Schulstudien : GEW greift Bildungsökonomen an

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) warnt vor der Zweitverwertung von Schulstudien wie Pisa und Timms durch "neoliberale Bildungsökonomen". Die Bildungsgewerkschaft wirft Forschern unseriösen Umgang mit Daten vor.

Amory Burchard

Die Zweitverwertung von Schulstudien durch "neoliberale Bildungsökonomen" sei seit einiger Zeit „ein Reizthema für die GEW“, sagte die stellvertretende Vorsitzende Marianne Demmer am Dienstagabend in Berlin. Es geht der Lehrergewerkschaft um Thesen wie diese: Die Größe der Lerngruppe sei für die Leistungen unerheblich, auch in großen Klassen könnten Schüler gut lernen. Das ließe sich mit Ergebnissen aus der Timms-Studie zu Mathematik und Naturwissenschaften belegen, schreibt etwa Bildungsökonom Ludger Wößmann, Professor an der LMU München und am Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung, München. Damit würden von der Politik Sparauflagen begründet, kritisiert die GEW. Sie hat jetzt Bildungsforscher beauftragt, solche Metastudien unter die Lupe zu nehmen.

Die Bildungsökonomen gingen von falschen Voraussetzungen aus und verallgemeinerten ihre Ergebnisse zu Unrecht, schreiben Gundel Schümer vom Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und Manfred Weiß, Bildungsökonom am Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (Dipf) in Frankfurt am Main. In ihrem 50-seitigen Kommentar zu „Bildungsökonomie und Qualität der Schulbildung“ kommen sie unter anderem zu dem Schluss, dass ihre Forscherkollegen „kulturelle Rahmenbedingungen wie den Erziehungs- und Unterrichtsstil“ in den an Timms beteiligten Ländern außer Acht gelassen haben.

„Sie verstehen nichts von Schule und Unterricht, wissen nicht, wie Kinder in anderen Ländern erzogen werden und wie die Schulen ausgestattet sind“, sagte Schümer. So sei augenfällig, dass Schüler in Südostasien trotz großer Klassen bei Tests gut abschnitten, weil sie sehr viel disziplinierter und motivierter seien als deutsche Kinder. Zudem arbeiteten die Bildungsökonomen mit Daten aus dem Mathematikunterricht in der Sekundarstufe II und postulierten, dass aller Unterricht so abliefe wie Matheunterricht in der 7. oder 8. Klasse. Sprachunterricht aber erfordere kleinere Gruppen.

Schümer und Weiß kritisieren auch Studien, nach denen Schüler an Privatschulen besser lernen als an öffentlichen Schulen. Die Bildungsökonomen würden dabei nicht den sozioökonomischen Hintergrund der Kinder und Jugendlichen berücksichtigen. Rechne man diesen Faktor heraus, bleibe nichts vom Leistungsvorsprung der Privatschüler. Das Ifo-Institut aber fordere, 50 Prozent aller Schulen in private Trägerschaft zu geben, um alle Schulformen einem positiven Wettbewerb auszusetzen. Es sei falsch, die Wettbewerbs-These aus der Wirtschaft auf die Schulen zu übertragen, sagte Marianne Demmer. In Chile sei das gesamte Schulsystem unter Pinochet nach einer staatlich verordneten Privatisierungswelle abgesackt. Amory Burchard

Die GEW-Studie im Internet:

www.gew.de/Bildungsoekonomie_und_Qualitaet_der_Schulbildung.html

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