Wissen : „Selber Schuld, wenn ihr nicht in die Museen geht“

Jeong-hee Lee-Kalisch baut an der FU die ostasiatische Kunstgeschichte auf

Anke Assig

Für Jeong-hee Lee-Kalisch (49) ist der Weg zur Arbeit mit Kraftsport verbunden. Seit sie im Sommer 2003 auf die Gerda-Henkel-Stiftungsprofessur für ostasiatische Kunstgeschichte berufen wurde, trägt sie regelmäßig schwere Bildbände von Mariendorf in die Koserstraße 20. Die zierliche Koreanerin stört das nicht. Sie weiß, dass sie und ihre Kollegen am Kunsthistorischen Institut Pionierarbeit leisten und dazu gehört auch handfestes Anpacken beim Aufbau der Bibliothek für das noch junge Fach.

Mit ihrer Rufannahme wurde der Lehrstuhl für ostasiatische Kunstgeschichte an der FU überhaupt erst eingerichtet. Der riesige geografische Raum, den Ostasien umfasst, wird deutschlandweit nur von zwei Universitäten aus dem Blick der Kunstgeschichte erforscht, nämlich der in Heidelberg und der Freien Universität in Berlin-Dahlem. „Das ist ein Glück für uns und für die FU“, sagt Lee-Kalisch. Mit dem Museum für Ostasiatische Kunst in Laufweite und unterstützt durch Bücherspenden aus China, Korea und Japan lernen die rund 160 Studierenden der ostasiatischen Kunstgeschichte unter sehr guten Bedingungen. „Ein Drittel unserer Lehrveranstaltungen findet vor den Originalkunstwerken in den Museen statt“, schwärmt die Professorin vom vielfältigen Anschauungsmaterial in der Stadt.

Nicht ein Land Ostasiens allein, sondern ganze Kulturlandschaften der Region mit ihren Traditionen und wechselseitigen Einflüssen sind Gegenstand ihrer Vorlesungen. So arbeitet sie in ihren Seminaren die verschiedenen Aspekte der chinesischen Malerei ebenso heraus, wie den Einfluss des Buddhismus auf die Kultur Ostasiens – beispielsweise in der Gartenkunst Koreas.

Für die Kunst hat sich die Tochter eines Pädagogen schon früh begeistert. Nach Kindheit und Jugend in der südkoreanischen Provinz Chung-buk studierte sie in ihrer Heimat Malerei. Dabei kam sie auch mit den europäischen Kunsttheorien und später mit der deutschen Sprache in Kontakt. „Ich hatte Herman Hesse gelesen“, erinnert sie sich an ihre Schulzeit. „Deutsch war für mich die Sprache der Ästhetik und weil ich Ästhetik studieren wollte, bin ich nach Deutschland gegangen“, begründet sie ihre Entscheidung für das ferne Europa. Genau genommen war es der gute Ruf eines Professors, der sie 1981 nach Köln führte. Lee-Kalisch erinnert sich: „Prof. Roger Goepper nahm eine einzige buddhistische Plastik in die Hand und konnte stundenlang dazu erzählen. Ich war fasziniert.“ Dabei wollte die Koryphäe die junge Frau zunächst gar nicht unterrichten, weil es an der Kölner Universität keinen eigenen Lehrstuhl für Ostasiatische Kunstgeschichte gab. Doch Jeong-hee Lee-Kalisch, deren Vorname „ruhiges Mädchen“ bedeutet, blieb hartnäckig. Die Art, in der europäische Wissenschaftler werkimmanente Analyse betreiben, war für sie der Schlüssel zu asiatischer und europäischer Kulturgeschichte zugleich. Sie blieb und das Museum für Ostasiatische Kunst der Stadt Köln wurde die geistige Heimat der Wissenschaftlerin. Hier promovierte sie 1991 über den Mond in der chinesischen Landschaftsmalerei – ein jahrhundertealtes Motiv, das bis dahin niemand eingehend erforscht hatte. Einen Namen machte sich die Kunsthistorikerin anschließend während ihrer zehnjährigen Arbeit für die Kulturstiftung Ruhr in Essen. Als Kuratorin betreute Lee-Kalisch die europaweit viel beachteten Ausstellungen „Das Alte China“ und „Die Alten Königreiche Koreas“ in der Villa Hügel.

Von ihren Managerqualitäten aus dieser Zeit will die agile Professorin, die neben ihrer Muttersprache und Deutsch auch Japanisch, Chinesisch und Alt-Chinesisch beherrscht, ihren Studierenden so viel wie möglich mitgeben. Bei Projektarbeiten lernen sie, wie man Texte für Ausstellungskataloge schreibt, Rundgänge für Museumsbesucher gestaltet oder Vitrinen beschriftet. Nur wer nah am Kunstobjekt lerne, lerne etwas über Kunst, findet sie. „Selber schuld, wenn ihr nicht in die Museen geht“, ermahnt sie angehende Kunsthistoriker deshalb gern. Die leidenschaftliche Gärtnerin und Wagner-Liebhaberin sieht ihre Arbeit als Lehrende realistisch: „Nur zehn Prozent der Studierenden gehen später in die Wissenschaft“, sagt sie – und freut sich dennoch über den auffallenden Zulauf europäischer und asiatischer Studierender, den ihr Fach derzeit erlebt.

Für die Zukunft hat sich Jeong-hee Lee-Kalisch viel vorgenommen. Die Professorin will an der Freien Universität ein Zentrum für buddhistische Kunstforschung aufbauen. „Wir haben hier alle ostasiatischen Fächer, dazu die Turkologie, Indologie, Religionswissenschaft und die Berliner Kunstmuseen.“ Schon jetzt findet die Professorin viele Unterstützer für diesen Plan. Auf den Asien-Pazifik-Wochen werden es sicher noch mehr: Die finden vom 19.9. bis 2.10. mit dem Fokus auf Korea in Berlin statt.

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