Schweinegrippe : Das Feuer der Influenza

Kinder gelten als die wichtigsten Überträger des Grippevirus – sollten sie zuerst geimpft werden?

Kai Kupferschmidt,Ralf Nestler
295462_0_031c8c99.jpg ddp
Unter Schülern. Kinder verbreiten Krankheitserreger besonders schnell. Foto: ddpddp

Für die Katastrophenmedizin ist die Frage nicht neu: Wenn es zahlreiche Opfer gibt, mehr Verletze und Sterbende, als mit den vorhandenen Ärzten und Medikamenten behandelt werden können, wen rettet man dann zuerst, wen lässt man sterben? Es ist die uralte Frage nach der Verteilung begrenzter Ressourcen.

Dasselbe Problem stellt sich auch beim Umgang mit der Schweinegrippe. Der Impfstoff wird ab September nur Stück für Stück verfügbar werden. Wer aber soll dann zuerst geimpft werden, wer bis zum Ende warten?

Es gibt zahlreiche verschiedene Möglichkeiten diese Frage anzugehen. Mediziner gehen meist pragmatisch vor: Wer von der Krankheit am stärksten bedroht ist, der sollte auch als Erstes geimpft werden. Dem folgen Weltgesundheitsorganisation und Bundesregierung mit ihrem Vorhaben zuerst Risikogruppen wie Schwangere und Menschen mit Grunderkrankungen zu impfen. Bei ihnen verläuft die Schweinegrippe häufiger ernst, es gibt mehr Komplikationen und Todesfälle. Außerdem soll medizinisches Personal gleich zu Beginn geimpft werden.

Weil es bei einer Impfaktion aber auch darum geht, die Verbreitung der Krankheit möglichst effektiv zu stoppen, kann es ebenso sinnvoll sein, jene Gruppen als Erstes zu impfen, die die Krankheit am stärksten verbreiten. Denn mit jeder Impfung schützt man auch die Menschen, die der Geimpfte sonst angesteckt hätte. Amerikanische Wissenschaftler haben nun ausgerechnet, welche Gruppen demnach am dringendsten geimpft werden sollten: Schulkinder und Erwachsene zwischen 30 und 39 Jahren.

Kinder nehmen es mit der Hygiene nicht so genau

Die Forscher Jan Medlock und Alison Galvani nutzten die Daten zahlreicher Grippeepidemien in den USA, darunter auch des Ausbruchs von 1918, um ein Modell der Influenzaverbreitung zu erstellen. Den Erfolg der verschiedenen Impfstrategien maßen sie auf verschiedene Weise: So errechneten sie die Zahl aller Todesfälle und die Zahl aller Infektionen. Sie gewichteten die Toten aber auch nach ihrem Alter, also danach, wie viele Lebensjahre sie noch vor sich gehabt hätten, und bezifferten so die Gesamtzahl der verlorenen Lebensjahre. Auch den volkswirtschaftlichen Schaden zogen sie zur Bewertung heran.

Das beste Ergebnis wurde in allen Fällen erzielt, indem man bevorzugt Kinder zwischen fünf und 19 Jahren und Erwachsene zwischen 30 und 39 Jahren impfte. Der Grund: Schulkinder verbreiten die Krankheit mehr als alle anderen Altersgruppen und am stärksten betroffen davon sind ihre Eltern. Immunisiere man beide Gruppen schütze das daher den Rest der Bevölkerung am effektivsten, schreiben die Wissenschaftler online im Fachblatt „Science“. Die Berechnungen der Studie beziehen sich zwar auf die USA, Kinder gelten aber auch hierzulande als das „Feuer der Influenza“. „Sie sind praktisch die Verbreiter der Erkrankung“, sagt Markus Knuf vom Uniklinikum Mainz. Vermutlich liege das daran, dass sie Hygieneregeln nicht so streng einhalten wie Erwachsene.

Gerade Kinder sollen nach den Aussagen von Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) aber zunächst einmal nicht geimpft werden. In einer Pressekonferenz am Mittwoch riet sie, erst die klinischen Studien abzuwarten. Medikamente werden in der Regel nicht an Kindern getestet. Deswegen gibt es weniger Daten zur Verträglichkkeit des neuen Impfstoffes in dieser Gruppe. „Es gibt zu dem bestellten Impfstoff aber auch Ergebnisse aus Studien mit Kindern“, sagt Susanne Stöcker, Sprecherin des Paul-Ehrlich-Instituts. „Wir haben dazu nicht so viele Daten wie zu Erwachsenen, aber weitere Studien sind in Arbeit.“ Chronisch kranke Kinder sollten außerdem ebenso früh geimpft werden, wie chronisch kranke Erwachsene.

Wer in Berlin zuerst geimpft werden soll, steht noch nicht fest. „Wir arbeiten zurzeit an einem Impfplan“, sagt Marie-Luise Dittmar, Sprecherin der Senatsverwaltung für Gesundheit. Das Konzept soll Mitte September veröffentlicht werden, pünktlich vor der Lieferung der ersten Impfdosen, die für Ende September erwartet werden. Es sei aber unvermeidlich, bei der Impfstoffvergabe Prioritäten zu setzen, sagt Dittmar. „Eins ist klar: Wir werden nicht eine Million Menschen in einer Woche impfen können.“

Mitarbeit: Ralf Nestler

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben