Schulsport : Springen, turnen, tanzen

Sport soll an der Ganztagsschule eine große Rolle spielen. Dauersitzen am Vormittag soll nicht am Nachmittag fortgesetzt werden. Doch viele Lehrer sind auf mehr Bewegung im Unterricht nicht gut vorbereitet.

von
In Bewegung. Wer in der Schule für Wettkampfsport begeistert wird, strebt auch in einen Verein.
In Bewegung. Wer in der Schule für Wettkampfsport begeistert wird, strebt auch in einen Verein.Foto: Thilo Rückeis

Erich Kästner hat einmal gesagt: „Der Kopf ist nicht der einzige Körperteil. Wer das Gegenteil behauptet, lügt. Man muss nämlich auch springen, turnen, tanzen und singen können.“ Das schrieb der Dichter zu einer Zeit, als sich die Aufmerksamkeit durch den Pisa-Schock noch nicht auf die sogenannten Hauptfächer Deutsch, Mathematik, Naturwissenschaften und die erste Fremdsprache konzentrierte, Sport, Kunst und Musik in den Hintergrund rückten.

Der Pisa-Schock hat andererseits aber auch zu einem Aufschwung der Ganztagsschule geführt. Seit 2001 wird über die Frage diskutiert, ob man die Jugendlichen am Nachmittag den Medien und den Peergroups aussetzt oder auf die heilen Familien im Schwarzwald und in Oberbayern vertraut. Oder ob die Schulzeit für viele nicht lieber bis in den Nachmittag hinein verlängert werden soll.

Dazu brauchte man aber nicht nur Mensen zum Mittagessen, sondern auch die Hilfe von Sportvereinen, Musikschulen, Tanzgruppen und Chören. Eine Ganztagsschule ohne den Sport ist undenkbar. Das haben führende Sportorganisationen auch begriffen. Der Deutsche Olympische Sportbund, der Deutsche Sportlehrerverband und die Deutsche Vereinigung für Sportwissenschaft haben bereits im Jahr 2009 in einem Memorandum erklärt, dass Sport einen wichtigen Beitrag für die ganzheitliche Entwicklung der Persönlichkeit und die Werteerziehung leiste. Voller Stolz betonen die Spitzenverbände, dass durch den Sport die Bereitschaft zu Anstrengung und Leistung gefördert werde, außerdem Fairness, Teamgeist, Rücksichtnahme, die Integration von Schwächeren und das Durchhaltevermögen.

In Berlin trafen sich nun Vertreter der genannten Spitzenverbände des Sports zu einer Tagung, um Bilanz zu ziehen. Das Ergebnis: Den Lehrern – und damit auch die Sportlehrern – fehlt die Erfahrung, die umfassenden Organisationsaufgaben zu bewältigen, die auf sie zukommen, etwa die Auswahl von geeigneten Sportvereinen und anderen möglichen Partnern aus der Gesellschaft für die Mitarbeit an Ganztagsschulen. Denn außer den Kosten müssten diese Angebote auch darauf geprüft werden, ob sie in das Schulprogramm passen und von den Eltern akzeptiert werden. Viele Lehrer rutschen in die Rolle dieser Organisationstätigkeit hinein, ohne eine entsprechende betriebswirtschaftliche Vorbildung erhalten zu haben oder wenigstens wegen der neuen Aufgaben Entlastungen im herkömmlichen Schulbetrieb zu bekommen.

Hinzu kommt, dass trotz des nicht zu unterschätzenden Beitrags des Sports zur Persönlichkeitsentwicklung der Kinder und Jugendlichen die Lehrer bei der Konfrontation mit schweren sozialen und psychischen Problemen überfordert sind. Hier fehle es an Sozialarbeitern und Psychologen, die in anderen so erfolgreichen Bildungsländern wie Schweden und Finnland selbstverständlich zur Personalausstattung der Schulen gehören.

Zur besseren Vorbereitung der Lehrer auf diese neuen Aufgaben sprachen sich Erziehungswissenschaftler auf der Tagung dafür aus, in der Masterphase der Lehrerausbildung Module über die Organisationsaufgaben von Ganztagsschulen aufzunehmen.

Durch die Ganztagsschulen hat sich auch das gesamte Gefüge des Nachmittags verändert. Heute müsse die Schule über Bewegung für alle nachdenken. Das Dauersitzen während des Schulunterrichts am Vormittag dürfe nicht am Nachmittag fortgesetzt werden, hieß es. Vor diesem Hintergrund müssten sich die Lehrer an Ganztagsschulen auch mit Fragen der körperlichen Entwicklung und der Förderung der Gesundheit befassen. Für die Pausen sollten auf den Schulhöfen Spielecken und Flächen für Ballspiele geöffnet werden. Ralf Laging, Professor für Sportwissenschaft an der Universität Marburg, stellte auch den starren 45-Minuten-Takt der Stunden infrage.

Die Angst der Vereine, dass sie durch eine Ausdehnung des Sportangebots an den Schulen in den Nachmittag hinein den Nachwuchs verlieren und in ihrer Bedeutung verdrängt würden, wies Laging zurück. Wer in der Schule für den Wettkampfsport begeistert werde, strebe nach wie vor in die Vereine.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben