Schweinegrippe : Porträt einer Pandemie

Obwohl die Schweinegrippe abgeklungen ist: Vorsicht ist weiter geboten. Die neue Influenza raubt mehr Lebensjahre als eine "normale Grippe".

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Im März 2009 registrieren die mexikanischen Gesundheitsbehörden die ersten Fälle von Schweinegrippe, ausgelöst durch ein neuartiges H1N1-Influenzavirus. Bald darauf gibt es Erkrankungen in den USA und am 25. April 2009 erklärt Margaret Chan, Generaldirektorin der Weltgesundheitsorganisation WHO, das Grippeproblem zu einem Notfall von internationaler Bedeutung. Befürchtungen werden laut, die Welt könnte eine zweite Pandemie vom Ausmaß der Spanischen Grippe von 1918 mit Millionen von Toten erleben. Heute ist klar, dass diese Angst unbegründet war. Die Pandemie ist weitgehend abgeklungen, zumindest vorerst. Trotzdem ist die Gefahr noch nicht vorbei, schreiben WHO-Experten in einem Bericht über die Seuche im Fachblatt „New England Journal of Medicine“. Das Virus sollte noch immer genau beobachtet werden.

Mittlerweile sind 18 000 mit Labortests bestätigte Todesfälle an H1N1 zu beklagen, in Deutschland 254. Das sind weit weniger als die geschätzten 250 000 bis 500 000 Menschen, die weltweit jedes Jahr an einer „normalen“ saisonalen Grippe sterben. Die rasche Ausbreitung der Schweinegrippe hat die saisonale Influenza aus dem Takt gebracht und sie fast völlig verdrängt. „Die saisonale Grippe hat nicht stattgefunden“, sagt Susanne Glasmacher, Sprecherin des Robert-Koch-Instituts in Berlin. Wie genau es dazu kam, ist ungeklärt.

Es ist also durchaus möglich, dass die überwiegend mild verlaufende neue Grippe so manchem das Leben gerettet hat, der sonst der herkömmlichen Grippe zum Opfer gefallen wäre. Allerdings kann man die Zahlen nicht direkt vergleichen. Während die Todesfälle durch die Schweinegrippe mit Labortests belegt sind, sind die Opferzahlen durch die saisonale Grippe nur geschätzt. Sie ergeben sich aus der Übersterblichkeit während der Grippesaison. Die in den Grippemonaten beobachtete erhöhte Sterblichkeit in der Bevölkerung wird zum Teil der Virusgrippe angerechnet. Wie hoch die Übersterblichkeit in der nun überstandenen Grippesaison war, steht aber erst im Herbst fest, wenn das Statistische Bundesamt seine Zahlen vorlegt. Erst dann ist ein Vergleich zu den letzten Jahren auf gleicher statistischer Basis möglich.

Hinzu kommt, dass das Pandemievirus viele Kinder und junge Erwachsene erkranken ließ, während Menschen jenseits der 60 eher verschont wurden. Sie besitzen offenbar noch einen gewissen Schutz aufgrund früherer Infektionen mit ähnlichen Influenzaviren. „Annähernd 90 Prozent der Todesfälle traten bei Menschen auf, die jünger als 65 waren“, schreiben die WHO-Wissenschaftler im „New England Journal“. Das Durchschnittsalter der Verstorbenen liegt bei 40 bis 50 Jahren. Berücksichtigt man nicht nur die Zahl der Todesfälle, sondern auch die der verlorenen Lebensjahre, erscheint H1N1 also in nicht mehr ganz so mildem Licht. Die Zahl der verlorenen Lebensjahre könnte sogar deutlich höher ausfallen, verglichen mit einer herkömmlichen Influenzaepidemie. Das ergaben Berechnungen von Cécile Viboud von den Nationalen Gesundheitsinstituten der USA.

Das Schweinegrippevirus erweist sich als anfällig für den Wirkstoff Oseltamivir (Tamiflu) ebenso wie für Zanamivir (Relenza), das eingeatmet werden muss. Eine rechtzeitige Behandlung kann die Heilung beschleunigen, die Gefahr von Komplikationen und vermutlich auch das Sterberisiko senken. Allerdings werden auch schon Viren beobachtet, die gegen Tamiflu resistent sind.

Besonders in Deutschland kam es zu heftigen Diskussionen über mögliche Nebenwirkungen des Impfstoffs gegen die Schweinegrippe, der hierzulande mit einem Verstärker versehen war. Zwar erwies sich der Impfstoff auch mit Verstärker als sicher und verträglich. Aber das Misstrauen der Bevölkerung führte ebenso wie der milde Verlauf der Pandemie dazu, dass sich weniger als jeder zehnte Bundesbürger impfen ließ. Zum Vergleich: In den USA wurde rund ein Viertel der Bevölkerung geimpft.

Ob und wie sich diese unterschiedlichen Impfraten ausgewirkt haben, kann im Moment noch nicht gesagt werden. Aus Sicht von Experten dauert es jedoch noch immer zu lange, bis ein Influenzaimpfstoff hergestellt ist. Im Falle von H1N1 vergingen sechs Monate vom Entdecken des neuen Erregers bis zur Produktion des Impfstoffs. Da war die erste Schweinegrippewelle schon über die südliche Hemisphäre hinweggeschwappt.

Noch immer hapert es nach Meinung von Fachleuten an einer umfassenden Überwachung der Influenzaviren. Mit regelmäßigen Tests ließen sich aufkommende Gefahren wie neue Pandemieviren rascher entdecken und deren Risiko besser abschätzen.

Wird es weitere Wellen der Schweinegrippe geben? „Wir sind in einer Pandemieperiode von zwei bis fünf Jahren und müssen weiter wachsam sein“, sagte die amerikanische Grippeexpertin Lone Simonsen gegenüber dem Fachjournal „Nature“. Auf längere Sicht könnte sich die neue H1N1-Variante als saisonales Grippevirus etablieren. Im Impfstoff für die Grippesaison 2010/2011 soll H1N1 bereits entsprechend berücksichtigt werden.

Hartnäckig hält sich die Behauptung, die WHO habe 2009 die Pandemiedefinition verwässert, um kräftig Alarm schlagen zu können. Das ist jedoch unrichtig, kontert die Infektionsexpertin Silke Buda vom Robert-Koch-Institut. „Krankheitsschwere war nie ein Kriterium zur Definition der Pandemie“, sagte Buda dem Ärzteblatt „MMW“. Entscheidend sei vielmehr, dass es sich um einen neuartigen krank machenden Influenzaerreger handle, der leicht übertragbar sei und sich weltweit verbreite. „Die Schweinegrippe hat alle diese Kriterien erfüllt.“

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