"Ein Klaps auf den Po" galt als probates erzieherisches Mittel

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Serie: Gender in der Forschung (3) : Lernen, wie man Grenzen zieht
Heinz-Jürgen Voß

Bleiben wir bei individuellen und gesellschaftlichen Normen: Erst im Jahr 2000 wurde in den Paragrafen 1631 des Bürgerlichen Gesetzbuches eine Passage aufgenommen, die das Recht von Kindern auf gewaltfreie Erziehung formuliert: „Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.“ Zuvor galt in Deutschland „eine Ohrfeige“ oder „ein Klaps auf den Po“ als probates erzieherisches Mittel.

Das ist heute erfreulicherweise anders. Das lässt sich auch empirisch messen. So hat mein Kollege Konrad Weller in einer Studie zur Jugendsexualität in Ostdeutschland im Jahr 2013 festgestellt, dass die befragten Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 19 Jahren mit 77 Prozent wesentlich häufiger angaben, in ihrer Familie niemals geschlagen worden zu sein, als es die Vorgängerstudie aus dem Jahr 1990 ermittelt hatte (1990: 53 Prozent). Untersuchungen für Westdeutschland zeigen ähnliche Veränderungen.

Flüchtlingen, selbst Minderjährigen, werden medizinische Maßnahmen vorenthalten

Wachsende gesellschaftliche Sensibilität bezüglich Gewalt und sexualisierter Gewalt führt aktuell dazu, dass früher übliche Handlungen als Gewalt erkannt und geächtet werden. Das gilt zumindest für die Mehrheit der Bevölkerung, hingegen werden Geflüchteten, selbst den Minderjährigen unter ihnen, wesentliche Grundrechte und medizinische Maßnahmen wie etwa eine wirksame Traumabehandlung vorenthalten.

Ein weiteres Beispiel für gesellschaftliche Veränderungen betrifft den Umgang mit Homosexualität. Noch bis 1994 bestand in den alten Bundesländern der Strafparagraf 175, der mann-männliche geschlechtliche Handlungen sanktionierte. In Angleichung an DDR-Recht wurde dann Rechtsgleichheit zwischen alten und neuen Bundesländern hergestellt. Der juristische Akt hat auch pädagogische Konsequenzen. Bis 1994 galt es als legitim, dass Homosexualität in Schulbüchern als Krankheit verhandelt wurde. Das geht heute nicht mehr, sondern wird zunehmend als Diskriminierung und Grenzverletzung eingeordnet. In der pädagogischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ist es jetzt Ziel, selbstbestimmten und toleranten Umgang mit Sexualität zu fördern sowie Grenzverletzungen und sexualisierter Gewalt auch gegenüber queeren Jugendlichen entgegenzuwirken.

Queere Jugendliche erleben noch immer erhebliche Diskriminierungen

Dass diese Bildungsarbeit nötig ist, zeigen die Studien zur Situation queerer Jugendlicher, die noch immer erhebliche Diskriminierungserfahrungen dieser Personengruppe erheben. Zur individuellen Bewältigung der Diskriminierung nutzen die Jugendlichen in größerem Maße problematische Strategien: 50 Prozent von ihnen versuchen mit Alkohol, Drogen und weiteren alarmierenden Strategien, Schwierigkeiten zu verkraften; 60 Prozent haben schon an Suizid gedacht, knapp 20 Prozent haben nach eigenen Angaben mindestens einen Suizidversuch hinter sich.

Bei Transgender- und intergeschlechtlichen Jugendlichen sieht die Situation noch deutlich schlechter aus. Internationale Untersuchungen ergaben, dass mehr als 40 Prozent der befragten Trans*-Jugendlichen mindestens einen Suizidversuch unternommen hatten.

Gewalt muss geächtet werden, Menschen müssen selbstbestimmt leben können

Es besteht erheblicher Handlungsbedarf, um einer Gesellschaft nahezukommen, in der Gewalt geächtet ist und Menschen selbstbestimmt leben können. Hierzu sind neben gesellschaftlichen Debatten – sie werden aktuell geführt – konkrete Veränderungen in Aus-, Fort- und Weiterbildung insbesondere pädagogischer Fachkräfte erforderlich.

Bisher gibt es im Studium von LehrerInnen, Fachkräften der Sozialen Arbeit und in der Ausbildung von ErzieherInnen nur in Ausnahmefällen regelmäßige Angebote zu Grenzverletzungen, sexualisierter Gewalt und insgesamt zu sexueller Bildung. Kurz bevor die Fachkräfte aus der Ausbildung kommen, beschleicht sie dann oft das Gefühl, gar nicht genug auf den pädagogischen Alltag vorbereitet zu sein.

Fragen sind zum Beispiel: Wie reagiere ich richtig, wenn ich von einem Jugendlichen angebaggert werde? Was mache ich, wenn mir ein Kind oder Jugendlicher einen sexuellen Übergriff berichtet? Welche Handlungen von Kindern und Jugendlichen sind altersangemessen und entsprechen dem Entwicklungsstand? Welche sind hingegen Grenzverletzungen und Übergriffe und wie interveniere ich richtig?

Gesellschaftlich stehen wir vor der Entscheidung, dass die Fachkräfte unausgebildet und „aus dem Bauch heraus“ reagieren, und damit möglicherweise überrascht und problematisch. Oder sie sind auch im Hinblick auf Sexualität ausgebildet und reagieren professionell. Sexualität ist in den Einrichtungen so oder so da – in den Kindergärten sind es die allen Eltern bekannten „Doktorspiele“, das eigene Erkunden des Körpers und Fragen der Kinder danach, wo die Babys herkommen. Unter Jugendlichen ist es das ausprobierende Hineinwachsen in ihre Erwachsenensexualität.

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