Wissen : Schwebend ins Reich der Mitte

Die TU webt ein internationales Netzwerk des Technologietransfers – die Kooperation mit China beim Transrapid ist das Vorbild

Heiko Schwarzburger

Dreißig Kilometer Doppelspur, acht Minuten Fahrzeit, Spitze 430 Stundenkilometer: Der neue Transrapid vom internationalen Flughafen Pudong nach Shanghai-City ist ein Gefährt technischer Superlative. Innerhalb von nur zwei Jahren stampften rund 10 000 chinesische Arbeiter und Ingenieure das gewaltige Projekt aus dem Boden. „Das war ein sportlicher Zeitplan“, meint Peter Mnich, Professor für elektrische Bahnen an der TU Berlin. „Bis Mitte des Jahres wird die Strecke abgenommen und für den Verkehr frei gegeben.“

In Shanghai gelten deutsche Sicherheitsstandards. Peter Mnich und seine Kollegen vom Institut für Bahntechnik in der Carnotstraße haben wesentliche Komponenten der Strecke geprüft: So simulierten die IFB-Ingenieure den Antrieb der Strecke für einen störungsfreien Zehn-Minuten-Takt. Sie begutachteten die Leistungsfähigkeit des Antriebs und der Energieversorgung für die Inbetriebnahme des chinesischen Transrapid. Kein leichter Job, denn schon 2005 sollen rund zehn Millionen Menschen die neue Bahn als Zubringer zur Long Yang Road im Zentrum der Finanzmetropole nutzen. Bis 2010 wird sich diese Zahl verdoppeln.

Intelligente Dienstleistungen

Aus Deutschland ist ein großes Konsortium federführend. Beteiligt sind Siemens und ThyssenKrupp sowie Transrapid International. Sie liefern die Bahnen, Antriebe und die Leittechnik. „Da stecken rund 600 Arbeitsplätze für Ingenieure dahinter“, erläutert Peter Mnich. Die Rolle der TU-Techniker: der Industrie mit intelligenten Dienstleistungen unter die Arme greifen. Die chinesische Seite legt außerdem Wert darauf, dass unabhängige Fachleute wichtige Systeme begutachten.

Für die Chinesen sind ihre deutschen Partner eine gute Adresse. Die Gesellschafter des Instituts für Bahntechnik GmbH, einem gemeinsamen An-Institut der TU Berlin und der TU Dresden, sind namhafte Bahnhersteller, Zulieferer, Betreiber und Finanzinstitute. Das An-Institut finanziert sich ausschließlich durch Industrieaufträge, rund 3,5 Millionen Euro sind das pro Jahr. Die vierzig Mitarbeiter blicken aufmerksam nach Asien: „Wenn in Deutschland die beiden Strecken im Ruhrgebiet und in München erst einmal laufen, dann werden unsere Chancen auf weitere Projekte in China erheblich steigen“, meint Peter Mnich.

Olympia und die Weltausstellung

Peking richtet 2008 die Olympischen Spiele aus, dort ist ebenfalls ein Flughafenzubringer im Gespräch. In Shanghai wird 2010 die Weltausstellung stattfinden, in der Planung befindet sich eine Strecke nach Hangzhou, die mehr als 210 Kilometer lang ist. Auch in den USA gibt es konkrete Pläne. Dort könnte ein Transrapid die Städte Baltimore und Washington verbinden, auch Pittsburgh möchte seinen Flughafen schneller anbinden. „Das ist ein internationales Geschäft“, sagt Peter Mnich.

Der Vorteil solcher Projekte besteht auch darin, dass die Erfahrungen sofort in die Ausbildung der Studenten fließen. Mittlerweile bieten die Wissenschaftler extra für chinesische Studenten eine besondere Vorlesung zum Transrapid an. Da in China die Magnetschwebetechnik völlig neu ist, mussten die Berliner Forscher sogar eigens ein Fachwörterbuch erstellen, in dem die wichtigsten Begriffe übersetzt sind. „Dabei kam uns zugute, dass die TU etliche chinesische Studenten und Promovenden hat“, erzählt Mnich. „Und künftig werden es sicher deutlich mehr.“

Nicht nur Berliner Großtechnologie findet den Weg ins Reich der Mitte. „Gemeinsam mit Kollegen von der TU Berlin haben wir ein Überwachungssystem für rotierende Maschinen entwickelt“, erzählt Liao Ming Fu, Professor an der Northwestern Polytechnical University in Xian, rund 800 Kilometer südwestlich von Peking. Dieses System werde heute in mehr als zwanzig Fabriken in China eingesetzt.

Wissenschaftler an Windturbinen

Außerdem gibt es ein Institut, in dem die Wissenschaftler gemeinsam an Windturbinen und Problemen der Maschinendynamik forschen. Liao Ming Fu promovierte bei Professor Robert Gasch an der TU Berlin. Nach seiner Rückkehr wurde er Professor und baute in Xian das Fachgebiet Windenergie auf. In China werden Fachleute für Windenergie dringend gesucht.

Ingo Meyer vom internationalen Alumni- Programm „International Network“ der TU Berlin ist stolz auf solche Kontakte. 16 Jahre währt diese Kooperation mit Xian inzwischen. An der TU studieren mehr als 5700 ausländische Studenten, davon kommt fast jeder zehnte aus dem Reich der Mitte. Bereits seit mehr als zwanzig Jahren kooperiert die TU Berlin mit Universitäten in Peking, Shanghai und Hangzhou. Damals begann die TU, ein internationales Netzwerk ihrer Absolventen aufzubauen. „Es ging darum, die ausländischen Studenten nach ihrer Rückkehr in die Heimat beim beruflichen Einstieg zu unterstützen und die Absolventen langfristig mit der TU und mit Berliner Partnern zu vernetzen.“

Das internationale Netzwerk umfasst heute weltweit 2500 Absolventen. Viele der ehemaligen TU-Studenten besetzen in ihren Ländern hohe Positionen in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Ob Banker in Tunesien, Uni-Dozentin in Brasilien, Unternehmer in Ägypten, Umweltberater in Santiago de Chile, NGO-Chef in Indien oder BMW-Generalvertreter in Sri Lanka: Das internationale Netzwerk der TU Berlin reicht in 116 Länder auf allen Kontinenten der Erde, über alle Berufsgruppen hinweg.

E-Mails von Ehemaligen

Ein Schwerpunkt des „International Network“ liegt in der Nachwuchsarbeit. Ausländische Studenten in den Abschlusssemestern können sich in speziellen Seminaren auf den Berufsstart im Ausland vorbereiten. Die Seminare werden gemeinsam mit Unternehmen wie Schering durchgeführt. Täglich gehen ungefähr fünfzig E-Mails von Ehemaligen beim Team des „International Network“ ein. Sie fragen nach Anschriften von Importeuren, Kontakten zu Unternehmen, die im Ausland investieren wollen, wissenschaftlichen Kooperationspartnern oder fachlichen Informationen. Die Zeitschrift „TU International“, die regelmäßig in einer Auflage von 4500 Exemplaren erscheint, wird rund um den Globus versandt. Jährlich wächst das internationale Netzwerk der TU um 150 bis 200 Absolventen. Allein nach China hat die TU derzeit 230 aktive Kontakte.

Manchmal wenden sich deutsche Unternehmen direkt an die TU, wenn sie Führungskräfte für ihre ausländischen Dependancen suchen. Ein Beispiel ist die Berliner Firma Gerb, Spezialist für Schwingungsdämpfungen von Gebäuden, Brücken, Fundamenten, Pressen oder Turbinen. Gerb unterhält Niederlassungen in Brasilien, Indien, China und weiteren Ländern.

Die TU konnte der Firma helfen, einen Niederlassungsleiter für Indien zu finden. Mittlerweile nutzte die Firma ihre TU-Kontakte, um Führungskräfte für China und Brasilien zu rekrutieren. „Das klappt nicht immer, aber unser Netzwerk bietet zumindest eine gute Chance, weiter helfen zu können“, meint Ingo Meyer. „Anfragen nach Fachkräften laufen oft unter erheblichem Zeitdruck. Ohne unsere gut gepflegte Datenbank könnten wir nicht so schnell reagieren.“

Der heutige Chef von Gerb India, Asish K. Basu, wird im Mai in Berlin erwartet. Sein Weg führt dann auch wieder an die TU. Geplant ist ein Seminar mit indischen Studenten, um über den Berufseinstieg und die Praxis als Ingenieur und Manager in Indien zu informieren. Im Juni kommen dann dreißig Absolventen aus 15 Ländern nach Berlin, die in Führungspositionen der Energiebranche arbeiten. In einem internationalen Seminar wird es darum gehen, sich über neue Techniken, energieeffizientes Bauen, Energiemanagement und erneuerbare Energien auszutauschen.

Näheres zum Transrapid:

www.bahnsysteme.tu-berlin.de

www.bahntechnik.de

Nähere Informationen zum „International

Network TU Berlin“:

www.tu-berlin.de/abz

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