Selbstmordattentäter : Tödliche Ruhmsucht

Was treibt Menschen dazu, sich und andere umzubringen? Psychologen und Psychiater versuchen, das Phänomen des Selbstmordattentäters zu erklären.

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Provokation. Ein palästinensischer Aktivist der Terrororganisation "Islamischer Dschihad" demonstriert mit einer Sprengstoffgürtel-Atrappe.
Spiel mit der Angst. Ein palästinensischer Aktivist des terroristischen „Islamischen Dschihad“ demonstriert mit einer...Foto: AFP

Die Circumcellionen waren radikale nordafrikanische Frühchristen. „Zuerst greifen sie die Heiden an, dann lassen sie sich ohne Weiteres von Passanten das Schwert in den Leib rennen, die sie oft mit Gewalt dazu zwingen, oder stürzen sich von Felsen herab“, schrieb der evangelische Theologe Martin von Nathusius über die Gruppierung.

Der Drang dieser Christen zu freiwilligem Martyrium, ihre provozierende Angriffslust gegenüber den Ungläubigen und ihre Hoffnung, damit ganz unmittelbar in das Reich Gottes einzugehen, all das ist ein früher Beleg dafür, dass übersteigerte religiöse Vorstellungen Menschen im Extremfall in den Tod treiben können. Und dafür, dass sie ansteckend wirken. Nicht zuletzt um dem einen Riegel vorzuschieben, sprach der frühmittelalterliche Kirchenvater Augustinus ein Machtwort. Mit Hinweis auf das fünfte Gebot brandmarkte er den Suizid als Sünde. „Wer sich selbst tötet, tötet auch einen Menschen.“ Theologen galt die Selbsttötung fortan als die schlimmste Sünde – da sie noch nicht einmal bereut werden kann.

Die Freiheit im Tode

Die Debatte um die Freiheit des Menschen, Hand an sich selbst zu legen, zog sich durch die Jahrhunderte. Soziologische und psychologische Diskussionen über die Motive von Menschen, die sich das Leben nehmen, kamen erst in den letzten beiden Jahrhunderten hinzu. Helfen sie, die „Mechanismen“ zu begreifen, die ein Selbstmordattentat möglich machen? Also Selbsttötungen, bei denen nicht nur einer, sondern viele Menschen den Tod finden? Selbst-„Mörder“, die zugleich Fremdmörder werden?

Nach dem 11. September 2001 machten sich Spezialisten im Fachblatt „Suizid-Prophylaxe“ dazu Gedanken. Selbstkritisch äußerten der Psychiater Manfred Wolfersdorf und seine Kollegen vom Bezirkskrankenhaus Bayreuth, man müsse sich mehr mit dem aggressiven Aspekt suizidaler Handlungen auseinandersetzen. Als Ärzte hätten sie diesen Gesichtspunkt ausgeblendet, „weil es so schlecht funktioniert, einen kranken Menschen als aggressiv zu bezeichnen“.

Was die „Wendung der Aggression gegen das eigene Ich“ betrifft, so war sie allerdings schon in Sigmund Freuds Schrift „Trauer und Melancholie“ vorgekommen. Auch der Wiener Psychiater Erwin Ringel sah „gehemmte Aggression“ als Merkmal des „präsuizidalen Syndroms“. Ringel glaubte, dass jeder Versuch, sich selbst das Leben zu nehmen, als Abschluss einer krankhaften psychischen Entwicklung zu betrachten sei. Auch wenn Psychiater das heute nicht derart absolut sehen, halten sie die völlig frei verantwortliche Entscheidung zum Suizid doch für den Ausnahmefall.

Sie malen sich Trauer und Reue ihrer Angehörigen aus

Für das Thema „Selbstmordattentate“ besonders relevant ist möglicherweise der dritte Bestandteil des von Ringel beschriebenen Syndroms. Viele seiner Patienten fantasierten vor der Tat darüber, wie sie sich selbst und die Welt nach ihrem Tod beobachten würden. Sie malten sich die Trauer und die Reue ihrer Angehörigen aus, aber auch die mediale Aufmerksamkeit, die sie dann finden würden. Sein idealtypischer Patient bekommt das selbst mit: „Er kann lesen, wie in allen Zeitungen sein Name steht.“

Die Glorifizierung ihrer Persönlichkeit nach dem Tod ist nach Ansicht des verstorbenen israelischen Psychologen Israel Orbach eine der wichtigsten Hoffnungen, die Suizidattentäter bewegen. Der Forscher legte in einer in den „Archives of Suicide Research“ erschienenen Studie dar, dass individuelle seelische Probleme für palästinensische Suizidterroristen eine geringere Rolle spielen als äußere Faktoren wie eine in Inhalt und Sprache extreme Indoktrination, ideologische Wut, Aussicht auf materielle Vorteile für die Familien und nicht zuletzt auf himmlische Belohnung.

Narzissmus ist das zentrale Problem

Von „Passage“-Suiziden spricht der französische Forscher Jean Baechler in seiner Untersuchung „Tod durch eigene Hand“, um die Fälle zu beschreiben, in denen der Freitod den direkten Zugang zu einem als besser erachteten Jenseits bringen soll. Auch der „erweiterte Suizid als Waffe“, bei dem andere mit in den Tod gezogen werden, kann ein solcher Passage-Suizid sein, begangen in der Hoffnung, selbst einen noch besseren Platz im Himmel zu bekommen.

„Die Attentäter handeln im Bewusstsein, eine große Tat zu vollbringen“, sagt der Suizidexperte Thomas Bronisch vom Münchner Max-Planck-Institut für Psychiatrie. Während unter psychischen Erkrankungen Depressionen die größte Suizidgefahr bergen, stellt seiner Ansicht nach bei Suizidterroristen Narzissmus das zentrale Problem dar. „Die Täter haben ein grandioses Selbstbild.“ Daraus entstünden Kränkungen „und Rachegefühle, die durch Indoktrinierung in fatale Bahnen gelenkt werden“.

Züge einer antisozialen Persönlichkeitsstörung, erkennbar an der Tendenz von Jugendlichen zu gewalttätigen Auseinandersetzungen und an starker Impulsivität im Erwachsenenalter, machten es den oftmals gefühlskalten Tätern zudem leichter, einen geplanten Terroranschlag auszuführen. „Solche Persönlichkeiten bleiben bei der Tat kaltblütig.“

"Abhängig-vermeidende" Persönlichkeitsstruktur

Der israelische Psychologe Mariel Merari beleuchtet in seinem Buch „Driven to Death“ weitere Merkmale junger palästinensischer „Suicide-Bomber“. Der Professor von der Universität Tel Aviv hat für seine Untersuchung mit überlebenden inhaftierten Tätern versuchter Suizidanschläge gesprochen, deren Sprengsätze nicht gezündet hatten.

Nur ein Fünftel von ihnen stuft er als emotional instabil und impulsiv ein. Der Mehrheit attestiert der Psychologe eine „abhängig-vermeidende“ Persönlichkeitsstruktur, diese Täter erwiesen sich in den Interviews und Tests als autoritätsgläubig und konfliktscheu. 60 Prozent der Täter berichteten über Zweifel und Angst angesichts des geplanten Anschlags. Sie „besiegten“ sie letztendlich, indem sie sich von der Realität abtrennten.

Neun der 15 von Merari und seinen Mitarbeitern interviewten Drahtzieher und Hintermänner palästinensischer Anschläge sagten in den Interviews übrigens, sie persönlich könnten sich nicht vorstellen, einen Suizidanschlag zu begehen. Ihr Leben sei zu wichtig.

Beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde, der noch bis Samstag im CityCube Berlin stattfindet, wird aus aktuellem Anlass auch das Thema „Radikalisierung“ diskutiert. Ein Bericht folgt.

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