Serie Evolution : Darwins Einsichten, unsere Aussichten

Anpassen durch Entscheiden: Was der Mensch für sein Überleben aus der Evolutionstheorie lernen kann

Ernst Peter Fischer
Menschenmasse
Platzmangel. Der Mensch vermehrt sich einfach weiter. Kann unsere Spezies lernen, sich nachhaltig zu verhalten? -Foto: Superbild

In der Natur findet ein „Kampf ums Dasein“ statt. Das wissen wir seit Darwin. Dabei merken wir gar nicht, dass dieser Gedanke nicht aus der Natur kommt. Er stammt vielmehr aus der englischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts, die damals erreicht hatte, was sie selbst als industrielle Revolution bezeichnete.

In dieser Gesellschaft nahm die Zahl der Menschen schneller als vorher zu, was den Pfarrer und Volkswirtschaftler Thomas Robert Malthus um 1800 zu einem „Essay on the Principles of Population“ anregte. Darin vergleicht er die Zunahme der Zahl an Menschen mit dem Wachstum in der Produktion von Nahrungsmitteln und kommt zu dem Schluss, dass die Bevölkerung sich viel zu schnell vermehrt, um ausreichend versorgt werden zu können. Die viktorianische Gesellschaft hatte zwar auf diese Warnung reagiert und eine Armenfürsorge installiert, aber Malthus hielt das für den falschen Weg, da es die unteren Schichten nur ermutige, noch mehr Kinder in die Welt zu setzen.

Der Ausdruck „Kampf ums Dasein“ stammt von Malthus und wird bis heute gerne zitiert, obwohl sich Darwin um eine Abschwächung bemüht und bevorzugt von einem „struggle of existence“ spricht. Auch eine zweite Idee, das „Divergenzprinzip“, hat Darwin nicht zuerst bei Tieren und Pflanzen, sondern beim Menschen entdeckt. Der Gedanke kam ihm, als er mit einem Wagen unterwegs war, irgendwo zwischen London und seinem Wohnort Down.

Im Mai 1851 hatte in der englischen Hauptstadt eine von der Industrie geförderte Weltausstellung ihre Tore geöffnet, und Darwin war mit einigen seiner Kinder hingefahren. Dabei muss ihm der Gedanke gekommen sein, dass sich im Verlauf der Evolution Pflanzen- und Tierarten dann besonders gut durchsetzen und behaupten können, wenn ihre Variationen möglichst breit gestreut sind, „als ob die Natur ein Industriebetrieb wäre, in dem ja die Arbeiter bekanntermaßen desto effizienter produzieren, je weiter fortgeschritten die Arbeitsteilung ist – je vielgestaltiger also die Tätigkeiten der Einzelnen sind“. Darwin hatte diese fortschreitende Spezialisierung vor der Weltausstellung bereits mit eigenen Augen in den Töpfereien seiner Schwiegereltern gesehen, und er fügte sie nun in sein dynamisches Naturbild ein.

Es sind also auch Begriffe aus der humanen Lebenswelt und nicht alleine Naturbeobachtungen, die es Darwin 1859 erlauben, seine gefeierte Einsicht in die Entwicklung des Lebens zu formulieren. Er stellt sie in seinem Buch „Über die Entstehung der Arten“ zusammen, dessen Titel allerdings überhaupt nicht hält, was er verspricht. Von einen Verständnis des Ursprungs der Arten sind wir heute noch so weit entfernt wie damals, und was Darwin darstellt, hätte er besser „Die Anpassung der Organismen“ genannt. Um diese geht es auch im Folgenden, das heißt genauer, es geht um die künftig möglichen Anpassungen der einen Art, deren Gesellschaftsform Darwin überhaupt zu seinen Ideen verholfen hat: den Menschen. Wir müssen uns heute, an Darwins 200. Geburtstag fragen, ob die 1859 geäußerte Hoffnung, dass mit der Kenntnis der Evolution auch „Licht auf den Menschen und seine Geschichte“ fallen wird, uns helfen kann, zukunftsfähig zu werden.

Jeder versteht Evolution aus seiner Gesellschaft heraus. Darwins Zeitgenossen etwa schwärmten vom Fortschritt, und sie nahmen – anders als Darwin selbst – an, Evolution meine genau diesen Aufstieg. Und um diese Höherentwicklung nicht abbrechen zu lassen, ersannen sie alle möglichen sozialdarwinistischen (eugenischen) Vorschläge, vor denen uns heute noch graust und die deshalb so sinnlos bleiben, weil die dazugehörigen Maßnahmen im Vergleich mit unserem Alltagstempo unendlich langsam sind. Bis zum Menschen braucht man eben Zeit, viel Zeit.

Es macht also Mühe, aus dem darwinistischen Denken Handlungsmaximen abzuleiten. Beim Nachdenken über die Frage, ob der Gedanke der Evolution uns helfen kann, zukunftsfähig zu werden, fallen einem zunächst nur Gründe ein, warum dies nicht funktioniert. Man hat paradoxerweise eher den Eindruck, dass die Evolution uns daran hindert, unser Überleben zu sichern. Das hat zum Beispiel schon Hoimar von Ditfurth in seinem 1985 erschienenen Buch „So lasst uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen“ bemerkt, wie an drei Zitaten verdeutlicht werden soll:

„An die Existenz einer weltweiten Katastrophe zu glauben, die sich lautlos vollzieht, ohne Blitz und ohne Donner und ohne Gestank, das haben wir nicht gelernt“, und es fällt uns trotz der unveränderten Nachrichten über schmelzende Polkappen schwer, den Klimawandel als reale Gefahr wahrzunehmen.

„Die Bereitschaft der Menschen, zur Vermeidung zukünftiger Nachteile auf aktuelle Vorteile zu verzichten, ist in fataler Weise unterentwickelt. Sie wird zudem durch den Fortschrittsoptimismus untergraben, der mit dem bisherigen Siegeszug unseres Wirtschaftssystems einherging“, wie sich sofort in der politischen Landschaft zeigt, wenn die Produktionszahlen der Autoindustrie sinken. Dann werden sofort unisono die langfristig wichtigen Ziele von Klimaschutzvereinbarungen zweitrangig und die Nachfrage von Produkten angekurbelt, die sowohl unnötig viele Ressourcen verbrauchen als auch mehr Treibhausgase in die Atmosphäre befördern. Und unverändert verkaufen uns politische Parolen für dumm, die die Lösung aller Probleme im Wirtschaftswachstum sehen, ohne zu merken, dass sie damit „Selbstmordattentäter“ werden, da sie auf diese Weise unsere Ökosysteme in die Luft sprengen.

„Unserer Art sind während unserer Vorgeschichte Eigenschaften angezüchtet worden, die uns in der Welt, mit der wir uns heute auseinanderzusetzen haben, nichts mehr helfen können, die uns im Gegenteil in Gefahr zu bringen drohen.“ Wir wissen zum Beispiel, dass die Weltbevölkerung zu schnell wächst und die Tragekapazität des Planeten übersteigt, aber überall in der Welt werden Fruchtbarkeitsrituale zelebriert beziehungsweise die Wissenschaft um Nachwuchs bemüht, und wir freuen uns über jeden Erdenbürger in der Familie – wie es Malthus selbst getan hat. Menschen sind zwar lernfähig, wie der Soziobiologe Eckart Voland feststellt, um knapp und klar zu formulieren, dass daraus nicht geschlossen werden kann, dass wir „belehrbar wären“, gegen unsere Natur zu handeln.

Was ist zu tun? Vielleicht sollten wir genau anders vorgehen als Darwin, womit nicht gemeint ist, dass nur ein Gott uns retten kann, wie Heidegger einmal gemeint hat. Das ist zu billig. Darwin hat aus der menschlichen Gesellschaft heraus verstanden, wie die Natur funktioniert und sich erhält. Sie ist nachhaltig, wie man inzwischen sagen kann, und längst sind einflussreiche Menschen davon überzeugt, dass wir nur überleben können, wenn wir das alte Prinzip Wachstum durch das neue Prinzip Nachhaltigkeit ablösen, bei dem es darum geht, so zu wirtschaften, dass nachfolgenden Generationen dieselben Möglichkeiten bleiben wie uns.

Der Versuch, Nachhaltigkeit zu erreichen, stellt einen Test für die Fähigkeit der Menschen dar, sich im Sinne der Evolution anzupassen – aber nicht durch natürliche Selektion, sondern durch unsere Entscheidung. Zum Glück haben wir ja Darwins Kraft in diesem Jubiläumsjahr gut verstanden. Jetzt sollten wir uns daran machen, über sie hinaus zu gehen. Sonst holt sie uns ein.

Der Autor ist Wissenschaftshistoriker. Zuletzt erschienen: „Der kleine Darwin“, Pantheon 2009, 9,95 Euro.

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