turbo-Gymnasium den ideologischen Graben zur Ganztagsschule überbrückt. Noch hallen Schlagworte wie Zwangsbetreuung oder Einheitsschule nach, nun freuen sich alle über jede zusätzliche Mittagsmensa.

Birgit Hamalega sagt, dass Sohn Christian viel Zeit in der Schule verbringe, „ist nicht schlimm“. Schlimm sei, dass nichts darauf abgestimmt sei. Die Hausaufgaben seien so umfangreich wie eh und je, so dass für das Teenagerleben zwischen Kieferorthopäden, Freunden und Konfirmationsunterricht keine Zeit bleibe. Schlimm sei, dass der erste G8-Jahrgang keine passenden Schulbücher habe. Christian gebe alte Bücher für das neunjährige Abitur einige Monate früher ab. Dann werde mit Kopien gearbeitet, weil die Bücher der nächsten Klasse nicht frei seien. Christians Schule hat zwar endlich eine taugliche Mensa. Doch der Stundenplan lässt nur an zwei von vier langen Tagen eine Pause für das Mittagessen, ärgert sich die Mutter.

Nach Wolffs Rückzug hat Ministerpräsident Roland Koch angekündigt, „abgebrochene Brücken“ zu Lehrern und Eltern wieder aufbauen zu wollen. Wie viel Zeit ihm dafür bleibt, weiß er nach dem unklaren Wahlergebnis nicht, dass es viel Arbeit wird, kann er auf den Klassenfotos mit den grimmigen Blicken sehen.

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