Sehr viele Fachkräfte wünschen Qualifizierungsmaßnahmen

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Serie: Gender in der Forschung (3) : Lernen, wie man Grenzen zieht
Heinz-Jürgen Voß

Eine Begleituntersuchung der Bundesweiten Fortbildungsoffensive für Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe ergab, dass es für 44 Prozent der mehr als 5000 befragten Fachkräfte die erste Fortbildung zum Thema Sexualität und sexualisierte Gewalt war. Mehr als 80 Prozent von ihnen wünschten Qualifizierungsmaßnahmen zu sexualpädagogischen Konzepten und Verfahrensleitlinien, mehr als 60 Prozent zu professionellem Beschwerdemanagement. Wir benötigen bezüglich sexueller Bildung und sexualisierter Gewalt gute Aus-, Fort- und Weiterbildungen. Ziel muss es sein, dass es in allen auf die Arbeit mit Menschen zielenden Studiengängen und Ausbildungen entsprechende Lehrinhalte gibt.

Gleichzeitig zeigt sich Bedarf an innovativer Forschung. So zielen die Beschäftigungen von Zülfukar Çetin, Salih Alexander Wolter und mir (in Erarbeitung des im Psychosozial-Verlag erscheinenden Bandes „Schwule Identität – schwule Sichtbarkeit“) aktuell darauf, die Auswirkungen schwuler und lesbischer Identitätspolitik facettenreich zu untersuchen.

Jugendliche sollen sich ausprobieren und sich nicht gleich zuordnen müssen

Mit Blick auf die sexualpädagogische Arbeit ist die folgende Frage interessant: Das „Coming-out“ – sich als schwul, bi oder lesbisch zu identifizieren, gilt aktuell gemeinhin als wesentlicher Schritt, um sich auch gegen Diskriminierungen zur Wehr setzen zu können. Das ist eine der berechtigten Sichten.

Eine andere stellt die Frage, warum denn eigentlich dieses klare Bekenntnis anhand der Partnerpräferenz zu Frauen oder/und Männern erfolgen muss. Ist es möglich, dass erst durch die Notwendigkeit, sich eindeutig festzulegen, für junge Menschen als ausweglos erscheinende Situationen hergestellt werden? Könnte es eine andere – und bessere – Möglichkeit sein, jungen (und auch älteren) Menschen von einem „Coming-out“ abzuraten – und sie vielmehr dazu anzuregen, sexuelle Erfahrungen zu sammeln und sich nicht gleich als „schwul“, „lesbisch“ oder „heterosexuell“ einzuordnen, nur weil sie mal oder auch häufiger gegenseitig gleich- oder andersgeschlechtlich masturbierten, gleich- oder andersgeschlechtliches Petting oder penetrierenden Sex hatten?

„Selbstbestimmt“ im Hinblick auf Sexualität könnte dann auch bedeuten, sich nicht in feste Kategorien einfügen zu müssen; „zu sich selbst zu stehen“ könnte heißen, Raum für sich einzufordern, sich selbst auszuprobieren.

Der Autor hat im Rahmen der vom Bundesbildungsministerium geförderten Forschungslinie zur sexuellen Gewalt in pädagogischen/institutionellen Kontexten eine Forschungsprofessur an der HS Merseburg inne. Das von ihm verwendete Sternchen in Trans* steht für die Fülle von Identitätsformen, die mit dem Wort „Trans“ gemeint sein können. - Den ersten Beitrag in der Serie "Gender in der Forschung" - Ilse Lenz: Keine Angst vorm bösen Gender - lesen Sie hier. Den zweiten Beitrag - Kerstin Palm: Auch das Biologische ist sozial - lesen Sie hier.

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