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Self-Assessment : Kann ich Uni?

04.07.2011 11:59 Uhrvon
Test auf dem Sofa. Immer mehr Unis bieten Studieninteressierten die Möglichkeit, sich online selbst zu prüfen. Foto: Kitty Kleist-HeinrichBild vergrößern
Test auf dem Sofa. Immer mehr Unis bieten Studieninteressierten die Möglichkeit, sich online selbst zu prüfen. - Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Bewerber sollten sich vor ihrer Entscheidung für ein Studium klar werden können, ob sie dem Anforderungsprofil eines Studiums gewachsen sind. Immer mehr Hochschulen bieten Eignungstests an. Ein Selbstversuch.

Der Test ist gnadenlos. Natürlich könnte ich betrügen, aber das ist ja nicht Sinn der Sache. Geht es nach dem Online Self-Assessment der Uni Bonn, muss ich ohne Wikipedia wissen, was Robert Koch entdeckt und wer das heliozentrische Weltbild etabliert hat, um in Bonn erfolgreich Geschichte studieren zu können. Zu Recht, wie ich finde, aber das hilft mir jetzt auch nicht weiter: Ich weiß es schlicht nicht, zumindest nicht sicher. Was bedeutet „helios“ und hatte Koch mit Pocken oder Pneumonie zu tun?

Für den pseudo-adoleszenten Ratsuchenden – eingeloggt habe ich mich als 18-jähriger Abiturient – kommt es nach 60 Minuten Multiple-Choice-Marathon knüppeldick: Die Ergebnisse im Bereich „Allgemeinbildung“, so die elektronische Auswertung, seien nur zufriedenstellend, Kenntnisse auf den Gebieten Politik, Gesellschaft, Kunst und Kultur müssten noch erweitert und vertieft werden, „z.

B. durch regelmäßige Lektüre einer anspruchsvollen Tageszeitung“. Na schönen Dank auch.

Auch andere Tests geben dem Scheinbewerber ein eher verhaltenes Feedback: Im „Borakel“-Test der Uni Bochum, der ganz allgemein die Befähigung für ein Studium abfragt, scheitere ich an den Aufgaben zum räumlichen Vorstellungs- und Abstraktionsvermögen. Der Online-Test der RWTH Aachen gibt mir glasklar zu verstehen, dass ich für wirtschafts-, natur- und rechtswissenschaftliche Studienfelder gänzlich ungeeignet bin. Nach einem Tag in der Testschleife bin ich vor allem eins: ernüchtert. Kann das das Ziel der Beratung sein?

Einer, der das im Zweifelsfall wohl bejahen würde, ist Lutz Hornke, emeritierter Psychologe der RWTH Aachen, der das Self-Assessment dort bereits 2001 einführt hat. Inzwischen haben mehr als 105 000 Studieninteressierte an der RWTH einen oder mehrere Tests absolviert. „Es geht darum, Leute zum richtigen Zeitpunkt an der richtigen Stelle mit den richtigen Fragen abzuholen“, sagt Hornke. Im Idealfall machten Schülerinnen und Schüler Tests bereits in der zehnten oder elften Klasse – dann könnten sie bei Schwächen noch nachbessern. Bewerber sollten sich vor ihrer Entscheidung für ein Studium klar werden können, ob sie dem Anforderungsprofil eines Studiums gewachsen sind, ob ihnen die Aufgabenstellungen Freude bereiten. Mit einer von der RWTH Aachen zur Verfügung gestellten Open-Source-Software können auch andere Hochschulen ihre Tests inhaltlich komplett selbst entwickeln.

Das Muster ist ohnehin immer ähnlich: Neben Wissens- und Verständnisfragen, die im Multiple-Choice-Verfahren abgehandelt werden, finden sich in den Tests auch solche nach den Erwartungen an ein bestimmtes Studienfach. Hierzu muss einzelnen vorgegebenen Aussagen über den gewünschten Inhalt eines Studiums zugestimmt werden. „Das Ziel ist, dass Studierende zufriedener und erfolgreicher studieren“, sagt Daniel Rauprich, der das Programm „Studienscout Academicus“ an der Uni Bonn betreut. Ein schlechtes Ergebnis und eine geringe Übereinstimmung der eigenen Wünsche mit den tatsächlichen Inhalten im Test bedeuteten daher nicht, dass man nicht in Bonn studieren dürfe. Jedoch würden sich Studierende nach einem oder mehreren Tests mit deutlich präziseren Fragen an die Studienberatung wenden. „Man startet mit der persönlichen Beratung auf einem ganz anderen Niveau.“

Die Self-Assessments müssten aber auf jeden Fall in eine weitergehende Beratung eingebunden sein. „Es kann nicht sein, dass jemand zum Beispiel aufgrund sprachlicher Defizite denkt, er könne nicht studieren“, sagt Rauprich. Derzeit sind die 2009 eingeführten Tests an der Uni Bonn selber noch in der Testphase: Ein Fragenkatalog, der immer von Vertretern des Fachbereichs gemeinsam mit Psychologen und IT-Technikern ausgearbeitet werde, habe sich dann bewährt, wenn die Bewerber, die im Test gut abschnitten, später auch die besseren Studienleistungen erzielten. Das sei in letzter Konsequenz aber erst in einem Jahr, mit den ersten Bachelorabschlüssen der vorab Getesteten, nachprüfbar. Erste Studien der Universität zur Korrelation von Testergebnis und Studienerfolg geben den Machern dort nach Aussage Rauprichs aber bereits recht. Die RWTH Aachen arbeitet derweil daran, die Qualität ihrer Tests an den Abbrecherquoten zu messen. Emeritus Lutz Hornke dämpft übertriebene Erwartungen: „Die Tests beziehen sich allein auf das, was Studierende in ihrem ersten Jahr an der Uni erwartet.“ Aussagen über den ganzen Studienzeitraum oder gar den Berufseinstieg ließen sie nicht zu.

Dass die Teilnahme an einem der Tests, die explizit keine Eignungstests sein sollen, in diesem Jahr in Aachen zum ersten Mal verpflichtend für eine Studienbewerbung ist, findet Hornke dennoch sinnvoll: „Wie bildet sich das in der Schule Erfahrene auf das an der Uni Erfahrbare ab“ – diese Frage könne durch einen ernsthaft absolvierten Test beantwortet werden. Zu weit solle die Zwangsberatung aber nicht gehen: Ob sie sich mit den Fragen auseinandersetzten oder sich nur, um einen Teilnahmenachweis zu erlangen, blind durch die Zeilen klickten, das liege allein bei den Bewerbern und Interessenten.

Mit ungebrochenem Interesse probiere ich es dann noch einmal mit einem Test, diesmal für philosophische Studiengänge an der Uni Bonn – und habe endlich Erfolg: Meine Interessen und Neigungen stimmen laut Test „in hohem Maße“ mit dem überein, was in einem Philosophiestudium erwartet wird. Die Fähigkeiten zum logischen Denken und die Kompetenz, auch sprachlich anspruchsvolle Texte zu verstehen, sei vorhanden. Was aber vielleicht am wichtigsten ist: Die Aufgaben, die präzises Verständnis philosophischer Texte sowie die Fähigkeit, sprachlogische Verbindungen zu knüpfen, abprüfen, machen auch mir Spaß. „Das wäre doch was“, denkt mein 18-jähriger Avatar. Und mein echtes Ich möchte gleich noch mal studieren.

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