Schweinegrippe : Das Virus hinter der Maske

Die Amerikanische Grippe breitet sich weltweit weiter aus. Die WHO bleibt aber bei Warnstufe 5. Noch sind weniger Menschen infiziert als jedes Jahr zur Grippesaison.

Dagny Lüdemann

Mehr als 10.000 Menschen in 40 Ländern haben sich inzwischen mit dem neuen Influenza–Erreger A/H1N1 angesteckt, der Mitte April in Mexiko und den USA erstmals aufgetreten war. 79 Menschen sind bislang in Folge der Amerikanischen Grippe gestorben.

Zuletzt hatten sich vor allem in Japan zunehmend Menschen infiziert – bislang melden die Behörden dort etwa 200 Fälle. Den Löwenanteil stellen mit rund 5500 Infizierten weiterhin die USA, gefolgt von Mexiko mit knapp 3700 Kranken. In Europa sind Spanien und Großbritannien mit je gut 100 bestätigten Fällen am stärksten betroffen. In Deutschland haben sich bisher 14 Menschen mit Amerikanischer Grippe angesteckt.

Allerdings besteht auch angesichts dieser Zahlen kein Grund zur Panik, wie ein Vergleich mit der "gewöhnlichen Grippe" zeigt, deren Ausbreitung das Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin Jahr für Jahr erfasst: Während solcher Grippewellen – die bei uns im Winter, auf der Südhalbkugel dagegen zu unserer Sommerzeit auftreten – sterben allein in Deutschland jedes Jahr zwischen 8000 bis 11.000 Menschen. Das heißt: Alljährlich gibt es hierzulande so viele Grippe-Tote wie jetzt weltweit überhaupt mit dem neuen Erreger infiziert sind.

Bisher stuft die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die H1N1-Grippewelle noch nicht als weltweite Pandemie ein – und sieht daher auch keinen Anlass, die Alarmphase für die Amerikanische Grippe auf die höchste Stufe 6 anzuheben. "Es gibt zwar gefährliche Signale, die wir auch bedenken werden, aber wir sind weiterhin in Phase 5", erklärte WHO-Generaldirektorin Margaret Chan am Dienstag in Genf.

Anders als bei der Vogelgrippe (Influenza A/H5N1), einer Tierseuche, die zwar nur selten auf den Menschen überspringt – dann aber schwer und in vielen Fällen tödlich verläuft – handelt es sich bei der Amerikanischen Grippe um eine humane Influenza mit leichteren Symptomen, wie Fieber, Hals- und Gliederschmerzen. Der Krankheitsverlauf sei bei dem neuen Virus zumeist milde und überschaubar, sagte Chan.

Experten vom RKI und von der WHO raten trotzdem weiterhin zur Vorsicht: Bisher sei zu wenig über das neue Grippe-Virus bekannt, als dass man einschätzen könne, ob er das Zeug zu einer Pandemie habe.

Auf diesen Ernstfall mit Millionen Infizierten, ist die WHO jedoch vorbereitet: Sie hatte sich Anfang der Woche mit Vertretern von 30 Pharmaunternehmen beraten, die Impfstoffe herstellen. Dabei ging es vor allem um die Kapazitäten, falls zu der üblichen Grippewellen eine Pandemie der sogenannten Schweinegrippe hinzukäme.

"Wie es weitergeht, ist schwer zu sagen", erklärte der RKI-Präsident Jörg Hacker. "Wir sehen schon mit einer gewissen Sorge, dass die Zahl der Fälle in den USA zunimmt und dass immer mehr Länder betroffen sind." In Europa sei die Lage derzeit weniger brisant. "Wir sollten aber auch in Deutschland nicht an Aufmerksamkeit nachlassen."

Zum Tragen von Atemmasken, wie sie vor allem bei asiatischen Reisenden auch auf deutschen Flughäfen zu sehen sind, rät aber weder die Weltgesundheitsorganisation noch das RKI. Bislang gebe es keine wissenschaftlichen Studien, die belegen, dass solche Masken vor einer Infektion schützen können. Wenn Grippe-Patienten solche Masken tragen, verringert sich allerdings das Risiko, dass sie die Viren auf andere übertragen.

Zudem warnt die WHO, dass sich das Ansteckungsrisiko beim falschen Gebrauch der Masken sogar erhöhen kann: Denn so ein Mund- und Nasenschutz aus Stoff oder Papier kann schnell zu einem Nährboden für Keime werden, vor allem wenn die Maske feucht wird, häufig angefasst oder mehrfach verwendet wird. Auf seinen Internetseiten hat das RKI die Empfehlungen zum Gebrauch von Atemschutzmasken zusammengestellt.

Bleibt die Frage, wie viele Menschen sich weltweit noch mit der Amerikanischen Grippe anstecken werden: Dabei kommt es vor allem darauf an, wie sich die gerade beginnende Grippesaison auf der Südhalbkugel auswirkt. Die ersten Fälle in den USA seien während der dort auslaufenden Grippesaison aufgetreten, sagte Hacker.

ZEIT ONLINE

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