Schweinegrippe : Schwanger in Zeiten der Pandemie

Die Schweinegrippe ist besonders gefährlich für werdende Mütter. Was Experten zum Thema Impfung empfehlen.

Kai Kupferschmidt
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Gefragt. Frauen, die ein Kind erwarten, sollten mit ihrem Arzt beraten, wie sie sich am besten gegen eine Infektion mit dem...www.avatra.de

Noch ist es ruhig. Zwar sind inzwischen mehr als 8600 Deutsche an der Schweinegrippe erkrankt, aber in den meisten Fällen verlief die Infektion milde, Tote gab es bisher nicht. Das könnte sich spätestens im Herbst ändern. Dann rechne er mit deutlich mehr schweren Verläufen als bisher, sagte Johannes Löwer, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts, am gestrigen Mittwoch auf einer Pressekonferenz.

Besonders gefährdet sind schwangere Frauen. Amerikanische Forscher haben Daten aus den ersten beiden Monaten der Epidemie in den USA erhoben und vergangene Woche im Fachblatt „Lancet“ veröffentlicht. Demnach waren unter den 45 Grippetoten, die in den USA zwischen dem 15. April und dem 16. Juni 2009 gemeldet wurden, sechs Schwangere. In dem Bericht heißt es, alle seien vor der Grippeerkrankung relativ gesund gewesen.

Das neue Virus verhält sich damit nicht anders als seine Vorgänger. „Das Influenzavirus führt bei schwangeren Frauen eindeutig häufiger zu Komplikationen und zu Todesfällen“, bestätigt der Virologe Alexander Kekulé von der Universität Halle. Auch die saisonale Grippe verläuft bei Schwangeren häufiger ernst und bei vergangenen Epidemien war die Sterblichkeit in dieser Gruppe stets höher als beim Rest der Bevölkerung.

Das habe vermutlich mit einer Umstellung des Immunsystems zu tun, sagt Ulrich Freitag, stellvertretender Sprecher der AG Impfen des Berufsverbandes der Frauenärzte. „Der Embryo ist auch eine Art Fremdkörper und das Immunsystem muss davon abgehalten werden, ihn anzugreifen.“ Es sei vorstellbar, dass dadurch auch andere Abwehrmechanismen schlechter funktionierten.

Für die aktuelle Pandemie haben die „Lancet“-Autoren errechnet, dass die Gefahr für Schwangere an der Schweinegrippe zu sterben fast achtmal so groß ist, wie für den Rest der Bevölkerung. Allerdings beruht diese Rechnung auf wenigen Fällen. Das relative Risiko könnte also auch deutlich niedriger sein – oder noch höher.

In jedem Fall zeige die Analyse, dass schwangere Frauen mit einer vermuteten H1N1-Infektion eine besonders gute medizinische Versorgung bräuchten, schreiben die Mediziner Punam Mangtani, Tippi Mak und Dina Pfeifer in einem Kommentar, der die Studie begleitet. Schutzmaßnahmen wie eine Impfung seien deswegen bei Schwangeren besonders wichtig. Davon profitiere vermutlich nicht nur die Mutter, sondern auch das Kind.

In fünf der sechs Todesfälle in den USA konnte das Kind zwar durch einen Kaiserschnitt gerettet werden. Aber das Influenzavirus ist eine Gefahr für den Fötus. So gibt es Hinweise darauf, dass eine Grippeinfektion während der Schwangerschaft das Risiko des Kindes erhöht, später an einer geistigen Krankheit zu leiden.

Finnische Forscher haben in Helsinki medizinische Unterlagen von einer Grippeepidemie im Jahr 1957 untersucht und kamen zu dem Schluss, dass das Risiko an Schizophrenie zu erkranken für Kinder höher war, deren Mutter sich während der Schwangerschaft mit dem Virus infizierte. Und im März dieses Jahres wiesen Forscher im Fachblatt „European Neuropsychopharmacology" nach, dass eine Influenzainfektion bei schwangeren Mäusen verschiedene Gene im Gehirn der Föten an- und ausschaltet. Darunter fanden sie auch Gene, die mit einem erhöhten Risiko für Schizophrenie und Autismus in Verbindung gebracht werden.

Kekulé warnt davor, die Untersuchungen an Mäusen eins zu eins auf den Menschen zu übertragen. „Im Tiermodell findet man häufig Erbschäden, die dann beim Menschen nicht vorkommen“, sagt er. Auch war der Effekt, den die finnischen Forscher beobachteten, sehr klein und die Daten auf die sie sich bezogen alt und nicht unbedingt zuverlässig. Dennoch ist klar, dass das Grippevirus für das ungeborene Kind gefährlich ist. „Schwangere mit einer Grippeinfektion haben in jedem Fall ein höheres Risiko, eine Fehlgeburt zu erleiden“, sagt Kekulé.

Es gibt also gute Gründe dafür, dass die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Schwangere zu den Gruppen zählt, die bevorzugt geimpft werden sollten. Das Problem: Impfstoffe und Medikamente werden aus ethischen Gründen nicht an schwangeren Frauen getestet. Viele Mediziner haben deswegen Bedenken, mit den Impfstoffen, die jetzt produziert werden, direkt schwangere Frauen zu immunisieren – zumal darin neue Stoffe enthalten sind, Adjuvantien, die das Immunsystem stärker ansprechen sollen.

„Es ist ungeheuer schwierig, schwangeren Frauen eine Immunisierung zu empfehlen. Da gibt es einfach zu wenig gute Daten“, sagt Frank von Sonnenburg von der Universität in München, der in der ständigen Impfkommission (STIKO) sitzt, dem 17-köpfigen Gremium, das Impfempfehlungen ausspricht. Die WHO hat empfohlen, Schwangere mit einem Impfstoff zu behandeln, der keine Adjuvantien enthält. Bei dieser Art von Impfstoff, zu der auch die saisonale Grippeimpfung gehört, gibt es zumindest einige Erfahrungen mit Schwangeren.

„In Amerika wird fast jede Schwangere gegen die saisonale Grippe geimpft“, sagt Freitag. Auch in Deutschland sei das jeden Herbst für viele Schwangere der Fall, immer dann, wenn sie einer Risikogruppe angehörten, für die eine Impfung empfohlen sei. „Schlechte Erfahrungen haben wir dabei nicht gemacht“, sagt er. Ein solcher Impfstoff ohne Adjuvantien steht deutschen Schwangeren gegen das Virus H1N1 aber nicht zur Verfügung. „Es wird in Deutschland nur adjuvantierte Impfstoffe gegen die Schweinegrippe geben“, sagte eine Sprecherin des Paul-Ehrlich-Instituts dem Tagesspiegel.

In den USA sieht die Situation anders aus. „Die Amerikaner haben sich von Anfang an die Option offen gehalten, nur Impfstoffe ohne Adjuvantien zu verwenden“, sagt Kekulé. Er sehe Schwangere dennoch in einer eindeutigen Situation. „Weil das Risiko für Schwangere höher ist, ist die Risikoabwägung einfacher: Schwangere sollten sich impfen lassen.“

Wer ganz sicher gehen will, dem rät Kekulé, nach Beginn der Impfaktion zunächst zwei Wochen zu Hause zu bleiben. Dann dürfte klar sein, ob der Impfstoff doch seltene Nebenwirkungen hervorruft, die bisher nicht auffielen. Wer aber aus beruflichen Gründen nicht zu Hause bleiben könne oder kleine Kinder habe, die die Krankheit mit nach Hause bringen, der solle sich sofort impfen lassen. Ähnlich äußert sich auch von Sonnenburg. Er sehe zwar eine schwierige Risikoabwägung. „Aber Schwangere in höheren Trimestern profitieren wohl von einer Impfung.“ Darauf werde voraussichtlich auch die Empfehlung der STIKO hinauslaufen.

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